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Technik Mikrochips unter der Haut: Mit der Hand bezahlen – sieht so unsere Zukunft aus?

Patrick Kramer glaubt an die digitale Transformation des Menschen. Seit einigen Jahren verdient er sein Geld damit, Personen Mikrochips zu implantieren. Aus seiner Sicht bietet die Technologie dahinter Chancen. Doch ist es wirklich Fortschritt?

Patrick Kramer schaut konzentriert. Er atmet einmal laut ein und aus, während er in seiner rechten Hand eine Spritze hält, deren weiße Griffe an die einer Schere erinnern. Vorne in der Spitze der Spritze steckt ein fingernagellanger, mit Glas ummantelter Mikrochip, den er gleich einem Bankangestellten injizieren wird. Dazu greift Kramer mit seiner rechten Hand in die linke Hand seines Gegenübers, zieht ein Stück Haut zwischen Daumen und Zeigefinger nach oben und sticht mit der Nadel hinein. Man hört ein leises Klicken. Dann ist alles vorbei.

So schnell kommt sie also, die Zukunft. Er klebt ein Pflaster auf die Einstichstelle und rät seinem Kunden, die Hand ein, zwei Tage ruhigzustellen. In Zukunft wird der Angestellte mit einer Handbewegung durch den Haupteingang seiner Firma gehen können. Statt eines Hausausweises muss er lediglich seine Hand auf ein Kontaktfeld legen. Theoretisch könnte er mit dem Mikrochip unter der Haut auch seinen Einkauf bezahlen oder seine eigene Haustür öffnen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielseitig.

Was für manche Beobachter nach gruseliger Science-Fiction klingt, ist für Menschen wie Kramer gelebter und gewünschter Fortschritt. Der Unternehmer verdient sein Geld unter anderem damit, Menschen Chips unter die Haut zu jagen. Doch wie sicher ist diese Technik? Sieht so wirklich die Zukunft aus? Und: Wie viel Skepsis ist angebracht? Der stern hat Kramer einen Tag lang bei seiner Arbeit in Berlin begleitet.

Mikrochips unter der Haut: "Es gibt keine Nachteile"

Ein paar Stunden zuvor. Patrick Kramer steht vor dem Haupteingang der Zentrale der Sparda-Bank Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Er hat sich unter das Vordach gestellt, um sich an diesem milden Donnerstagmorgen vor Nieselregen zu schützen. Er wirkt ein wenig müde. Doch wenn Kramer einmal mit dem Reden angefangen hat, hört er kaum wieder auf.

Sobald ihm eine Frage gestellt wird, werden Kramers Antworten zu Monologen. Er will seinen Teil dazu beitragen, dass mehr Menschen offener und toleranter gegenüber neuen Technologien werden. Das habe er sich zur Aufgabe gemacht, sagt er, als er vor sechs Jahren, 2014, seine Firma Digiwell – Upgraded Humans gegründet hat. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Biohacking und der digitalen Transformation des Menschen. Dazu gehört unter anderem auch das Setzen von Mikrochips.

Er selbst trage momentan fünf solcher Implantate unter der Haut. Auf einem seien seine ICE-Daten (In Case of Emergency – also medizinische Daten, falls ihm etwas passieren sollte) abgespeichert. Die Anzahl variiere, erzählt er. "Sie machen meinen Alltag bequemer. Es gibt keine Nachteile", sagt Kramer. Er sitzt inzwischen auf einer Couch im Empfangsbereich der Genossenschaftsbank und streicht sich über die kleine Delle zwischen Daumen und Zeigefinger, unter der einer der Mikrochips steckt. "Nur weil so ein kleines Reiskorn unter der Haut sitzt, haben viele Menschen gleich Verschwörungstheorien im Kopf."

Sparda-Bank "verschenkt" Mikrochips

Wenige Minuten später wird er von der Pressesprecherin der Bank abgeholt. Mit dem Fahrstuhl geht es ganz nach oben in den sechsten Stock, Vorstandsetage. Über einen mehr als zehn Meter langen Flur, vorbei an Konferenzräumen und riesigen Einzelbüros, wird Kramer in einen offenen Raum geleitet, der an eine Hotellobby erinnert. Überall stehen bunte Sessel und Sofas. In einer Ecke des Raumes hat sogar eine hüfthohe braune Bar mit zwei weißen Stehhockern Platz. "Normalerweise sieht es hier nicht so aus", sagt die Sprecherin.

