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Führungswechsel: Die Google-Gründer haben die Ära des PCs geprägt - nun will ihr Nachfolger ihn abschaffen

Mit Google haben Sergey Brin und Larry Page das Internet für immer verändert - und vieles mehr erreicht. Nun reichen sie den Stab endgültig weiter. Ihr Nachfolger Sundar Pichai übernimmt den Konzern in einer heißen Phase.

Video: Google-Gründer Page und Brin treten ab

Es war ein überraschender Brief, den die Google-Gründer gestern an die Mitarbeiter und den Rest der Welt richteten. Schon 2015 hatten sie Googles Führung an Sundar Pichai abgegeben, behielten als Chefs des neu gegründeten Mutterkonzern Alphabet aber eigentlich weiter die Kontrolle. Nun übergeben sie Pichai auch diese Rolle. Es ist das Ende einer Ära.

Page und Brin haben das moderne Internet geprägt wie kaum sonst jemand. Nicht umsonst nutzt jeder selbstverständlich das Verb googeln, um Internetsuchen zu beschreiben. Mit anderen Produkten wie Google Maps und cleveren Zukäufen wie Youtube und dem Smartphone-Betriebssystem Android hat der Konzern unter ihrer Leitung wichtige Teile der modernen Kommunikation mitgeprägt und teilweise neu erfunden. Und auch Google hat sich in dieser Zeit mächtig verändert.

Denn das Google von heute ist natürlich nicht dieselbe Firma, die Page und Brin 1998 in einer Garage gegründet haben. Niemand weiß das besser als die beiden. Ihr Konzern sei reifer geworden, 21 Jahre nach der Gründung sei er nun bereit, aus dem Nest seiner Eltern auszuziehen, schreiben sie in ihrem Brief.

Vom Spielplatz zum Milliardengeschäft

Und tatsächlich hat sich viel getan. Google, das war lange Zeit der Spielplatz der Techszene. Geprägt von Bällebad und einer Vorgabe, man solle an einem Arbeitstag arbeiten, an was man wollte, entstanden in der Heimat Mountain View zahlreiche Ideen, die so sonst wohl nirgendwo sonst umsetzbar gewesen wären. Unter dem Motto "Don't be evil" (sei nicht bösartig) entstanden Googles Mail-Dienste, die Datenbrille Glas und verrückte Projekte wie der Versuch, das Internet mit Heißluftballons grenzenlos zu machen. 

Seit dem ist viel passiert. Google ist dank des hochprofitablen Werbegeschäfts einer der größten Konzerne der Welt und legte unter Pichais Führung noch deutlich schneller zu. Das Bällebad ist in neuen Unternehmensstandorten längst verschwunden, unzählige der alten Hobby-Projekte wurden eingestellt. Dafür hat man sich mit dem stetig wachsenden Could-Geschäft und Pichais Fokus auf künstliche Intelligenz völlig neue Geschäftsfelder eröffnet. 

Proteste im eigenen Haus

Und mit manchen davon - auch intern - durchaus für Kontroversen gesorgt. Denn nicht alle dieser Geschäfte scheinen auch mit dem alten Motto vereinbar. Hatte sich der Konzern mit seinen Zensurverweigerungen gegenüber China noch 2010 aus dem größten Markt der Welt ausgesperrt, denkt man unter Pichai sogar über eine eigene Suchmaschine für den Staat hinter der großen Firewall nach. Auch das US-Militär verschmähte man zunächst nicht als Kunden: Mit künstlicher Intelligenz verbesserte man die Zielfähigkeit von Drohnen. Beide Aktionen sorgten im letzten Jahr für massive Proteste unter den Angestellten. Da war der Slogan "Don't be evil" schon längst von allen Firmenseiten getilgt. Am Ende gab der Konzern in beiden Fällen nach: Die Projekte wurde gestoppt.

Der Rückzieher vor der eigenen Belegschaft ist kein Zufall: Obwohl sich die Firmenkultur durchaus verändert hat, ist die größte Stärke von Google nach wie vor seine Mitarbeiterschaft. Das weiß auch Pichai, der sich im Konzern seit 2004 hochgearbeitet hat. Ohne die geballte Kompetenz seiner Mitarbeiter und Googles Kultur des Wettbewerbs um die beste Idee wären viele der Ideen der letzten Jahre - vom selbstfahrenden Auto bis zu Vermessung der Welt in Google Earth - nie zustande gekommen.

Auch die Umsetzung von Pichais Visionen wäre ohne sie kaum möglich gewesen. Unter seiner Führung hat Google sich als einer der größten Experten für künstliche Intelligenz entwickelt. Zudem richtet man sich immer mehr in Richtung "Ambient Computing" aus, dem körperlosen Rechner. Mit Googles Smartphones und den Sprachlautsprechern von Google Nest wird Googles Assistant dabei immer mehr zum allgegenwärtigen Begleitern, zu dem man spricht, ohne darüber nachzudenken, welches Gerät nun antwortet - und von welcher Webseite am Ende die Antwort stammt. Der Computer und das Internet treten dabei komplett in den Hintergrund. Googles Ambitionen sind längst größer als die Wissensmaschine und der Werbeanbieter.

Der Wechsel kam früher

Ob sich der Wechsel der Führungsspitze besonders bemerkbar macht, wird sich zeigen müssen. Der Rückzug begann eigentlich schon mit Pichais Übernahme 2015. Offiziell übernahmen die Gründer mit Alphabet zwar die Verantwortung für Google und seine vielen Schwesterfirmen wie den automatischen Fahrdienst Waymo. De facto verschwanden sie mit dem Schritt aber aus der Öffentlichkeit. Als Google-CEO hatte Pichai die Aufmerksamkeit weitgehend für sich, nur in Ausnahmefällen ließen die beiden Gründer von sich hören, erklärte Journalistin Kara Swisher bei Twitter. Nun wollen sie nur als Berater in Googles Aufsichtsrat zur Verfügung stehen.

Auch Brin und Page ist bewusst, wie weit sich ihre Firma entwickelt hat. "Wir sind tief demütig zu sehen, wie sich ein kleines Forschungsprojekt zu einer Quelle des Wissens und der Stärkung von Milliarden Menschen entwickelt hat. Eine Wette, die wir als zwei Stanford-Studenten abschlossen, und die zu unzähligen weiteren Möglichkeiten führte", schreiben sie in ihrem Abschiedsbrief. Den Weg des Unternehmens hätten sie sich nie ausgemalt. Nun dürften sie gespannt beobachten, wo es weiter hingeht.

Quelle: Google Blog, Twitter