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Dokumentation

Hitler-Tagebücher: Der Super-Gau

Der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher war der große Bruch in der Geschichte des stern. Eine aberwitzige Story, die auch heute noch als Lehrstück taugt.

Der Artikel über den Fund der Hitler-Tagebücher beginnt mit einer ausführlichen Fotostrecke

Mit dieser Doppelseite beginnt der Artikel über den Fund der Hitler-Tagebücher 

Der Traum eines jeden Reporters: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen richtig dicken Fisch an der Angel und wollen jetzt das große Ding drehen. Die wenigen eingeweihten Kollegen sind begeistert, Ihr oberster Chef auch. Er gibt Ihnen alles, was Sie verlangen: Sonderverträge, Gewinnbeteiligungen, Geheimhaltungsprivilegien, Dienst-Mercedes. Und so viel Geld, dass Sie es kaum schnell genug ausgeben können.

Dann nimmt die Sache richtig Fahrt auf. Ihre Quelle sprudelt und liefert Sensationen in Serie: Tagebücher, Memoiren, Manuskripte, sogar eine Oper. Natürlich werden zwischendurch auch mal Fragen laut. Aber die kommen von den üblichen Nörglern und Neidern.

Ist die Geschichte zu gut, um wahr zu sein? Sind da Widersprüche? Die Zweifler und die Zweifel - auch die eigenen - werden abgespeist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nach zwei Jahren Recherche wird der Erscheinungstermin hektisch vorgezogen. Man will sich die "Jahrhundert-Sensation" ja nicht in letzter Minute wegschnappen lassen. Sie verkünden vollmundig, jetzt müsse die Geschichte des Dritten Reiches "teilweise umgeschrieben werden", und lassen sich mächtig feiern.

Aber dann werden Sie plötzlich aufgeweckt aus diesem schönen Traum. Dann gehen Sie baden, aber so richtig. So wie der stern, als die von ihm 1983 unter mächtigem Getöse veröffentlichten angeblichen Hitler-Tagebücher innerhalb weniger Tage als Fälschungen entlarvt wurden.

Aus dem größten Knüller aller Zeiten wurde "der größte Flop der deutschen Pressegeschichte". Das schrieb nicht die Konkurrenz, sondern stern-Herausgeber Henri Nannen. Für den stern, damals nach eigener Einschätzung "die führende Zeitschrift seines Genres wohl in der ganzen Welt", wurde die Geschichte zum Albtraum.

Zwar erholte sich die Auflage nach ein paar Monaten wieder. Aber der stern musste danach alles tun, um seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Man habe sich danach "unendlich seriös" verhalten müssen, urteilte der ehemalige stern-Journalist Manfred Bissinger rückblickend, und das sei für eine Illustrierte eine schwierige Situation. Mit der journalistischen Spielfreude und rabaukigen Angriffslust des stern war es erst einmal vorbei.

Die Schuldigen standen schnell fest, allen voran der einstige Star-Reporter Gerd Heidemann und seine ominöse Quelle "Conni Fischer". Dahinter verbarg sich der Meisterfälscher Konrad Kujau, ein wegen Diebstahls und anderer Delikte polizeibekannter Kleinkrimineller. Dann Thomas Walde, der drei Jahre lang eng mit Heidemann zusammengearbeitet hatte und als Leiter der stern-Sonderredaktion Zeitgeschichte für die Koordinierung der Recherchen zuständig war. Die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt, die trotz aller Zweifel den Erscheinungstermin der Geschichte vorgezogen hatten, ohne auf ein abschließendes Papiergutachten des Bundeskriminalamts zu warten.

Aber auch Gerd Schulte-Hillen, der Vorstandsvorsitzende des stern-Verlags Gruner + Jahr, und sein Vorgänger Manfred Fischer trugen Mitverantwortung an dem Desaster. Sie hatten an der stern-Redaktion vorbei Verträge mit Heidemann und Walde gemacht und damit gegen ein ehernes Gesetz journalistischer Unabhängigkeit verstoßen: Ein Verlag darf sich in redaktionelle Dinge nicht einmischen.

"Nur die stern-Redaktion hat mit der ganzen Sache nichts zu tun", hielt Nannen denen entgegen, die nun die gesamte Mannschaft mit Hohn und Spott übergossen. Es war ein schwacher Trost für die Redakteurinnen und Redakteure, die sich von einem Tag auf den anderen schuldlos-schuldig inmitten des größten Presseskandals wiederfanden, den die Bundesrepublik je gesehen hatte. "Obwohl wir alle darauf beharrten, ohne Schuld zu sein", erinnerte sich der damalige stern-Redakteur Michael Jürgs später, "hatten wir die journalistische Unschuld verloren, weil wir zum stern gehörten, mussten wir die Erblast AH tragen."

