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Fragen und Antworten

Netzwerk unter Druck: Warum Werbekunden gerade jetzt Facebook boykottieren

Mehr als 200 Unternehmen weltweit verzichten aktuell auf Facebook-Werbung. Auch in Deutschland kommt der Boykott allmählich an, darunter bei Firmen wie Volkswagen und Adidas. Wir erklären, worum es in der Debatte geht.

Internetkonzern in der Kritik: Zu wenig Einsatz gegen Hassrede – Facebook verliert weitere Anzeigenkunden

Facebook gerät immer stärker unter Druck: Seit Jahren gelingt es dem Unternehmen nicht, Hass, Diskriminierung und Fake News von der eigenen Plattform fernzuhalten. Das wird dem Konzern nun zum Verhängnis: Immer mehr namhafte Werbekunden wollen bei dem Netzwerk vorerst keine Anzeigen mehr schalten. Neben Kommentaren und Beiträgen voller Hass und Hetze wollen sie mit ihren Werbebotschaften nicht auftauchen, so der Tenor. Für Facebook ist das ein Problem, schließlich verdient das Unternehmen sein Geld fast ausschließlich mit Werbung - 99 Prozent des Umsatzes stammen aus dem Geschäft mit Anzeigen.

Werbeboykott bei Facebook: CEO Mark Zuckerberg

Facebook-Gründer und Großaktionär Mark Zuckerberg steht derzeit mal wieder unter Druck

DPA

Warum findet der Boykott gerade jetzt statt?

Diverse Organisationen drängen Facebook seit vielen Jahren, mehr gegen Hass- und Hetzbotschaften zu unternehmen - bislang weitgehend erfolglos. Angeheizt wurde die Debatte nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen US-Polizisten. Floyds Tod löste landesweite Proteste gegen Polizeibrutalität und Rassenungerechtigkeit aus.

Daraufhin verbreiteten sich in sozialen Netzwerken Verschwörungstheorien und Fehlinformationen über Floyds Tod, die Facebook nicht konsequent entfernte. Als Reaktion darauf wurde im Mai die Kampagne "Stop Hate For Profit" ("Stopp Hass für Profit") ins Leben gerufen. Die Aufforderung: Werbetreibende sollen ein Zeichen setzen und im Juli 2020 nicht auf Facebook werben. 

Gab es noch weitere Streitpunkte?

Für Diskussionen sorgte auch der Umgang mit einem Posting von US-Präsident Donald Trump: Während Twitter einen seiner Beiträge über Briefwahlen in den USA mit einer einordnenden Anmerkung versah, ließ Facebook den Beitrag unverändert auf seiner Plattform, weil Trumps Bemerkung nicht gegen die Regeln des Netzwerkes verstoße.

Zudem nahm das Unternehmen auch "Breitbart News", eine rechte US-Website, als "vertrauenswürdige" Quelle in seinen Nachrichtendienst auf, ebenso wurde die rechte Nachrichten- und Meinungsseite "The Daily Caller" einer der Partner des Unternehmens bei der Faktenüberprüfung. All das heizte die schwelende Debatte weiter an.

Eine Frau schaut genervt auf ihr Smartphone

Wie viele Unternehmen sind dem Boykott-Aufruf gefolgt?

Mittlerweile beteiligten sich rund 200 Unternehmen weltweit an dem temporären Werbeboykott, darunter die Café-Kette Starbucks, Getränke-Gigant Coca-Cola, Mozilla, Ecosia, Levi's, Dockers, Ben & Jerrys und der Konsumgüterriese Unilever. Aus Deutschland beteiligen sich nun auch Volkswagen, Adidas und Puma. Der Boykott soll nach Angaben der beiden Sportartikel-Hersteller zunächst für Juli gelten.

Wie hat Facebook reagiert?

Bislang verhalten. Das Unternehmen betont, dass es auf seiner Plattform keine Hassreden zulässt, räumt aber ein, dass es mehr tun könnte, um dieses Problem anzugehen. Laut eigenen Aussagen entfernte das Netzwerk im vergangenen Quartal fast zehn Millionen Beiträge wegen Verstoßes gegen seine Regeln gegen Hate Speech, die meisten wurden entfernt, bevor sie von Nutzern gemeldet wurden. Das soziale Netzwerk stützt sich im Kampf gegen Hassreden auf eine Mischung aus menschlichen Gutachtern und Technologie, bislang jedoch mit durchwachsenen Ergebnissen.

"Natürlich möchten wir es noch besser machen", sagte Nick Clegg, Facebooks Vizepräsident für Globale Angelegenheiten und Kommunikation, im Rahmen einer Pressekonferenz am 17. Juni. "Wir müssen mehr tun. Wir müssen schneller vorankommen, aber wir machen erhebliche Fortschritte." Facebook-CEO Mark Zuckerberg kündigte Änderungen an, die den Organisatoren der Kampagne "Stop Hate for Profit" jedoch nicht weit genug gehen.

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cf