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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich bin die Geliebte eines verheirateten Mannes. Und ich leide sehr darunter"

Lena hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Damit könnte sie vielleicht sogar leben. Doch wenn er sich tagelang nicht meldet, wird sie panisch. Julia Peirano erklärt, wie Lena die Situation für sich klären kann.

Geliebte eines verheirateten Mannes

Wenn der Geliebte verheiratet ist

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

bitte helfen Sie mir! Ich (36) bin in eine ganz schlimme Geschichte hinein geschlittert und kann mich nicht daraus befreien. Vor einem halben Jahr habe ich auf einem Firmenevent einen sehr attraktiven Mann (Luca) kennen gelernt. Es hat sofort gefunkt, wir konnten nicht voneinander lassen, haben immer die Nähe des anderen gesucht. Vor unserer ersten Nacht schenkte er mir reinen Wein ein und sagte, dass er verheiratet ist und Zwillinge (9) hat. Die läuft nicht gut, ist wohl sehr lieblos und voller Streit. Er will sich schon lange trennen, aber wegen der Kinder bringt er das nicht übers Herz.

Ich habe mich trotzdem darauf eingelassen. Eigentlich muss ich auch sagen, dass ich zur Zeit keine feste Beziehung will. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich mit Luca leben möchte, auch da er in einer anderen Stadt ist, die für mich nicht in Frage kommt. Wir treffen uns alle 3-4 Wochen, oft auch spontan, wenn er sich loseisen kann. Die Zeit mit ihm ist meistens wunderschön.

Also ist, so komisch das vielleicht klingt, eine Affäre an sich nicht das Problem. Worunter ich wirklich leide, ist, dass er immer mal wieder tagelang abtaucht und sich nicht meldet. Ich will auch nicht Schwäche zeigen und drängeln, aber die Ungewissheit nagt dann wirklich an mir. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Er ist auch launisch wegen seiner Eheschwierigkeiten. Mal ist er sehr charmant und herzlich, und dann wieder düster und wortkarg, kann dann keine Gefühle zeigen.

Ich habe körperliche und psychische Probleme, wenn er sich entfernt. Kann nicht schlafen, bin nervös, habe Druckgefühl im Bauch, fühle mich einsam. Denke 24/7 an ihn. Vielleicht muss ich dazu sagen, dass ich nach meiner Geburt für zwei Monate in den Brutkasten musste und vielleicht aus der Zeit große Trennungsängste habe? Eine befreundete Psychologin hat mal gesagt, dass das daher kommen kann.

Wenn Luca wieder nah ist und wir uns treffen oder telefonieren, fühle ich mich wieder gut und sicher. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Sie werden sicher denken, dass ich verrückt bin, aber ich möchte die Geschichte (noch) nicht aufgeben, dazu ist sie zu schön. Wie kann ich besser mit den schlechten Phasen umgehen?

Herzliche Grüße und DANKE,

Lena H.


Liebe Lena H.,   

gut, Sie haben es selbst erkannt: Eine Affäre, noch dazu auf die Entfernung, ist schon schwer zu meistern. Es verursacht in den meisten Fällen Unsicherheit und Stimmungsschwankungen, weil Sie eben in dieser Beziehung keine Sicherheit erleben können. Es gibt immer noch eine andere Beziehung, die Luca bestimmt und beeinflusst, nämlich seine Ehe. Und es kann sehr schmerzhaft sein, zu wissen, dass Sie immer die zweite Geige spielen werden, auch wenn die Gefühle sehr stark sind. Trotz dieser Gefühle lebt er mit seiner Frau zusammen, fährt mit ihr in den Urlaub, plant sein Leben und hat eine sehr fordernde und absorbierende Beziehungsdynamik, in die Sie keinen rechten Einblick haben.

Wenn es hart auf hart kommt (und Sie zum Beispiel eine Trennung von seiner Frau fordern oder Ihre Affäre ans Licht kommt), wird es bedeuten, dass Sie gehen müssen. Sie sitzen also auf dem Notsitz und sind die erste, die per Fallschirm herauskatapultiert wird. Wie können Sie sich da also sicher fühlen? Es ist unmöglich. 

Das vorausgeschickt wollen Sie Möglichkeiten finden, um mit den Tiefpunkten der Beziehung besser umzugehen. Hier sind ein paar handfeste Tipps:

1. Jede Beziehung braucht Spielregeln, auch eine Affäre. Luca will auch etwas von Ihnen (und zwar nicht wenig, wie es klingt). Machen Sie sich doch einmal klar, was ER alles verliert, wenn Sie nicht mehr mitmachen. Mit dieser Erkenntnis können Sie souveräner mit ihm sprechen und ihm sagen, wie schlecht Sie sich fühlen, wenn er sich tagelang ohne Grund nicht meldet. Sagen Sie ihm doch, dass er Ihnen das vorher ankündigen sollte (z.B. wenn er mit seiner Frau im Urlaub ist) oder ein kurzes ‚Ping‘ gibt, wenn er so belastet ist, dass er sich nicht melden kann oder will. Das erzeugt Sicherheit. Es wäre auch gut, wenn Sie Ihre Treffen und auch Telefontermine fest abmachen. Dann müssen Sie nicht abrufbereit sein, ob er etwas vorschlägt, sondern Sie können sozusagen  Sicherheit in der Unsicherheit finden.

