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Meinung

Corona-Warn-App: Mit Zetteln gegen Corona: Deutschland macht sich lächerlich

Mit der Corona-Warn-App will sich Deutschland vor dem Virus schützen. Viel zu spät. Die App zeigt beispielhaft, was bei der deutschen Digitalisierung falsch läuft.

Ein Gastkommentar von Frank Schmiechen

Statt auf eine Corona-App setzt man in deutschen Restaurants auf Zettelwirtschaft (Symbolbild)

Statt auf eine Corona-App setzt man in deutschen Restaurants auf Zettelwirtschaft (Symbolbild)

Getty Images

Ende Juni soll sie kommen. Endlich! Die sagenumwobene Corona-Warn-App, die das Ausbreiten des Virus verhindern soll. Das war eine schwere Geburt. Seit Jahren ist davon zu hören und zu lesen, dass das digitale Zeitalter zu schnell und unübersichtlich für uns Menschen sei. Von diesem Tempo ist bei der Entwicklung der App in Deutschland leider nichts zu spüren gewesen.

Wie unter einem Brennglas kann man die deutschen Befindlichkeiten in Sachen Digitalisierung betrachten, wenn man die Geschichte der Corona-App verfolgt.

Verstrickt ins Klein-Klein

Da gab es Streit über die Frage, ob und wie welche Daten wo gespeichert werden sollen. Menschen, die sich überhaupt nicht für Technik interessieren, machten sich plötzlich Gedanken über dezentrale und zentrale Speicherung. Ohne genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet.

Sportlerinnen und Sportler, die überhaupt keine Probleme haben, ihre Bewegungsdaten mit ihren Klarnamen zu veröffentlichen, sind bei der Corona-App skeptisch. Ein Freund, der seine Schlafphasen mit einer App überwacht, lehnte die Corona-App von Anfang an ab. Obwohl erst jetzt technische Einzelheiten dazu bekannt werden.

Deutschland hechelt mal wieder hinterher

Die erste Runde der Digitalisierung hat Deutschland verschlafen. Die USA verfügen mit Amazon, Apple, Microsoft, Alphabet (Google) und Facebook über die Champions der Digitalisierung. China holt rasant auf. Israel ist zu einem globalen Innovations-Hub geworden. Die zweite Runde mit der Integration künstlicher Intelligenz und der Vernetzung von Maschinen und Autos ist in vollem Gange. Und Deutschland braucht Monate für die Entwicklung einer einzigen App!

Im digitalen Geschäft spielt Geschwindigkeit eine große Rolle. Apple und Google haben inzwischen eine Tracing-Funktion in die neuen Versionen ihrer Betriebssysteme für Smartphones eingebaut. Sie besitzen seit einigen Tagen eine Schnittstelle für Warn-Apps. In Deutschland kann man die Corona-Tracing-Funktion leider noch nicht aktivieren, weil die zugelassenen App ja erst im Juni herauskommt.

In der Zwischenzeit wird hierzulande lieber gewarnt. Die App sei "kein Allheilmittel", sagt Tabea Rößner von den Grünen. Oder ihr Nutzen wird generell bezweifelt, weil sie "keine ausreichende Sicherheit" bringe, wie Michael Kretschmer von der CDU anmerkt. In den Disziplinen Bedenken tragen und Haltungsnoten verteilen sind wir Weltmeister.

Zettelwirtschaft statt Zukunftsvision

Statt endlich digital durchzustarten, schreiben wir lieber unsere Namen, Adressen und Telefonnummern auf einen Zettel beim Italiener an der Ecke. Solche Namenslisten, die für jedermann einsehbar sind, werden zum Beispiel auch in Schwimmbädern oder Ausflugsschiffen geführt. Wer glaubt eigentlich, dass man mit Zetteln eine Pandemie eingrenzen kann? Das ist einfach lächerlich. 

Die Verarbeitung und Veredelung von Daten ist das Geschäft der Zukunft. Nur wer dieses Metier beherrscht, wird wirtschaftlich an der Weltspitze mitspielen. Autos sind zu rollenden Datenmaschinen geworden. Jeder Industriezweig wird sich an Datenflüssen ausrichten und optimieren. Ohne Daten geht in Zukunft nichts. Auch kein erfolgreicher Kampf gegen Klimawandel oder Armut übrigens. Zettelwirtschaften werden untergehen.

Wir sollten uns in Deutschland wieder an die Daten, Fakten und Technik halten. So haben wir das auch gemacht, als das Auto, die Straßenbahn, dass Flugzeug und die Industrialisierung erfunden wurden. Wir brauchen weniger Sattheit, Trägheit und Zettel. Dafür wieder mehr Entdeckergeist, Mut und Neugier.