Editorial
Schröders Renten-Poker

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Vor ein paar Tagen erhielt ich per Post unaufgefordert meine Rentenberechnung. Wie Millionen andere Rentenberechtigte auch in den vergangenen Monaten. Die Idee stammt von Riester. Er wollte jedem Bürger schwarz auf weiß vorhalten, wie lausig die Altersbezüge ausfallen werden. Quasi ein kalkulierter Schock

Liebe Stern-Leser!
Vor ein paar Tagen erhielt ich per Post unaufgefordert meine Rentenberechnung. Wie Millionen andere Rentenberechtigte auch in den vergangenen Monaten. Die Idee stammt von Riester. Er wollte jedem Bürger schwarz auf weiß vorhalten, wie lausig die Altersbezüge ausfallen werden. Quasi ein kalkulierter Schock. Ein ganz origineller Schachzug, um die Rentenzahler zu mehr Eigenvorsorge zu bringen. Ich bin 48 Jahre alt, und da schaut man sich so einen Bescheid schon genauer an.
Es werden zwei Varianten berechnet: Eine optimistische mit 3,5 Prozent durchschnittlicher Steigerung bis zum Renteneintritt und eine pessimistische mit 1,5 Prozent. Beide Szenarien sind illusorisch. Die Dreieinhalb-Variante ist eine Unverschämtheit, weil vollkommen utopisch. Mit anderen Worten: Die Sozialbürokratie hat aus der bitteren Pille ein beruhigendes Placebo gemacht. Selbst 1,5 Prozent sind nicht real. Wir werden in den nächsten Jahren weiter über Nullrunden reden, die Rentenanpassung kappen und das Eintrittsalter heraufsetzen müssen. In meinem Bescheid aus Berlin wird immerhin auf den Kaufkraftverlust durch Inflation hingewiesen. Wie viel Minus das am Ende bedeutet, weiß allerdings niemand.
Die Diskussion darüber, ob es bei der Alterssicherung einen Systemwechsel geben muss, hätte schon vor Jahren beginnen müssen.
Unsere Politiker hörten zwar seit langem schon die Signale, unternahmen aber nur kümmerliche Korrekturen. Obwohl es keine streng geheime Verschlusssache war, dass in Zukunft immer mehr Rentner von immer weniger Erwerbstätigen über Wasser gehalten werden. Ein Versäumnis der Volksvertreter, deren vornehmste Aufgabe es eigentlich wäre, vorausschauend zu entscheiden. Aber die Schere zwischen Wissen und Handeln war bei vielen Politikern schon immer zu weit geöffnet. Aus Angst vor Lobbyisten und Wählern, auf deren Einsicht die Wahlkämpfer in der Tat nicht setzen konnten.
Inzwischen sieht das anders aus. Politiker werden im Angesicht der Not mutiger. Allen voran der Kanzler: Die Lohnnebenkosten sollen stabil bleiben, damit nicht noch mehr Stellen wegfallen. Jeder neue Arbeitslose ist ein Rentenzahler weniger. Schröder pokert brutal, setzt alles auf Wachstum, hofft, dass dadurch wieder mehr Beitragszahler die Rentenkasse füllen. Dafür nimmt er sogar den Zorn von 20 Millionen Rentnern in Kauf. Mit einer derart mächtigen Wähler-Lobby hat sich noch nie ein deutscher Kanzler angelegt - Respekt! Springt die Konjunktur erst einmal richtig an, so das Kalkül, könnte man den genervten Rentnern im Wahljahr 2006 vielleicht einen ordentlichen Nachschlag geben.
Am vergangenen Wochenende hat Rot-Grün die Rentenbaustelle natürlich nur notdürftig gesichert, wie stern-Redakteur Lorenz Wolf-Doettinchem in seinem Report aufzeigt. Über ein tragfähiges Fundament müssen Regierung und Opposition jetzt miteinander reden.
Erst einmal spielt der Kanzler mal wieder alles oder nichts. Das ist zwar noch keine Strategie, aber ein richtiger Schritt. Allerdings braucht er etwas, das nicht kalkulierbar ist, aber nun mal zum Pokern gehört: viel Glück.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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