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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Frau und ich haben uns nichts mehr zu sagen - wie können wir das ändern?"

Michel ist unglücklich in seiner Ehe. Statt miteinander zu sprechen, surfen seine Frau und er abends im Internet. Ausgegangen sind sie schon lange nicht mehr. Die Beziehung scheint tot. Wie bekommen die beiden wieder Schwung in ihre Liebe?

Langeweile in der Beziehung

Langeweile in der Beziehung - wir kriegt man frischen Wind in die Liebe?

Hallo Frau Peirano,

seit 1-2 Jahren bin ich mit meiner nicht mehr zufrieden. Wir reden kaum noch miteinander, was auch daran liegen kann, dass wir zwei Jungs (8 und 10) haben. Nach dem Abendbrot bringt einer die Kinder ins Bett, und dann ist der Abend auch schon mehr oder weniger gelaufen. Mir ist aufgefallen, dass wir viel im Internet surfen, jeder für sich. Aber alle Versuche, mal zusammen auszugehen oder auch was gemeinsam zu machen, verlaufen im Sand. Manchmal habe ich das Gefühl, wir wollen uns gar nicht wirklich miteinander beschäftigen. Haben Sie ein paar praktikable Tipps, wie man das ändern kann?

Besten Dank, Michel G.

Lieber Michel G.,

bei Ihrer Schilderung habe ich mich gefragt, was die Ursache und was die Wirkung ist. Surfen Sie beide so viel im Internet, weil Sie sich nicht mehr so viel zu sagen haben – oder haben Sie sich nicht mehr so viel zu sagen, weil Sie, jeder für sich, im Internet surfen?

Oft sind Ursache und Wirkung nicht so klar voneinander zu trennen, sondern es besteht ein Teufelskreis. Man ist müde, gelangweilt oder hat Angst vor Auseinandersetzungen und fängt an, sich mit Internetsurfen abzulenken oder zu betäuben. Der Partner fühlt sich dadurch zurückgewiesen und fängt seinerseits an, aus der Beziehung auszusteigen, zum Beispiel, indem er ebenfalls zum Tablet oder Notebook greift. Damit signalisiert man dem anderen, dass man sich nicht für ihn interessiert, und dadurch verstärkt sich der Teufelskreis. Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: "Phubbing". Das Wort ist aus dem P für "Phone" und "snubbing" (jemanden vor den Kopf stoßen) zusammen gesetzt. Es ist mittlerweile weit verbreitet, ständig online zu sein, mal kurz die Emails abzurufen oder schnell mal auf irgendeinen Beitrag in den sozialen Netzwerken zu reagieren. Für die Beziehung ist Phubbing jedoch alles alles als harmlos, sondern wirkt wie schleichendes Gift. Denn durch die Beschäftigung mit Iphone etc. zieht man die Aufmerksamkeit, die dem Partner gebührt, von ihm ab und signalisiert deutlich: "Ich höre dir nicht zu, ich schaue dich nicht an. Es gibt wichtigere Dinge in meinem Leben, von denen ich dich ausschließe."
Die Folgen von intensivem Phobbing sind unter anderem eine niedrige Beziehungszufriedenheit, Depressionen (!) und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit.

Leider hat das Surfen im Internet einen recht hohen Gewohnheits- und sogar Suchtfaktor, so dass es Paaren oft schwer fällt, sich zu beschränken.
Wie Sie bemerkt haben, wird das Problem sich nicht heute auf morgen aus der Welt schaffen lassen. Sie werden beide viel dafür tun müssen, damit das sich ändert.

Der erste Schritt wäre, dass Sie mit Ihrer Frau offen sprechen und sie fragen, ob sie bereit ist, das Surfen einzuschränken. Wie wäre es, wenn Sie Vorstellungen darüber austauschen, wie Sie Ihre Abende verbringen wollen? Gut wäre es, dabei möglichst konkret zu werden. Zum Beispiel: Um 19 Uhr essen wir gemeinsam mit den Kindern in der Küche. Montag kann jeder machen, was er will. Mittwoch gehe ich zum Handball, Freitag gehst du zum Schwimmen. An zwei Abenden pro Woche (Dienstag und Donnerstag) bringen wir die Kinder bis 20 Uhr ins Bett und sind dann "verabredet". Erinnern Sie sich doch einmal daran, wie Sie früher die Abende verbracht haben. Gibt es ein Karten- oder Brettspiel, das Sie gemeinsam gespielt haben? Haben Sie zusammen auf dem Sofa gesessen und einen Film oder eine Serie geguckt? Haben Sie Musik gehört? Fotos angeguckt? Eng umschlungen auf dem Sofa gelegen?


Vielleicht können die Kinder an einem Abend der Woche ja auch alleine Abendbrot essen, so dass Sie zusammen kochen können. Wenn Sie früher viel zusammen ausgegangen sind, könnten Sie sich zumindest alle 14 Tage um einen Babysitter kümmern und Tage festlegen, an denen Sie ausgehen. Sie könnten die Regel aufstellen, dass Sie und Ihre Frau sich abwechselnd um das Programm kümmern (Freunde besuchen, Billiard spielen, eine Radtour machen und irgendwo einkehren, ins Kino gehen etc.).

Es kann sein, dass es schwierig wird, die Gespräche wieder in Schwung zu bringen. Deshalb wäre es gut, wenn Sie einige nonverbale Dinge im Programm haben und eben auch ausgehen. Denn in Ihren eigenen vier Wänden wird es Ihnen nach einem langen Arbeitstag vermutlich nicht leicht fallen, plötzlich intensive Gespräche zu führen.

Vielleicht können Sie beide Ihre Erwartungen erst einmal herunterschrauben und ganz gelassen an die Sache herangehen. Das heißt allerdings nicht, dass Sie die verabredeten Zeiten als Paar ausfallen lassen sollten oder doch mit Internetsurfen verbringen! Das wäre doppelt schädlich für das Vertrauen.

Wenn Sie merken, dass es Ihnen schwer fällt, die Internetnutzung einzuschränken: Sie können über Ihren Router die Internetnutzung auf bestimmte Zeiten an bestimmten Tagen beschränken. Hilfreich ist auch eine genaue Selbstbeobachtung: Wie lange surfe ich wirklich im Internet? Auf welchen Seiten bin ich? Welche davon sind wirklich wichtig (10 auf einer Skala von 1 bis 10), welche besuche ich nur aus Langeweile?

Wenn Sie merken, dass Sie und Ihre Frau sich schon weit voneinander entfremdet haben und Sie keine Gemeinsamkeiten und keine Gesprächsthemen finden, könnten Sie von da aus weitere Schritte überlegen, z.B. in einer Paarberatung. Aber immerhin liegt dann offen auf dem Tisch, wie es um Ihre Partnerschaft bestellt ist, und wird nicht durch Internetsurfen verschleiert.

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!
Herzliche Grüße, Julia Peirano  

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