"Ein Rausch, der die Leute erfasst hat"

"Dem stern ist eine Wunde geschlagen worden, die noch lange schmerzen wird" , urteilte Henri Nannen damals. Bei manchen der Beteiligten jucken die Narben noch heute. Zum Beispiel bei Wolf Thieme. "Wir wurden von allen Seiten mit Scheiße beschmissen", erinnert sich der ehemalige stern-Autor. Es sei eine richtige Hexenjagd gewesen, auch innerhalb des Hauses. Der heute 80-Jährige kann auf eine bewegte Journalistenkarriere zurückblicken: Reporter bei der "Bild", "Playboy"-Chefredakteur, stern-Autor und zuletzt Chefredakteur vom "Feinschmecker". Von 1980 bis 1987 war er beim stern und ist erst einmal wenig erfreut über den Anruf. Die Sache mit den Hitler-Tagebüchern sei natürlich auch in seiner Karriere der Tiefpunkt. Thieme war der Autor, der damals für den stern die Fundgeschichte der Hitler-Tagebücher aufschreiben musste und darüber fast verzweifelte. Was er erzählt, ist ein Lehrstück über Zweifel und Zugzwang im Journalismus. Und das kam so:

Am 9. März 1983 bestellt stern-Chefredakteur Peter Koch seinen Autor zu sich ins Büro. Thieme gehört beim stern zu den Edelfedern und ist genau der richtige Mann für Koch. Denn der Chefredakteur hat ein Problem: Er braucht einen Auftakt für die Serie über die Hitler-Tagebücher, jemand muss die Geschichte des Fundes aufschreiben. Heidemann kann und will nicht schreiben, er sei ja immer nur nach Stuttgart gefahren, um die Bücher abzuholen. Das ist alles, aber keine stern-Geschichte.

Von Koch erfährt Thieme zum ersten Mal von der Existenz der Hitler-Tagebücher. Nun soll er innerhalb der nächsten Wochen den Text über den sensationellen Fund schreiben. Länge: 60 Seiten. Er soll im stern erscheinen und später in einem Buch über Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, das Heidemann und Walde bereits fertig haben. Neben den Tagebüchern habe Hitler nämlich Heß' Geheimflug nach England im Mai 1941 eine eigene Kladde gewidmet.

Im Gegenzug soll Thieme an den Tantiemen beteiligt werden. Weil die Buchverträge mit Heidemann und Walde längst abgeschlossen sind, bietet ihm die stern-Chefredaktion 25 000 D-Mark an. Nicht schlecht, aber auch keine unübliche Summe für damalige Verhältnisse und ein Klacks im Vergleich zu den Gewinnen, auf die Heidemann, Walde und der Verlag hoffen.

Denn Gruner + Jahr will mit den Ergüssen des Tagebuch-Führers ein Riesengeschäft machen. 1,7 Millionen Hefte druckte der stern jede Woche und war das größte Magazin der Republik. Thieme weiß nicht, dass bereits Lizenzverhandlungen mit "Newsweek", "Times", "Paris Match" laufen. Er ahnt nicht, dass der Verlag 9,34 Millionen D-Mark für die 60 Tagebuch-Kladden bezahlt hat und folglich die Bereitschaft, das ganze Projekt infrage zu stellen, eher gering war. "Das war wie ein Rausch, der die Leute erfasst hat", erinnert sich Thieme.

Auch er ist erst einmal fasziniert. "Ich fand das toll und habe Koch noch gratuliert, weil ich der Meinung war, dass die Kollegen eine wasserdichte Geschichte an Land gezogen hatten."

Heidemann beruft sich auf Informantenschutz

Noch am selben Tag trifft er sich mit Heidemann, der ihm vom Absturz einer "Führermaschine" im sächsischen Börnersdorf kurz vor Kriegsende erzählt und von den Dokumenten, die aus dem Flugzeug geborgen worden sein sollen - darunter die persönlichen Tagebücher Adolf Hitlers. Allerdings: Wie und wann Heidemann an die Akten gekommen ist, will dieser nicht verraten und beruft sich auf Quellenschutz. Seine Informanten in der DDR seien sonst in Gefahr. Stattdessen bekommt Thieme Berge von Tonbandabschriften von Gesprächen, die der rasende Reporter Heidemann mit ehemaligen Nazi-Größen aus Hitlers Umfeld geführt hat. "Aber das war praktisch unbrauchbar, die haben alle gesagt: Kaum zu glauben, dass der Führer Tagebuch geführt hat."

