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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Tochter ist verliebt und sieht die Sorgen meines Enkels gar nicht"

Die Tochter von Hilde hat einen neuen Mann und ist frisch verliebt - doch dabei verliert sie ihren Sohn vollkommen aus den Augen. Der Junge mag den neuen Mann an Mamas Seite nicht und zieht sich zurück. Was kann Hilde tun?

Oma sorgt sich um Enkel

Die Großmutter macht sich Sorgen um ihren Enkel

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich habe eine 33 jährige Tochter und einen 4-jährigen , der bei uns mit groß geworden ist und den ich über alles liebe.
Jetzt hat meine Tochter einen Mann kennengelernt. Ich habe nichts dagegen. Im Gegenteil! Mein Problem ist: Mein Enkel mag diesen Mann nicht (er findet ihn doof). Am Anfang war es anders, aber dann gab es ein Familienwochenende mit diesem Mann und seinen 2 Kindern. Da muss etwas vorgefallen sein. Mein Enkel spricht nicht darüber und sagt, es ist sein Geheimnis.

Wenn man ihn darauf anspricht, sagt er ganz trocken: "Ich verstehe dich nicht. Sprichst du türkisch"? Und das kommt von einem Vierjährigen!

Mit meiner Tochter kann ich überhaupt nicht mehr reden, die hat eine rosa Brille auf. Der Freund wickelt sie immer um den Finger. Sie hat festgestellt, dass er sie will, aber ohne Kind.

Ich mache mir Sorgen um meinen Enkel. Ich möchte, dass es ihm gut geht. Das will ja jede Oma.
Vielen Dank im Voraus,

Hilde G.

Liebe Hilde G.,

ich finde es sehr einfühlsam und verantwortungsvoll von Ihnen, dass Sie sich um das Wohl Ihres Enkels sorgen und nach einer Lösung suchen, um ihn zu unterstützen. Sein gewohntes Leben hat sich in den letzten Wochen auf den Kopf gestellt, und das muss er erst mal verarbeiten. Aus Sicht eines Kindes kann es große Ängste auslösen, wenn die einen neuen Freund hat. Plötzlich hält sie nicht mehr mit einem selbst Händchen, sondern mit einem Mann, den man noch nicht mal richtig kennt. Wird der mir meine Mutter wegnehmen? Warum darf ich nicht mehr neben ihr schlafen, sondern er? Und was macht er nachts mit ihr, wenn so komische Geräusche aus dem Schlafzimmer kommen? Tut er ihr weh?


Was ist mit den Kindern des neuen Freundes von Mama: Nehmen Sie mir meinen Platz weg? Wohnen sie irgendwann bei uns und ärgern mich die ganze Zeit? Verbünden sie sich gegen mich oder lassen sie mich mitspielen? Und wer kriegt die meiste Aufmerksamkeit?

Ihr kleiner Enkel wird im Moment sehr damit beschäftigt sein, diese – und weitere- Themen für sich auszuloten. Es wirkt aus Ihrer Erzählung so, als wenn er mit diesem Prozess von seiner Mutter alleine gelassen wird. Sie ist mit ihren eigenen Themen beschäftigt und scheint sich momentan nicht in ihren Sohn hineinversetzen zu wollen (oder zu können). Ihr Leben ist anscheinend auf den Kopf gestellt, denn sie hat einen Mann kennen gelernt und ist verliebt. Möglicherweise merkt Ihre Tochter sogar selbst, dass ihre neue Beziehung an einigen Ecken nicht ganz so rund läuft, wie sie sich das erhofft hat. Aber sie will sich das im Moment nicht genauer angucken, weil das Fragen und Zweifel aufwerfen würde. Jetzt wischt Ihre Tochter das beiseite und richtet ihre ganze Energie darauf, die neue Beziehung zu festigen. Das ist nicht ganz einfach, auch weil er bereits zwei hat und sie ihren Sohn. Da muss jeder seinen Platz finden, und das ist oft ein langer und schmerzhafter Prozess, bei dem auch manche Verletzungen entstehen können.

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Es kann gut sein, dass sich die Situation mit der Zeit entspannt. Vielleicht setzt Ihre Tochter die rosarote Brille bald wieder ab und guckt selbst hin, was in dieser Umbruchssituation mit ihrem Sohn passiert. Lassen Sie Ihrer Tochter aber etwas Zeit, selbst dahin zu kommen. Wenn Sie Ihr jetzt Dinge sagen, die sie nicht hören will, wird das nichts bringen. Versuchen Sie lieber, sich interessiert nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, und zeigen Sie Verständnis für die Schwierigkeiten.

Für Ihren kleinen Enkel können Sie jetzt viel tun. Alleine dass Sie ihn und seine Gefühle wahrnehmen und die Welt aus seinen Augen sehen, ist eine sehr kostbare Unterstützung! Er hat Vertrauen zu Ihnen und bei Ihnen ist noch die gewohnte Welt. Vierjährige Kinder sind noch nicht richtig in der Lage, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und zu reflektieren. Sie durchleben, fühlen und erleiden manche Situationen mit Haut und Haaren. Ihr Enkel hat im Moment wahrscheinlich Angst vor den Veränderungen, die auf ihn zukommen, und da wird es ihm helfen, wenn Sie ihm Sicherheit geben.


Rituale sind vertraut und geben viel Geborgenheit und Sicherheit. Können Sie nicht bewusst mit ihm das Schöne machen, was Sie immer mit ihm gemacht haben? Apfelpfannkuchen backen, mit ihm in den Tierpark gehen und ihm immer wieder die gleiche Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, die er so liebt. Vielleicht finden Sie auch Kinderbücher, die von Verlustängsten handeln und kindgerecht zeigen, wie man damit umgehen kann. Sie können auch Spiele spielen, die stark machen. In dem Buch: "Spiele gegen Ängste: Phantasiespiele, die stark machen. Abenteuerspiele, die Sicherheit geben. Mutmachspiele, die Ungeheuer vertreiben" von Jan-Uwe Rogge finden Sie Anleitungen dazu.

Aber drängen Sie Ihren Enkel besser nicht dazu, Ihnen zu erzählen, was an dem besagten Wochenende passiert ist. Ich bin sicher, dass er es Ihnen beizeiten selbst erzählen wird, wenn er dazu bereit ist.

Warten Sie noch eine Weile ab und hoffen Sie, dass sich die Lage bald wieder beruhigt hat. Wenn nicht, können Sie dann immer noch ein ernstes Gespräch mit Ihrer Tochter führen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano 

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