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Zweiter Weltkrieg: Vier Reporter flogen 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin mit – nur einer kehrte zurück

1943 wollte die Royal Air Force Deutschland mit massiven Luftangriffen zur Aufgabe zwingen. Im Dezember begleiteten vier Journalisten die Bomber. Nur der Amerikaner Ed Murrow landete wieder in England und berichtete über das Geschehen.

Eine Avro Lancaster beim Start in England.

Eine Avro Lancaster beim Start in England.

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Im Jahr 1943 hatte sich der Zweite Weltkrieg gewendet, Deutschland und die mit ihm verbündeten Mächte befanden sich unübersehbar auf dem Weg in die Niederlage. In diesem Jahr wollte das britische Oberkommando den Krieg in das Herz des Reiches tragen. Das Mittel dazu sollten massive Bombenangriffe auf deutsche Städte sein. Sie sollten den Widerstandswillen der deutschen Bevölkerung brechen, so das Kalkül von Air Chief Marshal Arthur Harris, dem Befehlshaber des britischen Bomber Command.

Nachtangriffe auf die Städte

Die Royal Air Force (RAF) konnte nur in der Nacht angreifen. 1943 waren die deutsche Luftwaffe und die Sperrriegel der deutschen Flakbatterien noch ernst zu nehmende Gegner. Die großen viermotorigen Bomber der Briten vom Typ Avro 686 Lancaster waren bei Weitem nicht so stabil gebaut und so schwer bewaffnet wie die Maschinen der amerikanischen Luftwaffe. Sie brauchten den Schutz der Nacht. Doch im Laufe des Jahres versteifte sich der deutsche Widerstand. Nachtjäger verfolgten die Bomberströme und griffen die schwerfälligen britischen Maschinen aus dem Dunkel heraus. Diese und andere Verbesserungen auf deutscher Seite führten dazu, dass die Verluste der Briten stetig anschwollen.

Die erhoffte Revolte gegen das Nazi-Regime blieb aus. Die Deutschen schimpften auf die Führung, verspotteten den für die Luftwaffe zuständigen Reichsmarschall Herrmann Göring – aber sie bissen die Zähne zusammen. In Großbritannien hingegen drohte die Stimmung zu kippen. Zunächst blickte die Bevölkerung mit Stolz auf die großen Bombereinstätze. Die Briten richteten sich an der Vorstellung auf, dass nun die Nazi-Führung nachts Zuflucht im Luftschutzbunker suchen musste. Aber seit dem Herbst 1943 füllten sich die Seiten der Regionalpresse mit den Listen gefallener Bomberbesatzungen.

Großer Journalismus

In dieser Situation entschied Marshal Harris, vier Journalisten mit an Bord seiner Bomber zu nehmen. Vermutlich sollten die Berichte die Stimmung an der Heimatfront heben. Der Einsatz über Berlin in der Nacht vom zweiten zum dritten Dezember zeigte aber nur, dass die Luftoffensive der Briten sich in einer schweren Krise befand. Als sich die 458 Bomber der deutschen Hauptstadt näherten, warteten die deutschen Nachtjäger vom Typ Ju 88 bereits auf sie. Sie begannen endlose 19 Minuten, bevor die ersten Bomben fielen, Maschinen aus dem Strom herauszuschießen. Über Berlin warteten die kleineren deutschen Jäger – sie konnten die Bomber nicht in der Nacht anpeilen, aber sie nahmen Maschinen unter Feuer, die von den Lichtkegeln der deutschen Flak erfasst wurden oder die sich gegen den Himmel absetzen, der von deutschen Leuchtgranaten an Fallschirmen erhellt wurde.

In der Nacht verlor Harris 40 Maschinen. Von den vier Journalisten kehrte nur der amerikanische Radioreporter Ed Murrow zurück. Der Australier Norman Stockton und der Brite Captain Grieg gingen bei Bombern der 460ten Squadron ab Bord. Die 460te verlor fünf Maschinen in der Nacht, darunter die zwei mit den Reportern an Bord. Der 24-jährige Lowell Benett stürzte über Deutschland ab und überlebte. Er wurde als Kriegsgefangener inhaftiert.

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Luftschlacht um England: Eine Gruppe von Messerschmidt Bf 109E fliegt über den Ärmelkanal. Es folgte die erste große Niederlage der deutschen Luftwaffe. 

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Ed Murrows Radiobeitrag über den Einsatz zeigt, wie sehr sich die US-Presse auch im Krieg von der aus Nazi-Deutschland unterschied. Die deutsche Wochenschau bestand damals aus einem Stakkato von Jubel-Schreien über deutsche Erfolge und Hetze gegenüber den Kriegsgegnern. Ed Murrows Bericht bleibt stets sachlich. Der Reporter berichtet offen von seiner Angst, als sich der Bomber mit dem Namen D-Dog über Berlin befand. Er verschweigt auch nicht, dass seine Kollegen den Tod über Deutschland gefunden hatten. Vom Tod des britischen Kollegen wusste der Amerikaner noch nichts, als er im Radio sprach.

Ed Murrow schloss seinen Bericht:

"Es gab vier Reporter für diese Operation. Zwei von ihnen sind nicht zurückgekommen. Zwei Freunde von mir, Norman Stockton und Lowell Bennett. 

Berlin war eine Art inszenierte Hölle - eine schreckliche Symphonie aus Licht und Flamme. Es ist keine angenehme Art der Kriegsführung. Die Männer, die diese Arbeit machen, sprechen von einem "Job". Gestern Nachmittag, als die Route auf die große Karte bis nach Berlin gesteckt wurdesagte ein junger Pilot mit alten Augen zu mir: "Ich sehe, wir arbeiten heute Abend wieder."

Der Job ist nicht angenehm, er ist schrecklich anstrengend. Männer sterben am Himmel, während andere in ihren Kellern lebendig gebraten werden. Berlin gestern Abend war kein schöner Anblick. In etwa fünfunddreißig Minuten wurde es mit etwa der dreifachen Menge an Material getroffen, die jemals in London in einem nächtlichen Blitzkrieg heruntergekommen ist. Dies ist eine kalkulierte, unerbittliche Kampagne der Zerstörung. Im Moment arbeiten die Mechaniker wahrscheinlich an unserer Maschine D-Dog, um sie wieder flugbereit zu machen."

Hier finden Sie den ganzen Text in englischer Sprache. 

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