Der Grund für die Ausstattung ist ein Werbeclip. "Du bist anders? #seianders", heißt der Slogan.  Damit hatte die Sparda-Bank Berlin Ende September des vergangenen Jahres medial für Aufmerksamkeit gesorgt. Über 500.000 Mal wurde das entsprechende Video auf Youtube aufgerufen. Es bewirbt Baufinanzierung – mit Mikrochip-Implantaten. Wer bis Ende März einen Kredit über mindestens 50.000 Euro aufnimmt, bekommt gratis einen eingesetzt.

Die Genossenschaftsbank kooperiert mit Kramers Firma. Am heutigen Tag soll diese Zusammenarbeit gefeiert werden: Das Fernsehen ist da, ein Podcaster und ein hauseigenes Kamera-Team sind vor Ort. Zur Krönung soll dem Vorstandsvorsitzenden Frank Kohler ein Chip implantiert werden. Doch der ist krank. Deshalb wird ein anderer Angestellter von Kramer "gechipt".

Daniel heißt er. Ein schlaksiger Mann mit dunklem Haar und Brille. Er sagt, er sei es leid, ständig so viel mit sich herumzuschleppen, wenn er aus dem Haus geht. Zur Demonstration legt er sein Handy, sein Portemonnaie und Schlüssel für Auto und Büro auf den Tisch. "Das ist lästig", sagt er und schüttelt dabei mit dem Kopf. "Am liebsten würde ich gar nichts mehr davon verwenden."

2000 bis 3500 Deutsche tragen einen Mikrochip unter der Haut

Mikrochips sollen seinen Alltag bequemer machen. Er will nicht länger nach einem Schlüssel suchen oder beim Einkauf das Portemonnaie herauskramen, um zu bezahlen. In Zukunft will Daniel alles mit einer Handbewegung erledigen. In einem kleinen Konferenzraum, in dem der Vorstand der Genossenschaftsbank normalerweise Unternehmensstrategien bespricht, bekommt Daniel wenig später seinen Wunsch erfüllt. Kramer implantiert.

Daniel gehört nun zu einer Minderheit. Schätzungsweise 2000 bis 3500 Menschen tragen in Deutschland einen Mikrochip unter der Haut. Kramer ist sich sicher, dass es in Zukunft deutlich mehr sein werden. "Die digitale Transformation wird unter der Haut weitergehen", glaubt er.

In Schweden ist das längst Realität. Dort gibt es sogar Implantierpartys, auf denen sich Dutzende Menschen zwischen Wein und Bier von Piercern Chips injizieren lassen. In der schwedischen Firma TUI Nordic trägt jeder fünfte Mitarbeiter einen Mikrochip in der Hand. "Wir chippen unsere Mitarbeiter nicht, sie lassen sich freiwillig chippen", versicherte Geschäftsführer Alexander Huber dem "Spiegel" im Interview.

Patrick Kramer nervt die Fokussierung auf Schweden: "Vor allem verstehe ich nicht, dass die Leute nicht wissen, dass diese Technik nicht neu ist. Sie existiert bereits seit mehr als 40 Jahren."

Neu ist die Technologie nicht

Jens Tiemann bestätigt Kramers Aussage. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) am Fraunhofer-Institut FOKUS. "Tatsächlich nutzen diese Mikrochips die RFID-Technologie, also Identifizierung mittels elektromagnetischer Wellen", so der Experte. "Die gibt es bereits seit den 1970er-Jahren."

Chips, die Hunde implantiert bekommen, basieren auf dieser Technologie – genauso wie Etiketten im Einzelhandel. "Letztendlich liest ein Gerät dabei Informationen von einem Transponder ab." Darauf basieren auch die Mikrochips, die Kramer implantiert. Allerdings müsse man dabei noch einmal differenzieren, sagt Tiemann. "Diese Chips nutzen die sogenannte Near Field Communication, kurz NFC. Das ist eine Untergruppe der RFID-Kommunikation, die einen Datenaustausch zwischen zwei Geräten ermöglicht."

Im Alltag wird die Technologie bereits beim kontaktlosen Zahlen mit der EC-Karte oder dem Smartphone verwendet. Der Unterschied zu den Mikrochips besteht nur darin, dass die Technologie nicht unter der Haut steckt, sondern in der Karte beziehungsweise im Smartphone. Genau aus diesem Grund kann Kramer die Skepsis einiger Menschen gegenüber Mikrochips nicht verstehen. "Es ist doch die gleiche Technologie und sie ist sicher", sagt er. Doch ist sie das wirklich?