Dann zieht sich Thieme in ein Landhaus in der Lüneburger Heide zurück. "Ich sollte weit weg sein, unerreichbar für die Redaktion." Die Bunkermentalität, mit der sich die wenigen Eingeweihten vom Rest der Redaktion abschotten, bekommt paranoide Züge. Aus journalistischen Tugenden - Informantenschutz, Redaktionsgeheimnis - werden Untugenden - Geheimniskrämerei, Blindgläubigkeit.

Ressortleiter Walde wacht genau darüber, welche Informationen der Autor bekommt. Dazu gehört ein mehrseitiges Dokument mit Zitaten aus den Tagebüchern und einer Beschreibung der Fundstücke, über das Walde quer mit rotem Filzstift die Anweisung geschrieben hat: "Für G. Heidemann. Nur diese Zitate dürfen von Thieme u. stern TV verwendet werden" . In dem Dossier findet Thieme Informationen wie diese: "Alle Eintragungen handschriftlich, mit Tinte, sehr häufig sind die einzelnen Eintragungen mit voller Unterschrift versehen (geradezu manisch) ..."

Weil Thieme mit den unvollständigen Auskünften Heidemanns unzufrieden ist, verlangt er von Chefredakteur Felix Schmidt, der solle dem Reporter befehlen, endlich mit Einzelheiten rauszurücken. Es hilft nichts. Heidemann beruft sich auf den ihm vertraglich vom Verlag zugesicherten Informantenschutz. Da ist auch die Chefredaktion machtlos.

Die Tagebücher bekommt Thieme nie zu Gesicht. Er muss die Geschichte ihrer Entdeckung im Blindflug schreiben und macht sich noch heute Vorwürfe. "Das war mein Fehler, dass ich mich darauf eingelassen und das nicht hingeklatscht und gesagt habe: Dann mach ich's nicht."

Niemand wundert sich, dass der "Führer" immer weniger in jedes einzelne Tagebuch geschrieben hat, je mehr der stern davon aufkauft. Zuletzt pro Tagebuch ein Monat - mit vielen leeren Seiten. Dass die Schrift "kleiner und immer flüchtiger" wird, wie Thieme in der Fundgeschichte schrieb, hing ja nicht mit dem nahenden Kriegsende zusammen, sondern mit dem Produktionsdruck in Kujaus Fälscherwerkstatt. Die Preise der Hitler-Akten schwankten zwischen 85 000 und 200.000 D-Mark pro Stück, als wäre man an der Börse.

Andererseits: Die Zitate sind schon gut. Zum Beispiel die Lästereien über den "kleinen Dr. Goebbels" ("schon wieder Geschichten mit Frauen") und den "hinterhältigen Kleintierzüchter" Himmler ("dieser undurchsichtige Buchhaltertyp wird mich auch kennenlernen"). Auch intime Details über Führers Verdauungsstörungen oder Scheinschwangerschaften von Eva Braun enthalten die Tagebücher. Oder Hitlers Kritik an den Novemberpogromen von 1938: "Es geht nicht, dass in unserer Wirtschaft durch einige Hitzköpfe Millionen- und Aber-Millionenwerte vernichtet werden, allein schon an Glas …" Ja, verdammt noch mal, war Hitler gar nicht so ein Schlimmer? Mit dem Abdruck solcher Zitate setzte sich der stern dem Vorwurf aus, Nazi-Themen zu verharmlosen. Er kam später auch aus der eigenen Redaktion.

Die Buchstaben waren aus vergoldetem Plastik

Im Nachhinein mögen die Tagebücher wie eine plumpe Fälschung erscheinen. Aber Kujau sei schon sehr geschickt gewesen, sagt Thieme, indem er nicht einfach nur aus Chroniken des Dritten Reichs abschrieb, sondern seiner Führer-Fantasie freien Lauf ließ. "Das war ein richtiges Illustriertenfressen."

Aber spricht es nicht doch eher gegen die Existenz von Tagebüchern, wenn praktisch alle Leute aus Hitlers Umfeld erklären, davon nie etwas gewusst zu haben? Und warum sollte ein Tagebuch-Führer unter jeden Eintrag in sein privates Diarium seine schwungvolle Unterschrift setzen? Der stern gibt Gutachten in Auftrag, um sich die Echtheit der Hitler-Tagebücher bestätigen zu lassen. Renommierte Historiker wie der Amerikaner Gerhard Weinberg und der Brite Hugh Trevor-Roper sollen als Gewährsleute für die Echtheit der Sensation dienen.

Als die ersten positiven Gutachten eintreffen, ist Thieme nicht überzeugt. "Eine Verifizierung ausschließlich über Schriftgutachten taugt nichts. Außerdem war einer der Gutachter bereits tot, und einen toten Grafologen zu interviewen ist ziemlich blöd." Auch ein Papiergutachten gibt der stern in Auftrag, ohne aber dessen Ergebnis abzuwarten.

