HOME

Faktencheck: Lungenkrankheit in China: Droht ein zweites Sars?

Die neue Lungenkrankheit in China weckt Erinnerungen an Sars. Die Epidemie war 2002/2003 verheerend: Menschen in Quarantäne, Hotels in Asien menschenleer. Doch ist ein Vergleich angemessen?

Coronavirus in China

Ein Mitarbeiter überwacht Bildschirme von Infrarot-Thermometern am Bahnhof Hankou in Wuhan. Foto: Uncredited/CHINATOPIX/AP/dpa

Im Zuge der neuen Lungenkrankheit in China fällt häufig der Verweis auf Sars vor mehr als 15 Jahren. Damals hatte die Epidemie massive Folgen - gesundheitlich und wirtschaftlich.

THESE: Der aktuelle Coronavirus könnte sich als so dramatisch herausstellen wie der Sars-Virus in den Jahren 2002/2003.

BEWERTUNG: Das lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

FAKTEN: Zwar gehört der neue Erreger derselben Virusart wie Sars an, er ist nach Untersuchungen des Berliner Virusforschers Christian Drosten aber eine andere Variante. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) «neues Coronavirus» - 2019-nCoV - genannte Erreger scheint sowohl weniger ansteckend als auch weniger gefährlich zu sein.

Bei der Lungenkrankheit Sars wurden 2002/2003 insgesamt 8000 Infektionen erfasst, von denen 800 tödlich verliefen. Es starb also etwa einer von zehn nachweislich Erkrankten. Bei dem neuen Virus wurden seit Dezember 2019 mehr als 470 Infektionen und 17 Todesfälle nachgewiesen. Da die Krankheit derzeit wohl noch weitestgehend mild verläuft, gibt es bei den Erkrankten möglicherweise eine hohe Dunkelziffer.

Experten des Imperial College London etwa schätzen, dass es Ende vergangener Woche bereits mehr als 1700 Infizierte gegeben haben könnte. Auch Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, hält eine höhere Fallzahl für wahrscheinlich.

Möglicherweise ist 2019-nCoV also - abgesehen von einzelnen Todesfällen bei schon zuvor schwer erkrankten Menschen - eine eher harmlose Erkrankung ähnlich einer Erkältung. Das wäre gut, hätte aber auch einen Nachteil: Eine weltweit um sich greifende Infektionswelle ließe sich nicht so leicht eindämmen, Ansteckungen fielen kaum auf.

Die Sars-Epidemie vor mehr als 15 Jahren war die erste weltumspannende Seuche dieses Jahrhunderts. Im Februar 2003 brachte ein infizierter Arzt den Erreger aus der südchinesischen Provinz Guangdong, wo die Krankheit schon über Monate kursierte, in ein Hongkonger Hotel. Von dort breitete sich das Virus wohl über den Erdball aus, nach Angaben des Europäischen Krankheitszentrums ECDC waren 33 Länder betroffen. Im März 2003 stufte die WHO das Schwere Akute Atemnotsyndrom (Sars) als weltweite Bedrohung ein.

Im Sommer 2003 war der Ausbruch dann beendet. Asiens Wirtschaft aber hatte er zum Zittern gebracht. Die Aktienmärkte, ob in China, Singapur, Hongkong oder Taiwan, verloren an Boden - besonders betroffen: Hongkong. Obwohl sich dort damals nur weniger als ein Promille der Bevölkerung mit dem Virus infiziert habe, sei der Konsum «regelrecht eingebrochen», zitiert das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung einen Strategen der Bank Goldman Sachs.

Tourismusmanager und Fluggesellschaften mussten seinerzeit mit einem dicken Minus leben. Reisende blieben völlig weg, viele Hotels in Asien standen leer. Internationale Wissenschaftler schätzten 2004, dass sich die weltweiten Kosten der Epidemie womöglich auf mehr als 40 Milliarden US-Dollar belaufen könnten.

Ob auch die aktuelle Lungenkrankheit solche Auswirkungen hat, ist derzeit ungewiss. Sollte sich 2019-nCoV weiter ausbreiten, sehen Analysten der Commerzbank zum Beispiel das Risiko, «dass dem ohnehin angeschlagenen chinesischen Konsum weiterer Gegenwind entgegenbläst». Zuletzt waren weltweit die Aktienkurse internationaler Fluggesellschaften bereits unter Druck geraten.

Derzeit hängt also alles davon ab, wie es mit dem aktuellen Coronavirus weitergeht. Dabei sollte aber auch klar sein: Es muss nicht bei milden Verläufen bleiben. Erreger wie das neue 2019-nCoV und Sars-CoV sind wandelbar und anpassungsfähig - mit Änderungen in ihrem Erbgut könnten sie weitaus ansteckender und gefährlicher werden. Bei Sars zumindest war dem nicht so: Inzwischen ist das Virus wahrscheinlich nur noch in Tieren unterwegs.

dpa