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Gleichstellung der Homo-Ehe: Steckt hinter den Regenbogen-Bildern ein Facebook-Experiment?

Millionen Menschen feiern die Gleichstellung der Homo-Ehe in den USA und haben auf Facebook ein Regenbogen-Profilbild eingerichtet. Doch was steckt dahinter? Und ist es ein Facebook-Experiment?

Picture Alliance/Facebook

Picture Alliance/Facebook

Wer derzeit seine Freundesliste bei Facebook durchscrollt, dürfte viele Profilbilder in bunter Regenbogen-Optik finden. Der Anlass dafür ist die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in den USA, die Homo-Ehe landesweit zu legalisieren. Das Urteil beendet eine jahrzehntelange Diskriminierung und war im eher prüden Amerika ein echter Paukenschlag.

Seitdem feiert das Netz: Zahlreiche Promis freuten sich über die Gleichstellung der Homo-Ehe, auf Twitter verbreitete sich der Hashtag #Lovewins. Facebook selbst hat mit "Celebrate Pride" ein simples Tool zur Verfügung gestellt, mit dem Nutzer ihr Profilbild durch eine Regenbogen-Version ersetzen können. Und das kommt an: Millionen Menschen nutzten den Dienst bereits in den ersten Stunden - am Sonntag erinnerte Facebook an eine riesige Regenbogenlandschaft. Doch steckt hinter der Aktion vielleicht noch mehr? Diese Frage wirft das US-Portal "The Atlantic" in einer umfangreichen Analyse auf.

Ein Facebook-Experiment?

"Das ist möglicherweise ein Facebook-Experiment", schrieb der Wissenschaftler Cesar Hidalgo vom renommierten MIT-Institut am Wochenende in einem Facebook-Beitrag, als er sein Profilbild in Regenbogenfarben tauchte. "Die Frage ist, wie lange es dauert, bis die Menschen ihr Profilbild wieder zurücksetzen." Ähnlich äußert sich Stacy Blasiola von der Universität von Illinois. Auch sie tauschte am Wochenende ihr Profilbild aus, dazu schrieb sie: "Das ist eine wissenschaftliche Studie, an der ich mitmachen will."

Ist das wahr? Ein Facebook-Sprecher erklärte gegenüber "The Atlantic", das "Celebrite Pride"-Programm wurde von zwei Praktikanten während eines Hackathons, eine Art sportlicher Programmierwettkampf, entwickelt. Als es unter Facebook-Mitarbeitern populär wurde, entschloss man sich dafür, es allen Nutzern zur Verfügung zu stellen - pünktlich zur Entscheidung des US-Gerichtshofs. Dem Sprecher zufolge "ist es kein Experiment oder Test - jeder sieht die gleichen Dinge". Das heißt konkret: Facebook greift nicht aktiv in die Timeline der Nutzer ein. Das unterscheidet die derzeitige Situation von solchen aus der Vergangenheit.

Doch womöglich beobachtet Facebook die "Celebrate Pride"-Aktion sehr genau, um daraus Erkenntnisse über menschliche Verhaltensmuster zu gewinnen. So könnte man anhand der Like-Zahlen unter den neuen Profilbildern untersuchen, ob die öffentliche Akzeptanz der Gleichstellung von Homo-Ehen in den vergangenen Jahren zugenommen hat und ob der eigene Freundeskreis diese Akzeptanz beeinflusst. Das alles kann Facebook auch ohne Manipulation der Timeline herausfinden.

Neue Chance für Wissenschaftler

In der Vergangenheit sorgte Facebook mit umstrittenen Experimenten für Schlagzeilen: Im Januar 2012 wurden der Newsfeed von knapp 690.000 Nutzern manipuliert. Eine Gruppe bekam vor allem positive Beiträge ihrer Freunde zu sehen, die anderen eher solche mit negativer Stimmung. Mit einer speziellen Sprachsoftware wurden Millionen Facebook-Einträge analysiert und einer der beiden Gruppen zugeordnet. Die Forscher wollten dann ermitteln, ob sich durch den Inhalt des Newsfeeds auch die Beiträge der Betroffenen verändern, sprich: ob sie selbst positiver oder negativer schreiben als vorher. Das Ergebnis: Die Stimmung der Nutzer veränderte sich tatsächlich allein dadurch, dass sie den einseitigen Gefühlsäußerungen ihrer Facebook-Freunde ausgesetzt waren. Ein direkter Kontakt war dafür nicht nötig. Psychologen nennen diesen Effekt "emotionale Ansteckung".

Auch sonst ist Facebook für Forscher eine wahre Goldgrube. Im März 2013 ersetzten innerhalb kurzer Zeit knapp drei Millionen US-Nutzer ihr Profilbild durch ein rotes Quadrat mit einem rosa Gleichheitszeichen. Das Symbol stammte von der US-Menschenrechtsgruppe "Human Rights Campaign" und stand für die Gleichstellung der Homo-Ehe. Zwei Datenexperten von Facebook analysierten die Bewegung und fanden heraus, welche Faktoren nötig sind, um einen Nutzer zum Wechsel des Profilbildes zu bringen. Außerdem untersuchten sie, wie sich Bürgergruppen online organisieren - und wie diese größere soziale Bewegungen beeinflussen.

Das Ergebnis: Ob jemand an einer solchen Aktion teilnimmt, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem der politischen Einstellung, der Religion und dem Alter. Menschen um die 30 sind am empfänglichsten für solche Kampagnen, Frauen ändern ihr Profilbild zudem häufiger als Männer. In Universitäts-Städten ist die Quote der Profilbild-Wechsler höher als in anderen Regionen und je mehr eigene Freunde das Bild wechseln, desto eher ist man bereit, dasselbe zu tun. Damit unterscheidet sich das Verhalten massiv von anderen Social-Media-Phänomenen, wenn etwa witzige Bilder oder Videos geteilt werden.

Daraus ergibt sich den Wissenschaftlern zufolge eine spannende Frage: Beeinflussen sich Facebook-Freunde gegenseitig oder wählen sie Freunde mit ähnlichen Ansichten aus? Diese Frage konnten die Wissenschaftler bislang nicht beantworten. Die jüngste Bewegung zur Gleichstellung der Homo-Ehe bietet Forschern nun eine neue Gelegenheit, die Verhaltensmuster in sozialen Netzwerken zu untersuchen - wenn auch das grundsätzliche Thema das gleiche ist.

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