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Geschichte eines Raubkopierers: Der Mann, der die Musikindustrie zerstörte

2000 Top-Alben stellte Benny Glover ins Netz und brachte so die Musikindustrie an den Rand des Abgrunds. Vom Arbeiter im CD-Werk wurde er zum Raubkopier-König. Das Geld verprasste er.

Von Christoph Fröhlich

Die Musikindustrie unterschätzte lange die Gefahr durch Raubkopien. (Symbolbild)

Die Musikindustrie unterschätzte lange die Gefahr durch Raubkopien. (Symbolbild)

Die Musik-Industrie war lange Zeit eine Gelddruckmaschine: Eine CD wurde für weniger als zwei Dollar produziert und für den siebenfachen Preis im Laden verkauft. Die Künstler und Studios verdienten Milliarden. Das ging solange gut, bis das Breitband-Internet die Welt eroberte und Raubkopierer die angesagtesten Alben kostenlos ins Netz stellten, meist weit vor dem offiziellen Release-Termin.

Doch wie kamen die Kriminellen überhaupt an die Alben? Das US-Wochenmagazin "New Yorker" erzählt die Geschichte von Bennie Lydell Glover, einem der größten Raubkopierer aller Zeiten. Innerhalb von wenigen Jahren wurde er zum König der Szene. Bis zum Jahr 2006 brachte er mehr als 2000 Alben von den angesagtesten Künstlern in Umlauf. Ein Jahr später wurde er von der Polizei geschnappt.

Anfänge eines Raubkopierers

Die ungewöhnliche Karriere von Bennie Lydell Glover, einem Zeitarbeiter aus einer CD-Fabrik in North Carolina, begann an einem Samstagabend im Jahr 1994: Er feierte mit Kollegen eine entspannte Wochenend-Party. Doch als der DJ in den Abendstunden die Musik aufdrehte und die Leute zu tanzen begannen, wunderte sich Glover: Wie konnte es sein, dass Songs gespielt wurden, die er noch nie gehört hatte - obwohl er regelmäßig in den Clubs der Stadt abhing?

Später realisierte Glover, dass der Gastgeber Alben aus der CD-Fabrik geschmuggelt hatte. Und das brachte ihn auf eine ungewöhnliche Geschäftsidee: Er kaufte CDs von Mitarbeitern, die regelmäßig sogenannte Pre-Release-Alben mitgehen ließen, und kopierte die Scheiben mit einem Brenner. Diese Kopien verkaufte er anschließend gewinnbringend weiter. Sein Business florierte, allerdings nur im kleinen Stil: Ein CD-Brenner kostete knapp 600 US-Dollar und brauchte 40 Minuten, um einen Rohling zu brennen.

Erst 1996 nahm sein Geschäft Fahrt auf: Glover erhielt in der CD-Fabrik eine Festanstellung mit höherem Lohn. Damit belohnte ihn die Firma - eine dumme Idee. So beschleunigten Sie den Untergang der Musik-Industrie, denn von dem Geld kaufte sich Glover einen Breitband-Internetzugang, einen der ersten des Landes. Damit konnte er nicht nur mit flinken 400 Kilobit pro Sekunde durchs Netz surfen, er war auch in der Lage, Dateien zu tauschen.

Es dauerte nicht lange, bis er die sogenannte Warez-Szene entdeckte, in der MP3-Alben getauscht wurden. Der Vorteil des MP3-Codecs war, dass bei ähnlicher Soundqualität nur ein Zehntel der Dateigröße benötigt wurde. Durch MP3s verbreiteten sich neue, angesagte Alben rasend schnell - ohne dass die Studios Notiz davon nahmen. Noch 1998, schreibt der "New Yorker", wurde der MP3-Codec von der Musikindustrie als ungefährlich angesehen.