Denn die Chefredaktion zieht die Deadline für die Textabgabe noch einmal vor: Thieme muss bis zum 7. April liefern, weil an diesem Tag Lizenzverhandlungen in Zürich laufen sollen. Inzwischen gibt es auch ein "Beweisfoto" , auf dem ein Stapel Kladden neben Hitlers Sofa im Führerhauptquartier zu sehen ist. Der stern wird das Bild zusammen mit einem Pfeil und der Bildunterschrift "Sein Tagebuch war immer dabei" drucken. "Das nehme ich auf mich", sagt Thieme, "das haben wir nach dem Motto getextet: Stimmt vielleicht nicht, könnte aber so gewesen sein". Gerd Heidemann widerspricht: Der Sohn von Hitlers Hoffotograf Heinrich Hoffmann habe ihm bestätigt, dass es sich auf dem Foto zweifelsfrei um Hitlers Tagebücher handele.

"Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand", lautete der Titel der 14-seitigen Geschichte, die am 28. April 1983 in Ausgabe 18 des stern erschien - jenem berühmt-berüchtigten Heft, auf dessen Titelseite das blaue Tagebuch mit den goldenen Initialen "FH" abgebildet war.

Das Cover des stern 18/1983, erschienen am Montag, den 25. April 1983. Der Erstverkaufstag wurde kurzerhand vorgezogen. Auf dem Titelblatt ist der ursprüngliche Erscheinungstermin abgedruckt (Donnerstag, 28. April).

Das Cover des stern 18/1983, erschienen am Montag, den 25. April 1983. Der Erstverkaufstag wurde kurzerhand vorgezogen. Auf dem Titelblatt ist der ursprüngliche Erscheinungstermin abgedruckt (Donnerstag, 28. April).

Dann nahm die Tragikomödie ihren Lauf, und die Welt rätselte unter anderem über die Frage, was "FH" denn zu bedeuten habe. "Führer Hitler"? "Führerhauptquartier"? "Führers Hund"? Für die Fans von Helmut Dietls grandioser Komödie "Schtonk" sei klargestellt: Natürlich hatte es solche Diskussionen gegeben. Laut dem stern-internen Untersuchungsbericht erklärte Heidemann damals, Hitlers Sekretär Martin Bormann habe ihm erzählt, schon Hitler habe Anstoß an den Lettern genommen, weil das vermeintliche A auch als I gelesen werden könne ("Idiot Hitler"). Dem Leiter des stern-Wissenschaftsressorts, den man kurz vor der Veröffentlichung eingeweiht hatte, war zudem aufgefallen, dass die Buchstaben aus vergoldetem Plastik und die Einbände aus schnödem Kunstleder bestanden - ungewöhnlich für ein Staatsoberhaupt mit dem Ego Adolf Hitlers.

Über dessen Lebensstil kursierten zwei Versionen: Die eine besagte, für ihn hätte es in diesem Fall nur Leder und sonst nichts gegeben. Sie passte nicht zum Fund und wurde verworfen. Die andere zeigte Hitler als einen Ausbund an Bescheidenheit. Das passte: Wer sonntags Kartoffelsuppe aß, der hatte seine Gedanken für die Nachwelt sicher auch in billigen Kladden festgehalten.

Henri Nannen setzte einen unabhängigen Redaktionsausschuss ein, der die Vorgänge lückenlos und ohne Ansehen der Personen aufklären sollte. Durch seine zentrale Rolle in der Affäre wurde Heidemann, den Henri Nannen in Editorials früher oft mit Lob überhäuft hatte, zum Blitzableiter für die Wut der Kollegen. Aber die stern-Kommission kam auch zu dem Ergebnis, dass die Knüller-Mentalität in der Redaktion dazu beigetragen habe, dass vermeintliche Sensationen oft als "toll ins Blatt passend" akzeptiert wurden, ohne dass ihr Wahrheitsgehalt kritisch geprüft wurde. Das Verifizieren sei mitunter zu einer Methode verkommen, um eine Story erst mit den "facts" auszustatten, die zur "wirklichen" Sensation noch fehlten. So etwas durfte nie wieder geschehen, weshalb die akribische Arbeit der stern-Dokumentation auch heute noch fester Bestandteil jeder Heftproduktion ist.

Den weltweiten Spott aber musste der stern ertragen und druckte sogar eine Auswahl der Karikaturen über die Affäre ab. Aus Sicht von stern-Gründer Henri Nannen war das nur recht. "Denn wer austeilt, muss auch einstecken können."

Dieser Artikel wurde dem stern-Extra "70 Jahre stern" entnommen, erschienen am 1.5.2018.