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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Mit Freunden über Sex reden? Och, nö!

Heutzutage denken alle, dass es normal ist, mit Freunden total locker über Intimes zu reden. Magische Momente verkommen dadurch zur Anekdote – findet Henriette Hell.

"Ich will's gar nicht wissen!", denkt sich "Sexpertin" Henriette Hell oft, wenn ihr von Freundinnen oder Bekannten intime Details in aller Ausführlichkeit erzählt werden

"Ich will's gar nicht wissen!", denkt sich "Sexpertin" Henriette Hell oft, wenn ihr von Freundinnen oder Bekannten intime Details in aller Ausführlichkeit erzählt werden

Gestern begrüßte mich einen gute Freundin mit dem Satz "Du kannst dir nicht vorstellen, wie untervögelt ich gerade bin!" Da fiel mir erstmal nichts zu ein. "Oh. Das ist ja blöd", stotterte ich. Denn ob Sie es glauben oder nicht: Obwohl ich hier jede Woche einen Kolumne über Sex schreibe, will ich von den Menschen in meinem Umfeld lieber keine Bettgeschichten hören. Aber der Zug ist abgefahren. Seit im März mein Buch "Achtung, ich komme! – In 80 Orgasmen um die Welt" erschienen ist (tja, selbst schuld – bei dem Titel), sehen mich viele Bekannte als kumpelige Sexualtherapeutin, die man jederzeit mit schlüpfrigen Fragen löchern und versauten Anekdoten erfreuen kann.

Neulich sprach mich etwa auf einer Party ein wildfremder Mann am kalten Buffet an und fragte mich fleischbällchenkauenderweise, ob es eigentlich normal sei, dass seine Freundin so eine totale Abneigung gegen Oralsex hätte. Die "Sexpertin" in mir antwortete postwendend: "Aktiv oder passiv?" – während ich gleichzeitig dachte: "Was zur Hölle geht mich dein verkorkstes Sexleben an?" Aber dann konnte ich doch nicht aus meiner Haut. Und erklärte dem Mann in ein paar Sätzen, dass es sein könne, dass er sich "nur" zu blöd beim Lecken anstelle und seiner Frau auf diese Weise eher Schmerzen als Freude bereite. Alternativ könne es auch sein, dass es ihr aufgrund von mangelndem (sexuellen) Selbstbewusstsein unangenehm sei, ihm den direkten Blick auf ihr Allerheiligstes zu gewähren. Nicht umsonst würden Beauty-OPs für untenrum boomen. Er bedankte sich höflich und wir wendeten uns wieder dem Essen zu.

Ich erfahre (leider) alles!

Klar, solche Ratschläge schüttele ich aus dem Ärmel. Das heißt aber nicht, dass ich es cool finde, ständig so intime Einblicke in das Sexleben von Fremden oder Bekannten zu bekommen. Eine Freundin ruft mich beispielsweise immer am Tag nach einem One-Night-Stand an und erzählt mir (ungefragt) sämtliche Details darüber. Manchmal gehe ich deshalb sonntags schon gar nicht mehr ans Telefon ...

Umgekehrt läuft es ähnlich: Wenn ich ein Date hatte, ruft sie mich gleich danach an und fragt: "Uuuuund? Hattet ihr Sex? War es guuuut?" Es gibt Momente, in denen es gut tut, sich mit guten Freundinnen über das ein oder andere auszutauschen. "Sag, ist es bei dir/euch auch so, dass ...?" oder "Hattest du schon mal einen Mann, der ...?" Das kann sehr befreiend sein. Oft genug plagt mich aber auch das schlechte Gewissen, wenn ich mal wieder zu viel erzählt habe. Denn irgendwie verkommt ein magischer, intimer Moment dadurch zur Anekdote.

Lieber genießen und schweigen

Blame it on "Sex and the City" – aber irgendwie habe ich das Gefühl, wir haben unbewusst einen Grenze überschritten. Mal ehrlich: Was bringt es, den Freundinnen unsere letzte Liebesnacht zur Analyse zu übergeben? Bringen uns fiese Kommentare wie "Waaaas? Er hat ihn nicht hochgekriegt? Das ist ja erbäääärmlich!" wirklich weiter? Ich denke nicht. Wir sollten wieder mehr genießen und schweigen.

Wenn Sie also das nächste Mal gelöchert werden, antworten Sie: "Es war sehr schön." Punkt. Und auf Nachfragen: "Ja, es war richtig gut!" Selbst, wenn das geschwindelt ist.  

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