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Gegen Diskriminierung queerer Menschen Werdet mal locker: "Autos fahren, Strom fließt – auch wenn sich zwei Männer küssen"

Kleine Pride-Flaggen werden in der Hand gehalten. Zu sehen sind die Regenbogenflagge, die Trans- und die Bisexuellen-Flagge.
Der IDAHOBIT wird auf der ganzen Welt gefeiert
© Vladimir Vladimirov / Getty Images
Heute ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Der stern hat mit Angehörigen der LGBTQI-Community gesprochen, um herauszufinden, wie viel Diskriminierung und Druck auf den Schultern queerer Menschen lastet.

Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus dem Register psychischer Erkrankungen. Um an diesen Tag zu erinnern, feiern viele queere Menschen jährlich den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) und gehen für ihre Rechte und gegen Hass auf die Straßen.

Homo-, Bi-, Inter- oder Transphobie meint die Feindseligkeit gegenüber Menschen, die sich als homo-, bi-, inter- oder transsexuell verstehen. Menschen, die homophob (biphob, interphob, transphob) eingestellt sind, sind der Meinung, dass alle Menschen heterosexuell sein sollten. Andere sexuelle Orientierungen lehnen sie meist nicht nur ab. Sie tragen ihre Haltung durch Abwertung, Verhöhnung oder unangebrachte Witze nach außen. Im Jahr 2020 kam es zu 782 Straftaten – davon 154 Gewalttaten – in Deutschland, die sich gegen die sexuelle Orientierung, das Geschlecht bzw. die sexuelle Identität von Menschen richteten. Expert*innen gehen von einer Dunkelziffer von bis zu 90 Prozent aus. 

Sechs Millionen Menschen in Deutschland sind queer

Laut der repräsentativen Dalia-Studie zählen sich 7,4 Prozent der Deutschen zur LGBT-Community. In Zahlen sind das ungefähr sechs Millionen Menschen. Sechs Millionen, die sich nicht als heterosexuell bezeichnen würden und sechs Millionen, denen auf offener Straße immer noch Hass und Diskriminierung entgegenschlägt.

Student und Jung-Journalist Lukas W. beschreibt die Situation in der Öffentlichkeit, als hätte er ein Radar entwickelt: "Man checkt immer die Lage ab – ist sie gerade sicher, ist sie nicht sicher? Kann ich mit meinem Partner jetzt Händchen halten oder nicht?" Er sagt, es sei traurig, dass sie immer die Lage sondieren müssten, andererseits bilde sich dadurch eine enorme soziale Kompetenz.

Noel G. ist transsexuell. Er sagt, Händchenhalten störe ihn meist überhaupt nicht. Gleiches gelte für Kuscheln oder Küssen mit seinem Partner. "Das liegt aber auch nur daran, weil ich dann in Bereichen bin, wo ich mich entweder sicher fühle […] oder wenn ich gerade besonders weiblich aussehe, sei es durch ein bisschen Make-up oder sowas." Die Menschen würden dann gar nicht auf die Idee kommen, dass sich dort zwei Kerle küssten, erzählt er dem stern im Gespräch. In vielen anderen Situationen verzichten die beiden homosexuellen Paare darauf, ihre Liebe nach außen zu tragen – es sei zu unsicher.   

Alles beginnt mit dem Coming-out

Viele Angehörige der LGBT-Community verstecken sich lange vor Familie, Freunden und der Öffentlichkeit, leben im Schein der Heterosexualität. Das Drama beginnt mit dem Coming-out. Catharina B. erzählte uns, dass eine Freundin, die sie seit Kindestagen kannte, sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr im gleichen Zimmer umzog, weil Catharina sich ihr gegenüber als bisexuell anvertraut hatte. Nur wenig später und seitdem immer wieder, sei sie als potenzielle Partnerin für einen Dreier betitelt worden, weil sie ja nun auf mehrere Geschlechter stehen würde. "Das hat mich wütend gemacht und enttäuscht", sagt sie dazu. Danach hätte sie mit der Aufklärungsarbeit angefangen.

