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Palantir "Wir haben das immer abgelehnt": Berüchtigte Überwachungsfirma stichelt gegen Facebook und Co.

Palantir-CEO Alex Karp hat mit dem Silicon Valley ein Hühnchen zu rupfen
Palantir-CEO Alex Karp hat mit dem Silicon Valley ein Hühnchen zu rupfen
© PETER KLAUNZER/ / Picture Alliance
Die mysteriöse Firma Palantir macht den Überwachungsstaat zum Produkt. In einem Brief greift der Chef nun die Internetgiganten an - und legt ihre absurde Doppelmoral offen.

Im Silicon Valley tobt ein Konflikt: Freiheit gegen Überwachung, freie Wirtschaft gegen staatlichen Zugriff. So scheint es zumindest. Gleich eine Reihe der ganz Großen haben in den letzten Jahren Bewerbungen um Regierungsprojekte zurückgezogen, weil ihre Angestellten dagegen auf die Straße gingen. Das mysteriöse Unternehmen Palantir dreht den Spieß nun um. Der Chef der Überwachungsfirma hat die Firmenkultur des Silicon Valley angegriffen - und dabei ihren größten Widerspruch offengelegt.

"Unsere Firma wurde im Silicon Valley gegründet. Doch wir scheinen immer weniger ihre Werte und ihren Einsatz zu teilen", erklärte er in einem Brief an die Investoren. Eigentlich sollte der für den Börsengang des Unternehmens trommeln. Doch gleichzeitig übt er eine Fundamentalkritik am Business-Modell der Internetfirmen.

Angriff auf das Ethos des Silicon Valley

"Die Ingenieurs-Elite des Silicon Valley weiß mehr als fast jeder andere darüber, wie man gute Software baut", gibt Palantir-Chef Alex Karp zu, um dann in den Angriff überzugehen: "Aber sie wissen nicht, wie eine Gesellschaft organisiert werden sollte. Oder unter welchen Umständen Gerechtigkeit entsteht." Zwischen den Zeilen liest man klar heraus: Bei Palantir sei das anders.

Dabei geht es Karp vor allem um einen ganz grundlegenden Widerspruch: Obwohl sowohl Palantir als auch die großen Internet-Konzerne ihr Geld mit der Verarbeitung von Daten verdienen, haben beide eine sehr unterschiedliche Perspektive darauf, welche Nutzung dieser Daten moralisch verwerflich ist. Während die Entwickler bei Amazon oder Google gegen Bemühungen ihrer Konzerne protestieren, etwa hochdotierte Aufträge des US-Militärs zu ergattern, sieht Karp ausgerechnet diese als vertretbarer an als die sonstigen Geschäfte des Silicon Valley.

"Software-Projekte in Zusammenarbeit mit den Verteidigungskräften und Geheimdiensten, deren Arbeit unsere Sicherheit bewahren, sind kontrovers geworden. Während es gleichzeitig Normalität wurde, Firmen aus Werbedollars aufzubauen", klagt Karp. Und drückt seine klare Abscheu gegen diese Praxis aus. "Für viele Internetfirmen, die sich an Privatkunden richten, sind unsere Gedanken und Neigungen, unser Verhalten, unsere Surfgewohnheiten zu einem Produkt geworden, das sie verkaufen." Die Slogans und das Marketing der Internetfirmen sollen das seiner Ansicht nach bloß verschleiern. "Wir haben das immer wieder abgelehnt, wenn es um das Verkaufen, Sammeln oder systematische Abgraben von Daten ging." 

Überwachungsstaat oder Datenkraken?

Der von Karp beschriebene Kontrast ist tatsächlich vorhanden - auch in den Köpfen vieler Nutzer. Während immer noch viele Menschen die Nutzung der Daten durch Geheimdienste ablehnen und auch etwa der Einsatz von Palantirs Überwachungssoftware durch die hessische Polizei für einen Aufschrei sorgte, fällt der Widerstand bei der Nutzung der Daten durch die Techkonzerne in der Regel deutlich geringer aus. Obwohl auch Facebook und Co. die Menschen meist besser kennen als jede Behörde. Die Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt das "Überwachungs-Kapitalismus".

Palantir sieht sich dagegen auf der Seite der Guten. Die Behörden würden durch schlechte technische Infrastruktur zurückgehalten, behauptet er. "Unsere Software wird benutzt, um Terroristen ins Visier zu nehmen, um Soldaten in Sicherheit zu wahren", so Karp. "Wenn wir jemanden darum bitten, sich für uns in Gefahr zu begeben, dann haben wir auch die Pflicht, ihm dabei alle Werkzeuge zu geben, die er zur Erfüllung seines Jobs braucht."

Palantir-Gründer machte auch Facebook groß

Der Angriff auf die Internet-Konzerne ist auch deshalb interessant, weil eine der wichtigsten Personen hinter Palantir andererseits auch einen der wichtigsten Datenkonzerne groß gemacht hat: Facebook. Der deutschstämmige Peter Thiel war mit dem Verkauf von Paypal reich geworden, hatte 2003 Palantir gegründet und ist mit knapp 30 Prozent immer noch der größte Anteilseigner des Unternehmens, dass diese Woche an die Börse ging. Aber: Thiel war auch der erste Investor bei Facebook und sitzt dort immer noch im Aufsichtsrat.

Das Beißen gegen die Internetkonzerne dürfte auch als Abgrenzung und Werbeversprechen zu verstehen sein. Palantir grenzt sich so ab, um gleichzeitig für die Behörden als erster Kandidat auf der Liste zu stehen, wenn Regierungsaufträge anstehen. Im Gegensatz zu den anderen Konzernen habe man keinen Interessenkonflikt, so die Botschaft. "Wir haben uns für eine Seite entschieden und wir kennen unsere Partner und unsere Werte", macht Karp klar. "Wir werden zu ihnen halten, ob es gerade komfortabel ist oder nicht." Das hatte Karp sogar schon bewiesen: Als Mitarbeiter im letzten Jahr protestierten, weil Palantir die umstrittene EInwanderungsbehörde ICE unterstützte, blieb Karp hart.

Alleine unter Liberalen

Tatsächlich ist Palantir mit seiner klar konservativen politischen Einstellung in der sonst eher sehr liberalen US-Techbranche weitgehend alleine. Thiel hatte sich vor dessen Wal klar für Donald Trumps Wahlkampf stark gemacht, Karp und er hatten gemeinsam den Trump Tower zu Meetings besucht. Dass sich die Firma nun nicht nur an die aktuelle Regierung richtet, sondern sich allgemein auf Seiten der Behörden stellt, könnte auch einen weiteren Grund haben. Er glaube nicht, dass Trump wiedergewählt werde, erklärte Thiel laut dem "Wall Street Journal". Und um nicht auf Seiten des Verlierers zu stehen, halte er sich dieses Jahr im Wahlkampf mit Unterstützung zurück. Vielleicht muss die Firma nächstes Jahr ja mit der Administration des Herausforderers verhandeln.

Quelle: Palantir, Wall Street Journal


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