HOME

Eigene Smartphones, Lautsprecher, Router : So will Google das bessere Apple werden

Bislang konzentrierte sich Google weitgehend auf Software. Nun stellte der Suchmaschinenriese eine ganze Reihe neuer Geräte vor, unter anderem Smartphones und einen Router. Der Zeitpunkt für die Produktoffensive ist günstig - im Gegensatz zum Preis des Smartphones.

Der Google Assistant auf dem Pixel-Smartphone

Der Google Assistant auf dem Pixel-Smartphone

Google hat am Dienstag einen ganzen Reigen neuer Geräte vorgestellt: Neben zwei neuen Smartphones (Pixel und Pixel XL, beide mit dem brandneuen Android 7.1) zeigte der Konzern die finale Version seines Home-Lautsprechers, der nur mit der Sprache gesteuert wird, eine 4K-taugliche Version des Streamingsticks Chromecast und sogar einen eigenen Router namens Google Wifi. 

Für Google war es das wichtigste Hardware-Event seit Jahren. Denn der Suchmaschinenkonzern will nun ähnlich wie Apple nicht nur alle Software-Dienste aus einer Hand anbieten, sondern auch die dazu passenden Geräte, daher auch der Event-Name "MadeByGoogle". Für Google ist es ein bemerkenswerter Strategiewechsel. Und die Herbst-Offensive kommt zum idealen Zeitpunkt.

Google will alles aus einer Hand bieten

Seit Jahren beharken sich Google und Apple, wenn auch nicht mehr ganz so harsch wie in den ersten Smartphone-Jahren, als Steve Jobs noch von einem "thermonuklearen Krieg" sprach. Doch obwohl Google die populärsten Internetdienste und mit Android das am weitesten verbreitete Betriebssystem anbietet, hatte Apple immer einen entscheidenden Vorteil: Keiner konnte seine Hard- und Software so gut aufeinander abstimmen wie der iPhone-Hersteller. Wird etwa eine Sicherheitslücke entdeckt, könnte Apple dieses Loch theoretisch innerhalb eines Tages auf allen iPhones stopfen. Bei Android dagegen wäre man schon froh, wenn das Update überhaupt für alle Geräte erscheinen würde.

Der Grund für dieses Dilemma: Google entwickelt zwar das Betriebssystem, jedoch nicht die Geräte, auf denen es läuft. Einzige Ausnahme waren bislang die Nexus-Geräte, die allerdings immer nur wie ein Hobby innerhalb des Google-Imperiums wirkten und zudem von anderen Herstellern im Auftrag entworfen und gefertigt wurden. Mit den neuen Pixel-Smartphones nimmt Google nun selbst das Heft in die Hand und könnte so das zweite, womöglich bessere Apple werden. Ganz nach dem Motto: "Wenn es richtig gemacht werden soll, mach es am besten selbst."

Denn Google hat wohl verstanden, dass Hardware von guter Software profitiert - und umgekehrt. So werden das Pixel und Pixel Plus die Vorzeige-Smartphones für die hauseigene Virtual-Reality-Plattform Daydream, von der sich Google Großes verspricht. Und die passende Brille hat man ebenfalls gleich im Gepäck.

An der Android-Strategie ändert sich nichts

An der grundlegenden Android-Strategie wird sich jedoch nichts ändern: Google wird das Betriebssystem immer noch jedem Hersteller bereitstellen, der es verwenden möchte. Neue Funktionen - etwa den Siri-Konkurrenten Assistant - wird es zuerst jedoch exklusiv auf Google-Geräten geben.

Der Zeitpunkt für diese Trendwende ist ideal: Samsung steckt durch den Note-7-Skandal in einem der größten Rückrufe der Smartphone-Geschichte. Viele Apple-Fans wiederum haben sich vom iPhone 7 mehr erhofft: Zwar gab es wesentliche Verbesserungen bei der Kamera und das Gehäuse ist nun endlich wasserdicht, optisch sieht es aber weitgehend aus wie die Vorgängergenerationen. Andere Smartphone-Hersteller wie Sony, LG und HTC laufen unter ferner liefen und dümpeln bei den Marktanteilen im einstelligen Prozentbereich herum. Google könnte dieses Momentum nutzen, um unentschlossene Käufer für sich zu gewinnen.

Google Pixel: Ein iPhone mit Android

Dafür dürfen sich die beiden Pixel-Phones aber keinen Patzer leisten. Auf den ersten Blick sehen sie von vorne aus wie ein iPhone mit Android-Betriebssystem, die Rückseite erinnert an ein Honor 8. Einen Innovations-Oscar gewinnt der Konzern aus Mountain View dafür schonmal nicht.