Lukas verrät im Interview, dass er gegen den Begriff "Coming-out" sei. "Heterosexuelle müssen sich ja auch nicht rechtfertigen, wenn sie aufs andere Geschlecht stehen. Warum müssen homosexuelle Menschen sich dann dafür rechtfertigen, weil sie genauso lieben, aber eben das gleiche Geschlecht", äußert er. Häufig begegne ihm die Frage, seit wann er denn schwul sei und wie er das gemerkt habe. Heterosexuelle Menschen müssen diese Frage nie beantworten.

Es gäbe nicht nur einen abschreckenden Moment vor einem Coming-out, sondern in vielen Situationen viele kleine. Als Alternative schlägt der Student aus Bremen vor, man solle da "kein großes Fass mehr aufmachen". Man könne einfach sagen, dass man gerade diese Person date, ob gleichgeschlechtlich oder nicht, das sollte Lukas' Meinung nach "vollkommen egal" sein. 

Auf die Sexualität beschränkt

Viele reduzierten eine Person nach einem Coming-out nur noch auf ihre Sexualität, berichtet Lukas. "Vor und nach dem Coming-out – es ist ja immer noch der gleiche Mensch", sagt er und führt weiter aus: "Man kann ja nicht nur darauf reduziert werden, wen man liebt. Dahinter steht ja immer noch eine Persönlichkeit, die viel mehr ausmacht, als wen er oder sie liebt."

Noel plädiert ebenfalls für mehr Offenheit – auf beiden Seiten. Er sagt: "Ich kann kein Verständnis und kein offenes Entgegenkommen erwarten, wenn ich nicht aufkläre." Eine ehrlich gemeinte Frage, bei der er sich nicht unwohl fühle, würde er daher beantworten, auch wenn sie eigentlich unangebracht sei.

Inklusives Denken fehlt manchmal auch in der Community

Offenheit und Akzeptanz wird in der queeren Szene großgeschrieben. Beides wünscht sich die Community auch von heterosexuellen Menschen. Doch auch innerhalb der Community existiert keine völlige Totelranz. In der lesbischen Szene haben es vor allem besonders männliche, besonders weibliche und bisexuelle Frauen schwer. Und in der Schwulenszene werden oft Asiaten, Schwarze, dicke und feminine Männer diskriminiert.

Es ist ein Widerspruch und zeigt, dass eine homogene Struktur in der Gesellschaft ein schwieriges Thema ist. Personen, die von der "Norm" abweichen, werden schneller isoliert. Das gilt für alle Gesellschaftsformen. Catharina hat daher einen großen Wunsch: "Ich hoffe einfach, dass die Menschen bald verstehen, dass es absolut egal ist, in wen du verliebt bist, solange du ihn liebst." Ihr Wunsch gelte für jeden Menschen in der Gesellschaft. 

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"Homophobie oder Hass ist substanzlos"

Lukas bringt es auf den Punkt. Er sagt: "Autos fahren, Strom fließt – auch wenn
 sich zwei Männer küssen. Die Welt geht davon nicht unter und deswegen schaden 
sie der Gesellschaft nicht – Homophobie oder Hass ist substanzlos." Und das gelte für alle Teile der Gesellschaft und für jedwede Diskriminierung gegenüber anderen Sexualitäten und Geschlechtern.

Der Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie ist ein Tag für Respekt, Offenheit und Akzeptanz – in jeder Hinsicht. Eigentlich sollte jeder Tag ein Tag gegen Homophobie, Biphobie, Interphobie, Transphobie und Hass im Allgemeinen sein. "Gerade am Anfang", sagt Lukas, "stehe man sich eher selbst im Weg, vor allem was das Coming-out angeht." Da spielten andere Menschen eher eine geringere Rolle. Auch Noel beschreibt das Coming-out als unfassbar schwierige Angelegenheit. Es laste ein großer Druck auf den Schultern queerer Menschen. Druck, der bei mehr Offenheit in der Gesellschaft nicht gegeben wäre.

Weitere Informationen finden Sie hier:
 – Queer-Lexikon
Lesben- und Schwulenverband (LSVD)


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