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"Mythos Klassische Yachten": "Dem Teufel ein Ohr absegeln"

Alte Segelschiffe sind die Diven der Weltmeere. Trotz der vielen Jahrzehnte, die die Wanten abstützen müssen, überdauert ihre Funktion die modernen Zeiten. Sie lassen sich auch heute zu dem verwenden, wozu sie gebaut wurden: Zum Segeln. Der Bildband "Mythos klassische Yachten" zeigt und erzählt 14 Geschichten rund um die renovierten, edlen und schönen Dinosaurier der Sportgeschichte.

Von Marina Kramper

Charles Sibbick war ein Bauunternehmer mit windigem Hobby, dem Segeln. Seine Schiffe konstruierte er selbst, eigenhändig segelte er sie zum Sieg. Sein sportlicher Erfolg führte für ihn zur beruflichen Wende: 1888 kaufte er eine Werft in Cowes, England und wurde fortan Konstrukteur und Experte für kleine Yachten. Schnell trat er in Konkurrenz mit den bekannten Schiffsbauern seiner Zeit und baute dem spanischen König Georg V in nur sieben Tagen und Nächten die "white rose", einen Renner, mit dem der König am neunten Tag der jungen Existenz des Schiffes den ersten Regattaerfolg einfuhr.

"Mythos klassische Yachten", ein Bildband mit dem Querformat 40 cm Länge mal 28 cm Höhe, ist voll von historischen Anekdoten und Geschichten über die überlebenden Dinosaurier der Weltmeere. Auf 208 Seiten mit 285 Fotos stellen Autor Francois Chevalier und Fotograf Gilles Martin-Raget 14 der berühmtesten rekonstruierten klassischen Yachten vor. Akribisch werden Werften und Konstrukteure der beeindruckenden Zeitzeugen einer vergangenen Epoche aufgelistet, eingebettet in die unterhaltsamen und teilweise skurrilen Geschichten von ehemaligen und zeitgenössischen Eignern und Vorbesitzern mit Loriotwürdigen englischen Doppelnamen wie "Charles Plumtree Johnson". Im Fachjargon (Segelbrevier auf den letzten Seiten) erklärt der Autor jede neue Winsch, die mit bronzenen "Spillköpfen" versehen wurde, jede Türangel, die nicht aus Bronze, sondern aus "gun metal" gefertigt wurde. In genauen Zeichnungen, ebenfalls vom Autor, kann man die gesamten Neu-Konstruktionen im Aufriss überprüfen.

Erlösung aus dem Aschenputteldaseins

Francois Chevalier erzählt Geschichten wie die der "Moonbeam 4", deren poetischer Name aus einem Gedichtanfang von Hobbysegler Guy de Maupassant aufgefangen wurde. Sie war in den Neunzigern wie ein verschleppter Sklave zu einem unwürdigen und rüden Charterdasein in der Ägäis verdammt. Mit entsetzlichen Umbauten und fehlendem Klüverbaum konnte sie niemand als Vertreterin der legendären Big- Class aus den Roaring Twenties erkennen. Doch wie im Märchen verliebte sich ein weitgereistes Ehepaar in die Moonbeam und erlöste sie aus ihrem Aschenputteldasein. John Murray und Gattin Francois kauften das Schiff, nachdem das Paar aus den Diensten eines saudischen Prinzen nach 20 Jahren mit einer offensichtlich sehr anständigen Bezahlung ins Privatleben zurückgekehrt war.

Sie brachten die Moonbeam nach Südfrankreich, immer noch nicht wissend, welchen verzauberten Schatz sie im Gepäck führten. Auf der Werft Tre´hard klärte man das Ehepaar über die illustre Geschichte des Gaffelkutters aus der Werft von William Fife dem Dritten, einem der talentiertesten Konstrukteure alter Fahrtenschiffe, auf.

Dem Schiff wurde attestiert, ein Wrack zu sein. Seine gute Herkunft und sein verborgener Zauber retteten der "Moonbeam" das Leben. Auf einer Regatta vor der Französischen Südküste konnte sie auch ohne Generalüberholung noch viel Aufsehen erregen. Die Restaurierung wurde dann in der Myanmar Shipyards in Birma vorgenommen. In einer Werft, wo die Arbeiter erstens billiger arbeiteten und zweitens sich noch auf altes Holz- und Metall Handwerk verstanden.

2002 lief die "Moonbeam" erneut vom Stapel. Inzwischen fährt sie auf allen Klassik Regatten rund um die Welt vorne mit und ist vor lauter Dankbarkeit über die Errettung aus dem Charterbetrieb kaum noch zu schlagen. Die klassischen Yachten, einmal fertig gestellt, werden zur lebendigen Geschichte. Wo sonst lässt sich ein über Hundert Jahre altes Handwerksstück heute noch professionell und in seiner ursprünglichen Funktion benutzen? Außer bei alten Musikinstrumenten lässt sich der Reiz der Vergangenheit auf diesen klassischen Segelschiffen erleben. Die meisten der 14 Wasserdiven sind schließlich jeweils älter als die meisten Menschen auf der Erde.

Der ehemalige Bauunternehmer und spätere Schiffskonstrukteur Charles Sibbick konstruierte außer der "white rose" für den spanischen König auch die "Bona Fide" für den Engländer J. Howard Taylor. Seinerzeit ein gefürchtetes Regattaschiff, das unzählige Siege inklusive der Goldmedaille bei den olympischen Spielen 1900 in Paris einfuhr und die schon mal von neidischen Gegnern bei der Regattaleitung angeschwärzt wurde. Auch die Dame, die inzwischen weit über 100 Jahre alt ist, segelt heute wieder wie ein junges Huhn, nachdem sie 1999 in der Nähe von Como in einer Werft entdeckt wurde. Die Bona Fide war jahrelang auf den ozeanfernen Comer See verbannt worden.

Als Segler preschte Charles Sibbick seinerzeit bei Wind und Wetter mit der "Bona Fide" durch den Solent und segelte dem Teufel ein Ohr ab. Der nahm die Herausforderung per Wellenritt wohl persönlich, im Januar 1912 ist der tollkühne Seemann von einer Ausfahrt mit seinem Dingi nicht lebend zurückgekehrt.

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