Es gibt zwei zentrale Fragen der Sicherheit. Die nach der gesundheitlichen und die nach der technischen. Andreas Sjostrom, Schwede und Technikchef beim IT-Dienstleister Capgemini, nutzte einen und hat ihn sich wieder entfernen lassen. Zu seinen Erkenntnissen hat er schon 2017 geblogt. Dort schreibt er: "Mikrochips sind eine schlechte Idee". Auch weil er das Verhältnis von Nutzen und gesundheitlichem Risiko nicht als gerechtfertigt ansieht.

Zur technischen Sicherheit äußert sich Tiemann. Sind die Chips sicher? Tiemann sagt jein: "Es gibt inzwischen mehrere Generationen. Die ersten waren leicht zu hacken, das hat der Chaos Computer Club bereits vor einigen Jahren gezeigt. Sie lassen sich aber nicht orten, wie es vielleicht einige Menschen vermuten. Mittlerweile ist die Verschlüsslung zudem sicher. Es hat sich einiges getan." Aus seiner Sicht sind Mikrochips vielmehr ein datenschutzrechtliches Problem. "Bei der BVG gibt es kontaktlose Monatskarten. Darauf soll angeblich nichts gespeichert werden. Nun ist es in der Vergangenheit aber mehrmals vorgekommen, dass Haltestellen daraufgeschrieben wurden."

Wann lohnt sich ein Mikrochip unter der Haut?

Mit anderen Worten: Der Mensch wird gläserner. Man hinterlässt durch die Technologie überall Spuren, technische Schnipsel, die sich verfolgen und auswerten lassen. Kramer sieht darin kein Problem. "Natürlich hinterlassen wir Informationen. Aber das machen wir auch, wenn wir auf Instagram ein Foto posten, bei Amazon etwas bestellen oder über Twitter unsere Meinung im Netz verbreiten."

Ganz unrecht hat er damit nicht, findet Sebastian Drosselmeier. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist Doktorand am Münchner Kolleg Ethik in der Praxis. Er sieht in den Mikrochips selbst zunächst kein ethisches Problem: "Eine gewisse Skepsis gegenüber neuer Technik ist durchaus berechtigt. Daraus darf allerdings kein Dogma werden. Es braucht immer einen Diskurs über die Vor- und Nachteile von 'neuen' Technologien."

Aus Kramers Sicht gibt es zwei klare Vorteile: "Für Menschen mit chronischen Krankheiten wie akutem Nierenversagen, Epilepsie, Alzheimer, Parkison, Blindheit oder mit fehlenden Gliedmaßen geben die kleinen Reiskörner ein Stück Menschenwürde zurück. Ich habe beispielsweise eine Kundin, ein junges Mädchen, das keine Hände hat. Sie kann durch einen Chip im Fuß Türen öffnen", sagt er. "Der andere Vorteil ist, dass es meinen Alltag erleichtert, weil sie den Haustürschlüssel, den Mitarbeiterausweis, die Autoschlüssel, die Visitenkarten, Notizzettel, Zutrittskarten für das Fitness-Studio ersetzen und unsere digitale Identität absichern."

Patrick Kramer: "Ich werde damit nicht aufhören"

Aus Sicht der Nutzer ist ein Mikrochip definitiv ein Fortschritt. Er macht ihren Alltag in einigen Bereichen deutlich bequemer. Doch den Diskurs über Chancen und Risiken gilt es noch zu führen. Er bewegt sich oft zwischen zwei Polen – totale Freiheit und totale Kontrolle. Es könnte eine spannende gesellschaftliche Debatte werden. 

Erst recht, weil ein Chip unter der Haut eventuell erst der Anfang sein könnte. Denn die Möglichkeiten der digitalen Transformation des Menschen sind in der Tat schon weiter. Tesla-Chef Elon Musk entwickelt beispielsweise mit seinem Projekt Neuralink Computer-Implantate fürs Gehirn.

Später am Abend steht Patrick Kramer am Bahngleis des Berliner Hauptbahnhofs und wartet auf seinen Zug nach Hamburg. Es war ein langer Tag für ihn. Fünf Mikrochips hat er heute implantiert und zig Fragen zum Thema beantwortet. "Endlich nach Hause", sagt er. Und klingt glücklich. Sein Terminkalender in den nächsten Wochen ist voll mit ähnlichen Terminen und Konferenzen. Aber es gehe weiter, sagt er. "Wir müssen einfach aufgeschlossener werden. Die digitale Transformation hat gerade erst begonnen." Und er will sie jeden Tag ein bisschen weiter vorantreiben.


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