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Soziale Medien Facebook nach Christchurch: Don Zuckerbergs Kampf gegen Windmühlen

Der 28-jährige Brenton T. filmte seine grausame Tat, offenbar mit einer Helmkamera
Der 28-jährige Brenton T. filmte seine grausame Tat, offenbar mit einer Helmkamera
© Handout / AFP
1,5 Millionen Mal musste Facebook das Video des Terroranschlags in Christchurch löschen. Vorher hatte der Täter sein brutales Vorgehen dort live gestreamt. Die sozialen Netzwerke stehen vor einem Problem.

Es sind grausige Bilder. Menschen fliehen, leiden, sterben - und alles ist aus der Sicht des eiskalten Täters zu sehen. Der Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch wurde vom Attentäter live bei Facebook übertragen, er kommentierte seine grausige Tat, als handelte es sich um ein Videospiel. Alleine in den 24 Stunden nach dem Anschlag musste das Netzwerk den Clip 1,5 Millionen Mal löschen. Und zeigt damit ein schier unlösbares Problem der sozialen Medien.

Denn die wirklich schockierende Zahl ist eine andere. Von den 1,5 Millionen hochgeladenen Videos wurden nur 1,2 Millionen von Facebook automatisch als Problem erkannt, sie wurden direkt geblockt und nie einem Nutzer gezeigt. Das heißt aber im Gegenzug: 300.000 Mal konnten Nutzer am Samstag das Terror-Video bei der Plattform erfolgreich verbreiten, bevor es entdeckt wurde. Wie oft diese Clips abgerufen wurden, verriet Facebook laut "CNN" nicht. Auch ob tatsächlich alle Varianten gefunden wurden, lässt sich nicht beantworten.

Die Verrohung der sozialen Medien

Auch bei Twitter, Youtube und anderen Plattformen hatte sich der Clip verbreitet. Reddit sperrte in der Folge die Unterseite "Watchpeopledie", in der schon vorher Clips von Morden und Unfällen mit tödlichem Ausgang gesammelt wurden. Solche Inhalte sind zwar schon seit Jahrzehnten im Netz zu finden, mit den sozialen Medien sind sie aber von dubiosen Ecken des Netzes direkt in den Mainstream katapultiert worden.

Die Betreiber der sozialen Netze stehen vor einem Dilemma. Sie wollen eigentlich jedem die Möglichkeit geben, frei Inhalte zu teilen, um möglichst viel Content bieten zu können -  und letztlich Werbegewinne abzuschöpfen. Doch was am Anfang noch beherrschbar war, ist längst außer Kontrolle. Ähnlich wie bei Hassposts verrohen die Internetgemeinden auch bei Gewalt- und sexuellen Darstellungen immer weiter, die Hemmungen, solche Inhalte bei Facebook hochzuladen, sinkt. Die technische Entwicklung mit Smartphones und Action-Cams, die direkt live streamen können, verschärft die Situation.

Obendrein sind die Inhalte durch die schiere Anzahl der Posts nicht mehr zu kontrollieren. Auf die Automatisierung können sich die Netzwerke nicht verlassen. Entsprechende Programme funktionieren zwar, sind aber noch nicht voll ausgereift - wie man an den 300.000 Clips des Attentats sehen kann. Ein Kampf gegen Windmühlen, bei dem am Ende alle verlieren.

Politiker fordern Verantwortung

Gleichzeitig wächst der Druck. Die neuseeländische Premier-Ministerin hat am Montag erklärt, die Tech-Konzerne hätten "viel zu tun". Sie forderte die Betreiber der sozialen Netzwerke auf, sich ihrer Verantwortung bei Taten wie der von Christchruch bewusst zu sein. Der Livestream war von Facebook zunächst nicht entdeckt worden, erst ein Hinweis der Polizei brachte den Konzern dazu, ihn zu löschen.

Für Facebook kommt die Debatte genau zur falschen Zeit. Der Konzern ist seit Monaten wegen seines Umgangs mit Hass-Kommentaren und Fake News in der Kritik, hatte zuletzt mehrfach versprochen, seine Probleme in den Griff zu bekommen. Auch die zu Google gehörende Videoplattform Youtube war erst vor kurzem wegen verstörender Inhalte für Kinder in die Kritik geraten.

Unlösbares Dilemma

Wie man das Problem lösen soll, ist indes noch nicht geklärt. Facebook hat bereits weltweit zehntausende Moderatoren eingestellt, um kritische Posts schneller entdecken zu können. Be Videos des Attentats habe man zudem auf eine Technik namens "Hashing" gesetzt, erklärte eine Sprecherin "CNN". Dabei wird die Datei in einen Wert umgerechnet, der immer wieder erkannt und geblockt werden kann. Diese Methode funktioniert aber nur, wenn der Clip nicht verändert, komprimiert oder geschnitten wird. 

Die einzige wirklich zuverlässige Methode, solche Posts zu verhindern, dürfte den Netzwerken indes gar nicht gefallen: Müsste jeder Post erst freigegeben werden, ließen sich neben Hasskommentaren auch sexuelle und gewaltverherrlichende Inhalte herausfiltern, bevor sie jemand zu Gesicht bekommt. In der schnellen Welt der sozialen Netzwerke und ihrem immerwährenden Strom frischer Inhalte und Livestreams ist das aber schlicht undenkbar.

Quellen: CNN, Reuters, The Verge 

Die Welt ist in Gedanken in Neuseeland. Nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch sind das weltweite Entsetzen und die Trauer grenzenlos. Mindestens 49 gläubige Muslime wurden getötet. Die internationalen Pressestimmen: Londoner "Independent": Die Massaker in Christchurch sind eine Mahnung, dass sich rechtsextremistischer - ähnlich wie islamistischer - Terrorismus global ausbreitet." "Neue Zürcher Zeitung": "Der Hass auf Andersdenkende, Andersgläubige oder Andersaussehende, so viel ist klar, ist tief verwurzelt in all unseren Gesellschaften. Und er beschränkt sich längst nicht auf bärtige Männer, die "Allahu Akbar" rufen." Italienische Tageszeitung "La Stampa": "Der Angriff hat einen Teil der Welt getroffen, in dem man dachte und hoffte, den Fanatismus in Zaum zu halten. Jetzt muss man sich auch hier mit dem Feind im Innern auseinandersetzen." Amsterdamer Zeitung "de Volkskrant": "Die multiethnische Gesellschaft verursacht Spannungen. Diese Spannungen aufzulösen oder abzubauen, ist ein Auftrag an alle. Darüber muss eine offene Debatte geführt werden." Londoner "Times": "Die vordringlichste Reaktion freier Gesellschaften auf diesen Terroranschlag muss darin bestehen, das Ausmaß der Bedrohung durch den Rechtsextremismus zu erkennen. Eine vergiftete Subkultur der Feindseligkeit gegenüber Muslimen und dem Geist einer pluralistischen Gesellschaft hat im Informationszeitalter Auftrieb bekommen." US-Präsident Donald Trump auf die Frage, ob weißer Nationalismus weltweit eine wachsende Bedrohung darstellt: "Ich denke, nicht wirklich. Ich denke, es handelt sich wohl um eine kleine Gruppe von Menschen, die sehr sehr ernsthafte Probleme haben."
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