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Reportage der Woche

Unterwegs mit dem Apple-Chef: Rebellen unter sich - warum Tim Cook in Berlin ausgerechnet bei Yoga-Pionieren vorbeischaut

Tim Cook ist in Deutschland: In Berlin besuchte der Apple-Chef das Yoga-Start-up Asana Rebel. Gegründet in einer Wohnung in Kreuzberg wurde es innerhalb weniger Jahre zum Weltmarktführer. Der stern hat Cook bei seinem Besuch begleitet.

Tim Cook besuchte das Berliner Start-up Asana Rebel. Links im Bild: Einer der beiden Gründer, Robin Pratap.

Tim Cook besuchte das Berliner Start-up Asana Rebel. Links im Bild: Einer der beiden Gründer, Robin Pratap.

Kreuzberg. Natürlich. Wo sonst, wenn nicht im hipsten Stadtteil Berlins, startet man eine Revolution gegen das etablierte System. Das Alte völlig neu zu denken, das war für Pascal Klein und Robin Pratap ein verlockender Gedanke. Beide gründeten 2015 das Start-up Asana Rebel, um das traditionelle Yoga ins 21. Jahrhundert zu hieven. Sie verzichteten auf Spirituelles, kombinierten Dehnübungen mit Krafttraining und bündelten all das in einer schicken App. Für ihre wilde Mischung mussten sie in den Anfangstagen reichlich Kritik einstecken. Doch der Erfolg gibt den beiden Recht, sie betreiben die derzeit populärste Yoga-App weltweit.

Der Aufstieg der jungen Berliner blieb auch in Kalifornien nicht unbemerkt. Mehrfach platzierte Apple die Anwendung prominent im App Store. An diesem Sonntag ist Tim Cook auf Stippvisite in Berlin - es überrascht wenig, dass er sich Zeit für das Start-up genommen hat. Denn das junge Unternehmen verkörpert viel von dem, was dem Apple-Chef wichtig ist: Männer und Frauen arbeiten gleichberechtigt, die Teammitglieder kommen aus allen Ecken der Welt, von Brasilien bis Taiwan. Sie setzen sich mit dem Trend-Thema Gesundheit auseinander. Und sie haben Durchhaltevermögen bewiesen. Gründer Klein sagt von sich: "Vor uns gab es Tausende Yoga-Apps, die aber niemanden erreicht haben. Das Alte nehmen und es einfach aufs Handy packen, das hat nicht funktioniert." Zwar gibt es die App für alle gängigen Plattformen, 80 Prozent der User tummeln sich jedoch auf Apple-Geräten.

Unser Testmuster des iPhone XR ist sonnig-gelb.

Vom Rebell zum Marktführer

In gerade einmal drei Jahren wurden die Berliner zum globalen Player der modernen Fitnesswelt. "Es ist eine Geschichte von der Macht des App Stores. Sie zeigt, dass ein leidenschaftlicher Mensch aus irgendeinem Land der Welt ein Business starten und nach kurzer Zeit weltweit aktiv sein kann", schwärmt Cook. Die Zahlen sind beeindruckend: Acht Millionen Downloads, 300.000 zahlende Kunden, die Hälfte davon aus den USA. Und Asana Rebel scheint nun erst richtig Fahrt aufzunehmen. Die Gründer haben weitere 15 Millionen Dollar eingesammelt, um auch in Asien durchzustarten. Der Besuch des Apple-Chefs dürfte ihnen nun weitere Aufmerksamkeit einbringen.

Cooks Tag in Berlin ist durchgetaktet. Vor den Yoga-Rebellen trifft der Apple-Chef den Entwickler einer Augmented-Reality-App am Brandenburger Tor. Die Technik (mehr dazu hier) ist eines seiner Herzensthemen. Das weiß auch das Team von Asana Rebel, weshalb sie dem 57-Jährigen ebenfalls eine neue Funktion der Yoga-App demonstrieren, an der sie gerade mit Hochdruck arbeiten.

Der Apple-Chef probiert die Augmented-Reality-Funktion der Fitness-App aus

Der Apple-Chef probiert die Augmented-Reality-Funktion der Fitness-App aus

Mit Hilfe des Smartphones kann man sich von einer virtuellen Sportlerin die korrekte Ausführung von Yoga-Figuren demonstrieren lassen. Das ist ganz nach Cooks Geschmack. Während der Apple-Chef fasziniert um die Yogamatte geht, ergreift einer der Entwickler das Wort: "Das würde großartig aussehen, wenn man es auf eine Brille bringen würde" - eine Anspielung auf das Gerücht, dass der Konzern in seinen Geheimlaboren an einer AR-Brille tüftelt. Cook reagiert nur mit einem herzhaften Lachen. Man kann es ja mal versuchen.

Cooks Berlin-Besuch ist ein Signal

Cook ist nicht zum ersten Mal als Apple-Chef in der Bundeshauptstadt. 2015 traf er Angela Merkel, im vergangenen Jahr besuchte er die Berliner Philharmoniker und backte Pfannkuchen beim Kochvideo-Start-up Kitchen Stories. Solche Termine gehören zum Alltag von CEOs, vor allem wenn sie die mächtigsten Konzerne der Welt leiten. Die Fotos und Selfies, die dabei entstehen, gehen um die Welt und laden das Image auf. Und Apple lebt wie kein zweites Unternehmen von der Strahlkraft seiner Marke. Am Sonntag postet Cook auf Twitter ein Bild seines Berlin-Trips, im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen.

