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Amazon-Gründer: Der stille Milliardär greift an: Warum Jeff Bezos mit seiner Nacktbild-Affäre so überrascht

Statt sich mit Nacktfotos erpressen zu lassen, hat Amazon-Chef Jeff Bezos den Spieß umgedreht - und die Zeitung "National Enquirer" öffentlich angeprangt. Für den von Privatsphäre besessenen Milliardär erscheint das zunächst überraschend. Dabei passt es genau zu ihm.

Amazon-Gründer Jeff Bezos wirft Boulevardblatt Erpressung vor

Jeff Bezos, Amazon-Gründer und "Washington Post"-Eigentümer

DPA

Er wolle sich nicht erpressen lassen - so erklärte Jeff Bezos am Donnerstag seine Entscheidung, selbst öffentlich zu machen, dass die Klatschzeitschrift "National Enquirer" ihn mit peinlichen Bildern inklusive Nacktfotos unter Druck setzen wollte. Statt sich seine Privatsphäre teuer zu erkaufen, wendete der reichste Mann der Welt das Blatt zu seinen Gunsten. Und obwohl er lange für seine Schweigsamkeit bekannt war, blieb er sich dabei treu.

Schweigen als Prinzip

Zunächst erscheint die Entscheidung jedoch untypisch. Amazon und auch Bezos selbst gelten als extrem verschwiegen. Komplette Produktkategorien wie der Kindle oder Amazon Echo wurden vollständig außerhalb des Lichtes der Öffentlichkeit entwickelt, nicht einmal bei der Verkündung der Quartalszahlen äußert sich Bezos. Und wer die Raumfahrtbemühungen seiner Firma "Blue Origins" besucht, muss erst einmal ein Schweige-Abkommen unterzeichnen. Als der Firma einmal eine Testrakete abstürzte, erfuhr die Öffentlichkeit erst Tage später davon. "Wir sind eben ruhig und sprechen nur, wenn wir etwas zu sagen haben", soll Bezos einmal gesagt haben.

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Auch privat gab er wenig von sich Preis. Seit 25 Jahren waren Jeff Bezos und seine Frau MacKenzie verheiratet, nie drang etwas aus der Ehe oder dem Familienleben mit drei leiblichen und einem Adoptivkind nach außen. Bis im "National Enquirer" Anfang des Jahres erstmals Chats aus seiner Affäre veröffentlicht wurden. Bezos ging in die Offensive, verkündete gemeinsam mit MacKenzie bei Twitter das Ende ihrer Ehe. Gemeinsam mit seiner Geliebten Laura Sanchez begann er sich bei Events zu zeigen. Und ließ nun selbst die Bombe über die Nacktfotos platzen.

Kalter Stratege

Der krasse Strategie-Wechsel erscheint angesichts der sonst hohen Geheimhaltung überraschend, passt aber laut Bezos' Vertrauten zu seinem Charakter. "Er spielt seine Hand so gut er kann, wenn man bedenkt, was an die Öffentlichkeit geraten ist", urteilt etwa Shel Kaphan gegenüber der "Washington Post". "Der Schaden ist bereits da und er liegt vermutlich mit seiner Annahme richtig, dass es kaum schlimmer würde, wenn die Bilder herauskämen." Kaphan war nach Bezos und seiner Frau die erste Angestellte bei Amazon. "Es wäre sehr typisch für Jeff, wenn er strategisch seine Möglichkeiten abwägen würde und dann die Entscheidung träfe, die ihn in der besten Position zurücklässt und den Schaden minimiert."

Trotz seiner öffentlichen Zurückhaltung ist Bezos als kühl kalkulierender, teils durchaus skrupelloser Geschäftsmann bekannt. Immer wieder traf er Entscheidungen, die den Konzern zwar kurzfristig in einen Konflikt trieben, ihn am Ende aber stärkten. So lieferte sich Amazon brutale Preisschlachten mit dem Einzelhandel und anderen Onlinehändlern, geriet wegen seiner Dumping-Löhne immer wieder in Kritik. Für den Aufstieg zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt dürften diese aggressiven Taktiken aber essenziell gewesen sein.

Bei seinen privaten Finanzen ließ sich Bezos durchaus unter Druck bringen. Als mehrere Zeitungen, unter anderem die "New York Times", darauf hinwiesen, dass Bezos nur sehr wenig Geld spendet, reagierte er darauf relativ schnell und fragte bei Twitter nach Vorschlägen, wo er am besten Gutes tun könnte. Seitdem hat er deutlich größere Summen zur Verfügung gestellt, etwa um die Obdachlosigkeit in Amazons Heimat-Bundesstaat Washington einzudämmen. Trotz des Drucks wählt Bezos allerdings weiter sein eigenes Tempo: Anders als viele andere Milliardäre wie Bill Gates, Warren Buffet und auch Mark Zuckerberg hat sich Bezos nicht öffentlich verpflichtet, den Großteil seines Vermögens zu spenden.

Spielen mit offenen Karten

Beim öffentlichen Anprangern der Erpressungs-Strategien des "National Enquirer" dürfte aber auch Bezos' Sicherheitsberater Gavin de Becker eine Rolle gespielt haben. Der langjährige Vertraute des Amazon-Chefs und Sicherheitsberater vieler Prominenter rät schon länger dazu, bei Erpressung in die Offensive zu gehen. In seinem Buch "The Gift of Fear" schreibt er nach Angaben der "Washington Post", dass die beste Antwort auf einen Erpressungs-Versuch mit einer außerehelichen Affäre sei, den Partner sofort einzuweihen. Seiner Ansicht nach ist der kurzfristige Schmerz besser zu verarbeiten als die Folgen einer langfristigen Erpressungs-Affäre.

De Becker soll nach aktuellen Berichten auch herausgefunden haben, wer die Bilder und Chat-Protokolle gestohlen hat. Öffentlich äußert er sich dazu nicht. Bereits am Freitag wurde Michael Sanchez, Bruder von Bezos' Geliebter und Trump-Fan, dahinter vermutet, mittlerweile bestätigten das auch Quellen aus dem Verlag des "National Enquirer" gegenüber "The Daily Beast". Zeitweise wurden auch staatliche Akteure, etwa aus dem saudischen Königshaus oder dem Umfeld Donald Trumps hinter der Affäre vermutet.

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Woher stammen die Bilder?

Ein Anwalt des "National Enquirer" hat das aber dementiert. Es sei eine Person aus dem direkten Umfeld von Sanchez und Bezos, sagte er "CNN". Ob es sich um Michael Sanchez handelt, verriet er aber nicht. Dafür leugnete er aber den Vorwurf der Erpressung. In einer Mail machte die Zeitung das Angebot, die Nacktfotos nicht zu veröffentlichen, wenn Bezos öffentlich seine Aussage zurückzöge, der "Enquire" würde bei seiner Berichterstattung politisch beeinflusst. Dabei handle es sich um eine "legitime Verhandlung", nicht aber um Erpressung, so der Anwalt.

Was Bezos selbst zu den neuen Entwicklungen denkt, ist nicht bekannt. Seit er die Geschichte in einem Blog-Post veröffentlichte, hat er sich nicht mehr öffentlich geäußert. Selbst seiner eigenen Zeitung, der "Washington Post", verweigerte er die Zusage für ein Interview.

Quellen: The Daily Beast, CNN, Washington Post, Medium, The New York Times

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