2. Sie sind äußerlich in der schwächsten Position. Versuchen Sie, sich davon nicht innerlich klein kriegen zu lassen. Sagen Sie sich gebetsmühlenartig, dass Sie die Oberhand behalten wollen. Erziehen Sie Luca: Wenn er sich 4 Tage nicht meldet, sollten Sie gleich noch weitere 4 Tage Funkstille dranhängen. Ohne Erklärung. Das wird er verstehen. Wenn er es wagt, sich schlecht gelaunt bei Ihnen zu melden und seine Probleme bei Ihnen abzuladen, könnten Sie nach fünf Minuten auflegen und etwas amüsanteres unternehmen. Wenn er allerdings zugewandt und liebevoll ist, können Sie ihm das spiegeln, indem Sie ihm entsprechend antworten. Wenn Sie das so handhaben, werden Sie sich sofort souveräner und unabhängiger fühlen. Am Anfang müssen Sie sich vielleicht dazu zwingen, aber nach einiger Zeit werden Sie merken, wie erfolgreich es ist, und Gefallen daran finden. 

3. Da Sie auf dem Notsitz sitzen: Planen Sie ein Ausstiegsszenario. Was wären Gründe, um die Affäre zu beenden? Wie würden Sie es schaffen, das auch wirklich durchzuziehen (z.B. eine längere Reise unternehmen, eine Therapie beginnen….). Halten Sie sich auch vor Augen, was Sie mittelfristig gewinnen, wenn diese Affäre beendet wäre: Ausgeglichenheit, innere Freiheit, mehr Zeit, die Chance auf einen , der ganz für Sie da ist…

4. Versuchen Sie, sich selbst Sicherheit zu geben. Achten Sie darauf, Ihre gewohnten und geliebten Tagesabläufe nicht aufzugeben, um erreichbar zu sein. Treffen Sie sich viel mit Freunden, machen Sie am besten Körperübungen, um Kontakt zu sich zu bekommen. Yoga, Tai Chi, Qui Gong können Ihnen sehr helfen. Geben Sie nichts auf oder verschieben Sie es, um für Luca verfügbar zu sein. Selbst wenn Sie bügeln wollen, sollten Sie das auch durchziehen, ohne auf Ihr Handy zu gucken. Er wird schnell lernen, dass er vorher fragen muss, wann SIE Zeit für ihn haben.

5. Achten Sie auf Ihre Gedanken! 

A) Beobachten Sie, was für Glaubenssätze Sie über die Beziehung zu Luca kultivieren. Das könnte ein Satz wie „so einen Mann finde ich nie wieder“, "zwischen uns ist etwas ganz Besonderes“ oder "ohne mich kommt er nicht klar“ sein. Hinterfragen und widerlegen Sie diese Sätze mit aller Kraft und versuchen Sie, Luca in Ihrer Vorstellung von seinem Podest zu holen. Er ist schließlich ein verheirateter Mann, der seine Frau betrügt, sie aber nicht verlassen will, und dazu noch seiner Geliebten nicht immer ein gutes Gefühl vermitteln kann. Glauben Sie mir, so einen Mann finden Sie an jeder Ecke (falls Sie wirklich einen Ersatz brauchen sollten) 

 B) Achten Sie genau darauf, wie oft Sie täglich an Luca denken. Versuchen Sie, die Gedanken an ihn durch einen wohltuenderen Gedanken zu ersetzen, z.B. den Gedanken an Ihr schönstes Naturerlebnis (Sonnenaufgang, Bergwiese, Wald). Denken Sie so lange an dieses Erlebnis, bis Sie spüren, dass innere Ruhe in Ihnen aufsteigt. Nach ein paar Wochen Übung werden Sie merken, dass Sie sich ausgeglichener fühlen.

6. Zu Ihrer frühkindlichen Störung: Es ist sehr plausibel, dass Sie aufgrund der Trennung von Ihrer Mutter in den ersten Lebenswochen starke Verlustängste entwickelt haben, die auf einer sehr tiefen, vorsprachlichen Ebene gespeichert sind. Viele Menschen, die als Neugeborenes ohne Körperkontakt aufgewachsen sind, empfinden als Erwachsene starken Stress, können schlecht Hilfe annehmen, erleben immer wieder Abstürze in tiefe Einsamkeit. Das fatale ist, dass eine liebevolle und intensive Sexualität genau diese Erfahrung bietet, nach der ein frühkindlich gestörter Mensch sich so sehnt: Angenommen werden, geborgen sein, sich sicher fühlen. Allerdings ist bei Ihnen diese kostbare Erfahrung, die eigentlich heilen könnte, gepaart mit Verlustängsten und Trennungsschmerz. Denn Ihr Partner geht immer wieder, und wahrscheinlich verlieren Sie ihn eines Tages ganz. Eine Therapie (Körpertherapie, tiefenpsychologisch fundierte Therapie oder Hypnose) kann Ihnen helfen, die frühen Trennungserfahrungen aufzuarbeiten. Wahrscheinlich würden Sie sich dann auch Partner suchen, die Ihre Wunde versorgen und bei ihnen bleiben - das wäre bestimmt heilsamer.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie aus dieser Erfahrung einen Auslöser für einen Lern- und Heilungsprozess ziehen können. Wenn Sie selbst gut zu sich sind, können Sie sich auch besser gegen Luca abgrenzen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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