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Kolumne

Hells Angel "Love App" : Instant-Liebe per App – Erotik, die keiner haben will

Schreckensszene aus "Black Mirror": Die App bestimmt, wen wir daten dürfen und wie lange. Science Fiction? Oder bestimmten Tinder und Co nicht schon jetzt, mit wem wir in den Federn landen?

Mit etwas Make-Up und vielen Filtern fängt geht immer etwas ins Netz.

Mit etwas Make-Up und vielen Filtern fängt geht immer etwas ins Netz.

Achtung: Dieser Artikel enthält zur aktuellen Staffel von "Black Mirror"!

Die neue Staffel "Black Mirror" ist seit Kurzem bei verfügbar. Endlich! Jene Serie, bei der sich bisher alle coolen Leute, die ich kenne, einig waren: Krasser Scheiß. Weil sie uns so wunderbar unsere eigene Abhängigkeit von der digitalen Welt und den damit einhergehenden negativen Folgen vor Augen hält. Oder um es mit dem Albumtitel des Musikers Max Richard Leßmann zu sagen: "Liebe in Zeiten der Follower" – das macht es nicht gerade einfacher, den Partner fürs Leben zu finden. Denn während mittlerweile auch der letzte Trottel schon mal versucht hat, sich online zu verlieben, haben viele bereits den Umgang mit der Realität und ECHTEN Menschen verlernt.

"Dark Mirror" zeichnet (als Warnung an uns alle) düstere Zukunftsvisionen. In der Folge "Hang the " etwa bekommen arglose Singles von einem System Datingpartner zugewiesen, von denen sie jedes Mal schon vorab wissen, wie lange die Beziehung halten wird. Von drei Minuten bis fünf Jahre ist alles dabei. Diese müssen trotzdem allesamt durchlebt werden, um auf diese Weise, so lautet das Versprechen, irgendwann die oder den "Richtigen" zu finden. Anstrengend!

In Wahrheit fast genauso schlimm

Im wahren Leben läuft es bereits erschreckend ähnlich. Während es in der aktuellen Beziehung kriselt, machen sich viele schon mal sicherheitshalber einen "Plan B" via Tinder & Co. klar, damit sie am Ende nicht blöd dastehen. Kämpfen? Och, nö. Die Möglichkeiten sind schließlich riesig. Wohnort, Alter, Bildungsstand, Einkommen sind in der heutigen Zeit erstmal egal. Im Internet kann man sich so inszenieren, wie man gerne wäre. Einfach jeden Tag ein neues, aussagekräftiges Foto hochladen, schicker Filter drüber und abwarten, wie die digitale Welt darauf reagiert. Nach dem Motto: Irgendeiner wird schon anbeißen.

Bequem vom heimischen Sofa aus verlieben - was wollen "Faulis" mehr?! In geschriebene Worte und unretouchierte Fotos. Easy kann man sich dann ausmalen wie es wohl wäre, den anderen zu riechen, zu berühren, zu küssen. Man verliebt sich in die ideale Skizze jener fremden Person, die einem auf dem Smartphone angezeigt wird.

Im zweiten Schritt wagt man sich parfümiert, gekämmt und gestylt in die echte Welt (OMG!) hinaus und prüft in einer nahegelegenen Szenebar bei Craft Beer und Erdnüssen, inwieweit der oder die Auserwählte mit der im Kopf angefertigen Skizze übereinstimmt und/oder ob es ihn überhaupt gibt. Denn auch das ist im World Wide Web nicht gerade selten – dass man bloß verarscht. Oder der andere in Wahrheit Geld will statt Liebe. Autsch! Wie hieß es neulich noch gleich auf dem Werbeplakat eines Likörs? "Ich habe viel Liebe zu geben. Aber keiner will sie haben. Life is bitter." Kann passieren, aber da muss man eben durch, wenn man sonst alle Bequemlichkeiten des Internets für sich nutzen möchte.

Ohne schönen Schein läuft nichts

Liebe geben, das kann schließlich (fast) jeder. Man muss es aber auch erstmal selbst wert sein, geliebt zu werden. Tja, und wer heute keine sexy Fotos von sich bei Instagram und Co. hochlädt, der hat es schwer. In der Realität wird schließlich immer weniger geflirtet. Schon mal bemerkt? Kaum einer spricht dich 2018 noch im Club oder Supermarkt an. Dort, wo man sich in aller Öffentlichkeit und wohl möglich auch noch in Gegenwart der Freunde der/des Auserwählten einen Korb holen könnte. Dann doch lieber im "sicheren" Netz auf Beutefang gehen, oder? Einfach zehn Leute gleichzeitig anschreiben "Hi. Wie geht’s?" und dann gucken, ob einer reagiert. Und dann ggf. richtig Gas geben: "Schöne Frisur!"

Mit Glück findet sich jemand, mit dem man den ganzen Abend gegen die Einsamkeit anschreiben kann. Von der Badewanne aus oder während man eine spannende Serie wie "Dark Mirror" guckt. Künstlich kreiert man Nähe. Wer Mut hat, vereinbart sofort ein Date. Sex kann schnell folgen, wenn’s in der Real World "funkt".

Verloren im Ozean der Möglichkeiten

Wenn die erste Liebesnacht gut war, trifft man sich vielleicht nochmal. War er nur so mittelprächtig, muss man abwiegeln: Lohnt es sich, hier noch weiter zu investieren oder versucht man’s lieber mit der nächstbesten Alternative, die auf das "Hi. Wie geht’s?" mit einem engagierten "Gut. Und dir so?" geantwortet hat und auf seinem Profilbild zudem ganz adrett rüberkommt? Nun, wer die Wahl hat, hat die Qual. Und die Auswahl im Netz unendlich …

Da wird einem manchmal ganz schwindelig. Übel gar … Dann ist ein Spaziergang an der frischen Luft ratsam. Eine gute Gelegenheit, um mal wieder zu prüfen, was in der echten Welt so abgeht. So ganz ohne Sepiafilter und stattdessen vielleicht im rosaroten Gegenlicht der Abendsonne am Elbstrand. Real, natürlich, ungeschützt. Sexy.


 

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