Vom Kleinkriminellen zum Warez-König

Glover zog sein Geschäft immer professioneller auf: Aus einem Brenner wurden sieben, Tausende Dollar investierte er in PC-Hardware. Damit war es ihm möglich, bis zu 30 CDs pro Stunde zu brennen. Zudem beschränkte er sich nicht mehr nur auf Musikalben, sondern kopierte auch Playstation-Spiele, Software und Filme - also alles, was auf einen Rohling passte. Die Kopien verkaufte er anschließend aus dem Kofferraum seines Jeeps.

Den Sprung vom Kleinkriminellen zum Warez-König vollzog er Ende der Neunziger: Ein Arbeitskollege vernetzte ihn mit anderen Filmpiraten, sodass Glover Zugriff auf die wahren Schätze der Raubkopierer-Szene erhielt: Filme, die noch im Kino liefen und Games, die noch nicht im Handel lagen. Dafür trat er einer Bande namens "Rabid Neurosis" bei, Kurzform RNS. Diese rivalisierte mit anderen Gruppen. Das Ziel war es, als erstes ein neues Album oder Spiel zu veröffentlichen. Ein Leichtes für Glover, der durch seinen Job im Presswerk direkt an der Quelle saß.

Obwohl seine Firma immer strengere Diebstahl-Vorkehrungen traf, bekam Glover durch ein raffiniertes System jedes neue Album in seine Hände. So wurde er ab dem Jahr 2001 zum größten Leaker von Pre-Release-Alben weltweit - obwohl er nie eigenhändig eine CD aus der Fabrik schmuggelte, sondern immer nur seine Laufburschen. Er veröffentlichte Jay Z's "The Blueprint" und Queens of the Stone Age's "Rated R", er hatte die Top-Alben von Björk, 3 Doors Down und Blink-182. Sein Höhepunkt kam im Mai 2002: Glover veröffentlichte "The Eminem Show" - 25 Tage vor dem offiziellen Release-Termin. Eminem musste daraufhin den Album-Start vorziehen.

Die Verlockung war zu groß

Im Jahr 2002 legte er sich einen DVD-Brenner zu und verkaufte 200 bis 300 Filme pro Woche für fünf Dollar pro Stück - manche wurden noch nicht einmal im Kino gezeigt. Später machte er über Mittelsmänner mehrere Tausend Dollar pro Woche. Besonders guten Kunden bot er eine Webseite an, in der sie gegen eine Monatspauschale so viele Filme schauen konnten, wie sie wollten. Glover betrieb sozusagen eine Art privates Netflix.

Das Geld verschleuderte Glover im großen Stil: Er kaufte Spielkonsolen für sich und seine Freunde, er kaufte Quads, einen SUV und teure Stereoanlagen. 2005 veröffentlichte seine Bande vier der fünf populärsten Alben des Jahres. Bis Ende 2006 hatte Glover knapp 2000 CDs aus dem Presswerk geschmuggelt und ins Internet gestellt.

Er hatte keine Angst mehr, gefasst zu werden, dennoch wollte er sich aus der Szene zurückziehen. Er begann seine kriminelle Karriere mit Mitte zwanzig, nun war er 32. Für kurze Zeit zog er den Stecker, doch er konnte die Finger nicht von den Raubkopien lassen: Immer wieder lud er Alben hoch, um im Gegenzug Zugriff auf die neuesten Games zu bekommen. "Zu wissen, dass ich das neue Madden zwei Monate vor Release spielen konnte - das war für mich der Himmel", sagte Glover dem Buchautor Stephen Witt.

Am 12. September 2007 wurde Glover von der Polizei gefasst, das FBI durchsuchte sein Haus. Im Oktober 2010 bekannte sich Glover wegen Urheberrechtsverletzung schuldig, er saß drei Monate im Gefängnis. Die meisten seiner Komplizen kamen ohne Strafe davon, obwohl RNS in elf Jahren mehr als 20.000 Alben veröffentlichte.

Die ganze Geschichte gibt es in Stephen Witts Buch "How Music Got Free", das am 16. Juni erscheint.