HOME
Interview

Diskussion um Bildung: "Mit meinem Film möchte ich eine Revolution anstiften"

Der Dokumentarfilmer Alexander Kleider hat einen Film über seine alte Schule gemacht: die Berliner Schule für Erwachsenenbildung (SfE). Eine Schule für Schulversager mit einem ungewöhnlichen Konzept – ein Vorbild für das deutsche Schulsystem?

Drei Jahre lang hat Dokumentarfilmer Alexander Kleider Hanil auf seinem Weg zum Abitur begleitet

Drei Jahre lang hat Dokumentarfilmer Alexander Kleider Hanil auf seinem Weg zum Abitur begleitet

Was empfinden Sie, wenn Sie an Ihre eigene Schulzeit zurückdenken?

Langeweile und ein schlechtes Gewissen – wegen der Hausaufgaben, die ich auf dem Weg im Bus gemacht habe. Elende Sonntagabende, weil Montag ja wieder Schule war. Mein Leben fand außerhalb der Schule in Jugendzentren statt.

Sie haben selbst Abitur an der Berliner Schule für Erwachsenenbildung gemacht – dem Drehort Ihres neuen Films "Berlin Rebel High School".

Ich bin in Baden-Württemberg auf die Realschule gegangen und hatte dort keine schöne Schulzeit. Ich wurde gemobbt. Statt meine Talente zu entfalten, hätte ich fast verlernt, was ich kann. Beinahe wäre ich auf der Hauptschule gelandet. Nach einer Ausbildung zum Erzieher bin ich nach Berlin, um an der Schule für Erwachsenenbildung mein Abitur nachzuholen.

Alexander Kleider, 41, gründete mit  Daniela Michel die DOK-WERK Filmkooperative in Berlin. Bisherige Filme: "Eiszeit" (2004) und "Im Schatten des Tafelberges" (2010)

Alexander Kleider, 41, gründete mit  Daniela Michel die DOK-WERK Filmkooperative in Berlin. Bisherige Filme: "Eiszeit" (2004) und "Im Schatten des Tafelberges" (2010)

Das müssen Sie uns erklären: Wie wird man als Erzieher Dokumentarfilmer?

Ich habe schon als Kind mit der Super-8-Kamera Filme gedreht, ich bin sehr musikalisch – aber während meiner Schulzeit auf einer staatlichen Schule hat das alles keine Rolle gespielt. Mein Kunstlehrer Klaus, der auch im Film vorkommt, hat mich bestärkt, Filme zu machen.

Wie haben Sie die Zeit auf der Schule für Erwachsenenbildung in Berlin erlebt?

Als eine Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen. Nach der Einschulung waren wir zunächst alle euphorisch. Erleichtert stellten wir fest: Ich bin nicht allein! Auch andere sind in der Regelschule gescheitert. Lehrer wie Klaus, die einen ernst nahmen und an Themen heranführten, halfen uns, wieder Selbstbewusstsein aufzubauen. Das tat unheimlich gut. Ich habe mich wie befreit gefühlt und echten Wissensdurst entwickelt. Dann kam die Phase der Ernüchterung – es ist furchtbar anstrengend, alles basisdemokratisch zu organisieren und wirklich jedes Thema in der Vollversammlung zu diskutieren. Schließlich die blanke Panik angesichts der bevorstehenden Prüfungen.

War es einfach, Schüler und Lehrer von Ihrem Filmprojekt zu überzeugen?

Ich musste meine Idee in der Vollversammlung vorstellen. Alles wird an der SfE basisdemokratisch entschieden – vom Lehrergehalt über neue AGs bis hin zu meinem Film. Mir hat geholfen, dass viele meiner alten Lehrerinnen und Lehrer noch an der Schule sind und der Kontakt nie ganz abgerissen ist.

Wie haben Sie Hanil und die übrigen Protagonisten für Ihren Film gefunden?

Ich schaue: Wer interessiert mich als Mensch? Und wer hat etwas zu erzählen? Wenn man drei Jahre lang so intensiv miteinander arbeitet wie bei einem Filmdreh, dann muss man sich mögen. Ich habe zunächst mehrere Schülerinnen und Schüler begleitet, aber dann haben sich Alex, Mimy, Lena, Hanil und Marvin herausgeschält. Dazu kam noch Flo, der auch eine wichtige Rolle im Film hat. Er ist der Kritiker, er stellt vieles an der Schule in Frage.

Erst auf der SfE erleben die Schüler Lehrer, die ihnen mit Respekt begegnen und auf Augenhöhe.

Ich glaube, 40 Prozent der Lehrer haben den falschen Beruf gewählt und 60 Prozent würden gern anderen Unterricht machen, werden aber vom System daran gehindert. Viele Lehrer werden von Ängsten beherrscht: vor den Schülern, vor den Eltern und vor ihren Kollegen. Die Angst lässt sie auf Distanz gehen. Aber ein guter Pädagoge ist authentisch und verhält sich so, als wäre er bei sich zu Hause im Wohnzimmer.

Hohe Ideale. Was würden Sie am deutschen Schulsystem ändern?

Pro Klasse braucht es zwei Lehrer, damit man den Frontalunterricht abschaffen kann. Nur die besten Talente sollten Lehrer werden dürfen, und ich würde die Noten abschaffen. Furchtbar, wie die Ökonomisierung der Gesellschaft dazu führt, dass alle nur noch auf die Noten und ihren Schnitt schielen.

Naja, im Film dreht sich am Ende auch alles darum, wie gut oder wie schlecht die Schülerinnen und Schüler ihre Prüfungen bestehen.

Stimmt. Aber sie machen die Prüfungen aus eigener Motivation heraus und entdecken an der SfE, was sie interessiert, weil sie Verantwortung für ihr Lernen übernehmen – das ist der Unterschied zum staatlichen Schulsystem. Hanil zum Beispiel war nie besonders gut in Deutsch. Aber in einer Szene bespricht er mit seinem Deutschlehrer eine Gedichtanalyse und erlebt Bestätigung statt Zurechtweisung. Die Schule ist in der links-alternativen Szene von Kreuzberg verwurzelt.

Die Schule ist in Berlin-Kreuzberg. Warum hat der Film einen so merkwürdigen englischen Titel?

Der Film hatte beim Austin Filmfestival in Texas Premiere, daher brauchten wir einen englischen Titel. Aber wenn der zu Diskussionen anregt, soll mir das Recht sein. Unser Schulsystem muss sich von Grund auf ändern. Und mit meinem Film möchte ich zeigen: Die Utopie funktioniert!

Berlin Rebel High School

Wissenscommunity