Allerdings bieten die Pixel-Zwillinge superscharfe Displays und sind auch sonst technisch auf der Höhe der Zeit. Zudem haben sie das aktuelle Android 7.1 Nougat vorinstalliert, das neue Features wie Splitscreen-Multitasking bringt. Da das Smartphone direkt von Google kommt, muss man sich auch um Updates zumindest in den ersten Jahren keine Sorgen machen.

Mit einem optisch wie technisch generalüberholten iPhone im kommenden, zehnten Jubiläumsjahr könnte sich Apple allerdings stärker denn je zurückmelden. Und auch das Galaxy S8 wird die eine oder andere Neuerung in petto haben. Google sollte die Chance also mit beiden Händen ergreifen, um die Pixel-Smartphones am Markt zu etablieren. Ob der saftige Preis (je nach Modell zwischen 749 und 1009 Euro) da hilfreich ist? Einen Test der neuen Smartphones gibt es demnächst auf stern.de.

Googles Multimedia-Offensive

Wie ernst es Google mit seinen Synergie-Bestrebungen ist, zeigen auch die anderen vorgestellten Geräte. Da ist etwa Home, der smarte Sprachlautsprecher. Er steht ab November im Handel, und zwar zum Kampfpreis von 129 Dollar. Zum Vergleich: Amazons Echo, der ähnliche Funktionen bietet und demnächst auch in Deutschland verfügbar ist, ist mit 179 Euro deutlich teurer. Gerüchten zufolge werkelt auch Apple an einem Siri-Lautsprecher, offiziell angekündigt wurde er bislang aber nicht. Deutsche Home-Fans müssen sich allerdings gedulden, hierzulande wird der Lautsprecher erst 2017 auf den Markt kommen.

Der neue Chromecast Ultra unterstützt nun die ultrahohe TV-Auflösung 4K (auch bekannt als UltraHD) und den Bildstandard HDR. Wie praktisch, dass die Pixel-Kameras diese Technik ebenfalls an Bord haben. Allerdings ist der Chromecast 4K mit 69 Euro doppelt so teuer wie der Ursprungs-Stick aus dem Jahr 2013. Ob er sich am Markt durchsetzen kann, wird sich zeigen - die Amazon-Konkurrenz (Fire TV und Fire TV Stick) ist hierzulande extrem populär. Apple dagegen ist mit seinem Apple TV 4 noch gar nicht im 4K-Zeitalter angekommen. Eine neue Version wird frühestens im kommenden Jahr erwartet.

Sogar ein Router ist mit dabei

Und dann ist da noch der Router: Diese Produktkategorie wird bislang von den Big Four (Google, Amazon, Microsoft, Apple) komplett vernachlässigt. Kein Wunder: Die meisten Menschen dürften den Router nutzen, den sie von ihrem Internetanbieter gestellt bekommen. Zudem tummeln sich bereits viele, seit Jahrzehnten etablierte Hersteller in dem Markt.

Doch wirklich sexy ist bislang keines der Geräte - und einfach zu bedienen schon gar nicht. Auch hier verspricht Google Besserung: Der eigene Wifi-Router lässt sich bequem per App steuern, nervige Aufgaben wie die Auswahl des perfekten Wlan-Kanals übernimmt der Router für den Nutzer. In Deutschland wird es Googles Sorglos-Router aber erst einmal nicht geben.

Wird die Pixel-Reihe ein Hit oder Flop?

Ob die Bemühungen von Google aufgehen, wird sich zeigen. Der Konzern muss jetzt beweisen, dass er seine Software so gut auf seine eigenen Geräte anpassen kann, wie Apple es seit Jahren vormacht - und dass er bei der Stange bleibt. Denn mit dem Pixel kauft man nicht nur ein Premium-Smartphone, sondern auch das Versprechen, stets die beste Android-Erfahrung zu haben.

Der Google-Manager Hiroshi Lockheimer schrieb im Vorfeld des Events: "Wir haben die erste Version von Android vor acht Jahren angekündigt. Ich habe das Gefühl, in acht Jahren sprechen wir über den 4. Oktober 2016." Markige Worte, an denen sich Google messen lassen werden muss. Denn es wäre nicht das erste Mal, dass der Konzern ambitionierte Pläne hegt, über diese wenige Monate später aber kein Wort mehr verliert. So entwickelte sich der Hoffnungsträger Google Glass zum Flop, das Gerät und kam nie in die Serienreife. Und das 2014 mit viel Tamtam vorgestellte modulare Smartphone "Project Ara" wurde längst beerdigt.