Für den Apple-Chef ist der Besuch ein Signal: Ohne die frischen Ideen von Entwicklern aus der ganzen Welt wäre seine Firma nicht da, wo sie jetzt ist. Denn erst die kleinen App-Kacheln machen das Smartphone zu dem Alleskönner, das es heute ist. Zugleich sind die Mini-Programme eine wichtige Erlössäule - für Apple, aber auch für die Entwickler. Dem Konzern zufolge arbeiten hierzulande mehr als 250.000 Menschen in der App-Branche, knapp 71.000 davon allein in Berlin. Und 50 davon bei Asana Rebel. "Mein Herz hüpft vor Freude, wenn ich so etwas sehe. Sie stellen immer mehr Menschen ein, ihr Produkt ist großartig und sie helfen Menschen", sagt Tim Cook im Gespräch mit dem stern.

Am Sonntagabend steht jedoch nicht nur das Business im Vordergrund. Cook lässt sich knapp 40 Minuten durch das 300 Quadratmeter große Loft führen. Der hintere Teil des Raums wird von einem blauen Neon-Schriftzug dominiert: "Be a rebel", sei ein Rebell, steht in großen Lettern an der Wand hinter den Schreibtischen der iOS-Entwickler. Es ist ein Motto, das Cook an die wilden Anfangstage von Apple erinnern dürfte. Denn auch Apple positionierte sich früher als Querdenker und Außenseiter "Warum der Marine beitreten, wenn man ein Pirat sein kann", fragte einst Steve Jobs.

Der Apple-Chef scheint sich hier in Kreuzberg sichtlich wohlzufühlen. Er, der sonst immer mit Fragen gelöchert wird, kann nun Zuhörer sein. Immer wieder hakt er interessiert nach, gibt den Entwicklern Feedback. Vor allem aber möchte er die Menschen hinter der Technik kennenlernen. Und mehr über Berlin erfahren: Erfreut nimmt er zur Kenntnis, dass jungen Tech-Talenten der Einstieg in die Berufswelt hier mittlerweile leichter gemacht werde. Cook war einer der Vorreiter im Kampf gegen Trumps geplante Abschaffung des Dreamer-Programms, durch die Hunderte junger Einwanderer die USA hätten verlassen müssen.

"Es passieren einfach viele Dinge, die einen ablenken"

Dass Tim Cook bei einem Unternehmen vorbeischaut, das der Yogabranche neue Impulse verleiht, hat auch einen anderen Hintergrund: Vor elf Jahren krempelte sein Konzern mit dem iPhone die Mobilfunkbranche um, nun will er mit der Apple Watch zum Taktgeber der Fitnesswelt werden. "Wir versuchen, dass die Menschen gesünder leben. Was das heißt, definiert jeder für sich. Wir wollen die Menschen motivieren, häufiger aufzustehen, sich mehr zu bewegen und mehr Sport zu treiben."

Anfangs wurde Apple für die Uhr belächelt, mittlerweile dominiert sie den Markt, den viele Experten als Wachstumsmotor der Zukunft sehen. Pro Jahr werden im Geschäft mit Wearables - also tragbarer Technik - Wachstumsraten von 20 Prozent und mehr erwartet. Wäre die Uhr eine eigene Firma, sie wäre schon jetzt eine der 300 größten Firmen der Welt, erklärte Cook vor einigen Monaten.

Und es gibt noch viel Luft nach oben. Die Menschen geben immer mehr Geld für Wellness und Fitness aus. Die Nutzerzahlen von Achtsamkeit-Apps wie Calm oder Balloon (entwickelt von Gruner + Jahr, dem Verlag, in dem auch der stern erscheint) wachsen rasant. "Ich denke, die Menschen sind heutzutage gestresster. Es passieren einfach viele Dinge, die einen ablenken", so der Apple-Chef zum stern. Es gebe so viel Unruhe, ständig würden Nachrichten auf die Nutzer einprasseln. "All das summiert sich, sodass wir uns mehr Zeit nehmen müssen, um wieder zu uns zu finden", fordert der 57-Jährige.

Der globale Umsatz der Fitnessindustrie liegt mittlerweile bei 87,2 Milliarden Dollar. In Deutschland explodiert die Zahl der Fitnessstudios, die Mitgliederzahlen schnellten hierzulande von 4,4 Millionen im Jahr 2003 auf 10,6 Millionen im Jahr 2017. Wer nicht im Bauch-Beine-Po-Kurs schwitzt, schnürt immer häufiger zuhause die Turnschuhe, geht joggen oder turnt abends im Wohnzimmer Übungen von Video-Coaches nach.

Womöglich bald auf einer weißen Matte von Asana Rebel. "Bislang gibt es noch keine weißen Yoga-Matten", erklärt Pratap. "Die Menschen haben Angst, dass sie schmutzig wird. Aber wir denken uns: Warum nicht? Warum sollte man keinen Fußabdruck hinterlassen?" 

Tim Cook lässt sich einige der Übungen demonstrieren.

Tim Cook lässt sich einige der Übungen demonstrieren.

Die Rebellion breitet sich aus

Und wenn man schon einmal einen erfahrenen Manager da hat, bitten die Asana-Rebel-Gründer den Apple-Chef auch in einer anderen Sache um Rat. "Unsere von Yoga inspirierte Fitness ist erst der Anfang. Wir denken noch viel größer." Bislang würden die Menschen Gesundheit und Fitness getrennt sehen. "Aber Ernährung, Achtsamkeit, Fitness, all das ist miteinander verbunden. Wir wollen gesunden Lifestyle in einem Produkt abbilden."

Nur, wie erklärt man das völlig neue Konzept den Menschen, die Neues erfahrungsgemäß argwöhnisch betrachten? Pratap und Cook stehen grübelnd vor dem Whiteboard. Rebellen unter sich. Doch wie nennt man etwas, das man noch gar nicht kennt? Die beiden werfen sich Ideen zu, eine Antwort auf die Frage finden sie an diesem Tag nicht. Revolutionen brauchen nun einmal ihre Zeit.

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