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Proteste gegen Polizeigewalt Einsatz von Gummigeschossen in den USA: Die tödliche Gefahr der nicht tödlichen Waffen

Polizist zielt mit Gummigeschoss
In vielen US-Städten setzt die Polizei Gummigeschosse gegen Demonstrierende ein, hier etwa bei Protesten in Miami, Florida
© Brittany Murray/ / Picture Alliance
Die Proteste gegen Polizeigewalt in den USA gehen weiter. In vielen Städten setzen die US-Polizeikräfte auf Gummigeschosse, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Doch die angeblich nicht tödlichen Waffen gefährden Leben und Gesundheit.

Es sind erschreckende Bilder. Ausgerechnet die Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA enden immer wieder mit einem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte. Dabei schrecken die martialisch ausstaffierten Polizeitrupps vieler Städte auch vor dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen nicht zurück. Doch die gerne als "nichttödliche" bezeichneten Waffen sind alles andere als harmlos.

Das zeigen schon die Bilder aus den USA. "Mein Gesicht ist explodiert", berichtete etwa Linda Tirado der "New York Times". Sie hatte als freie Fotografin über die Proteste in Minnesota berichtet, als sie von einem Gummigeschoss getroffen wurde. "Ich fühlte sofort das Blut und schrie nur noch:  Ich gehöre zur Presse", erinnert sie sich. Unter den Folgen wird sie ihr ganzes Leben leiden: Bei Twitter bestätigte sie, dass ihr linkes Auge für immer blind sein wird.

Kein Spielzeug

Trotz des an Spielzeug erinnernden Namens handelt es sich nicht um reine Gummigeschosse, sondern um mit einer Gummimasse, Plastik oder Plastikschaum ummantelte Metall-Projektile. Als weitere Variante gibt es "Bean Bag Rounds", die aus einem mit Metallkugeln gefüllten Kissen bestehen. Und obwohl sie anders als klassische Munition nicht töten sollen, können diese Projektile schwere Verletzungen hervorrufen.

Das zeigen eine ganze Reihe von Untersuchungen. Eine Studie des "BMJ Military Health" der britischen Armee fand etwa zwischen den Jahren 1990 und 2017 Berichte über 1984 Verletzte durch die vermeintlich weniger gefährliche Munition. Von diesen Betroffenen verstarben 53, mehr als 300 erlitten bleibende körperliche Behinderungen, etwa durch den Verlust eines Auges. Von den 2135 dokumentierten Verletzungen der Personen wurden ganze 71 Prozent als "schwer" bewertet. Bei der Schwere der Folgen spielte demnach vor allem die getroffene Körperregion, die Distanz zu den Schützen sowie die Zeit bis zur medizinischen Behandlung eine Rolle.

Unpräzise und gefährlich

Gegen die Nutzung der Geschosse spricht auch ihre Ungenauigkeit. Wegen ihrer Beschaffenheit flögen die Projektile deutlich langsamer, ließen sich in der Folge wesentlich ungenauer einsetzen, berichtet eine Studie aus Israel. Selbst gute Schützen würden demnach nicht garantieren können, die richtige Person, geschweige denn eine gezielte Körperstelle zu treffen. Das erhöht nicht nur die Wahrscheinlichkeit von Treffern auf Unbeteiligte, sondern zusätzlich noch die von nicht beabsichtigten schweren Verletzungen. 

Hinzu kommt, dass die Projektile ausgerechnet für friedliche Demonstranten besonders gefährlich sind. Während ein gewaltbereiter und für einen Kampf vorbereiteter Krawallmacher mit Schutzkleidung wie einem Helm oder Lederkluft vor Verletzungen durch die Projektile geschützt ist, sind die friedlichen Protestierenden im T-Shirt daneben besonders anfällig für Verletzungen. 

"Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar"

Trotzdem werden die Geschosse immer wieder eingesetzt. Mitte des 20. Jahrhunderts in England erfunden, um die irischen Proteste in den Griff zu bekommen, finden sie nach wie vor weltweit Verwendung, um gegen Proteste vorzugehen. So setzte letztes Jahr etwa auch die französische Polizei bei den Gelbwesten-Demonstrationen auf einen umstrittenen Gummigeschoss-Werfer, verletzte in der Folge viele Demonstranten.

In Deutschland wurde der Einsatz zwar immer wieder diskutiert, von den Polizeigewerkschaften aber strikt abgelehnt. "Wer Gummigeschosse einsetzen will, nimmt bewusst in Kauf, dass es zu Toten und Schwerverletzten kommt. Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar", stellt Michael Maatz, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen, seine Position unmissverständlich klar.

Militarisierung der Polizei

In den USA geht die Polizei in vielen Städten allerdings deutlich drastischer vor. Dafür sorgt sicher auch die in den letzten Jahren immer weiter zunehmende Militarisierung der Gesetzeshüter. In vielen Bundesstaaten kauften die Behörden überschüssige Ausstattung des Militärs auf, statteten die Einsatzkräfte mit Panzern, Blendgranaten und Ähnlichem aus. Diese Arsenale werden nun auch bei Protesten gegen Polizeigewalt eingesetzt werden.

Dass es anders geht, zeigen auch viele Beispiele in den USA. Während die Gewalt anderenorts eskaliert, solidarisieren sich viele Polizeibehörden mit den Protesten. In Tennessee legte etwa die Nationalgarde demonstrativ die Schilde beiseite, in vielen anderen Städten knieten die Polizeikräfte gemeinsam mit den Demonstranten, um ihre Solidarität zu zeigen.

Quellen: New York Times, BMJ Military Health, Science Direct, The Tennessean


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