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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Mein Freund ist zu perfekt, neben ihm fühle ich mich dick und hässlich"

Dunjas neuer Freund ist schlank, hält seine Wohnung picobello sauber und ist auch sonst ein guter Fang. Darüber würden sich die meisten freuen, doch für Dunja ist das ein Problem: "Er ist zu perfekt", schreibt sie Julia Peirano. Und fragt: "Wieso bin ich plötzlich so unsicher neben ihm?"

Wenn der Freund schlanker ist als man selbst, kann das für einige Frauen zum Problem werden

Wenn der Freund schlanker ist als man selbst, kann das für einige Frauen zum Problem werden

Hallo Frau Peirano,

ich glaube, ich bin verrückt geworden: Nach einem Jahr Single-Dasein (nach zehnjähriger Beziehung) habe ich einen neuen Freund, endlich! Ich habe mich schwer getan, jemand Neues zu finden, da es mir (angeblich) keiner Recht machen konnte. Ich bin selbst erfolgreich, selbstbewusst, ganz hübsch und kann alles alleine. Was ich nicht kann, kann ich mir kaufen. Ich hatte gewisse Vorstellungen und mein neuer Partner erfüllt nicht alle, und zwar im Positiven wie im Negativen: er ist recht klein, dafür aber irgendwie perfekt.

Jetzt zu meinem Problem: er ist zu perfekt. Neben ihm fühle ich mich plötzlich dick und hässlich. Sowas ist mir noch nie passiert. Meine vorherigen Partner waren allesamt recht groß, daneben kam ich mir nie dick vor. Ich bin es auch nicht. Aber mein Partner wiegt nun weniger als ich und ist genauso groß wie ich.


Außerdem waren meine Partner meistens chaotisch und nicht so akkurat in Sachen Wohnungspflege. Seine Wohnung ist picobello sauber und gepflegt und alles ist neu. Meine Wohnung hingegen hat hier und da noch ein paar Baustellen: Lampen, Leisten, das übliche, womit man sich nach einem Umzug Zeit lässt.

Wieso bin ich plötzlich so unsicher neben ihm? Ich habe den Eindruck, nicht gut genug zu sein und frage mich, was er mit mir will, wo ich doch nicht mit ihm mithalten kann. Als ich mir eine neue Beziehung wünschte, dachte ich, ich wäre der glückliche Mensch der Welt. Jetzt bin ich permanent am Grübeln und warte quasi nur darauf, dass ihm auffällt, was für eine Niete ich neben ihm bin. 

Aber er gibt sich große Mühe, macht alles nach Lehrbuch. Ich habe eigentlich überhaupt keinen Grund zu zweifeln. Darüber gesprochen haben wir nicht, ich will ihn nicht vergraulen. Ich habe sowieso Angst, dass ich das unterbewusst ausstrahle und ihn damit verjage. Was kann ich tun, dass ich wieder zu alter Form zurückkehre? Nie hat ein Mann solche Gefühle in mir ausgelöst.

Viele Grüße,

Dunja B.

Liebe Dunja B.,

als ich Ihre Zeilen las, konnte ich mir lebhaft vorstellen, was für ein Kopfkino in Ihnen abläuft! Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Sie sehr viele Ausdrücke verwenden, die besser auf einen harten Wettkampf zutreffen als auf eine Liebesbeziehung?

Nur ein paar Beispiele: "Was für eine Niete ich neben ihm bin." "zu perfekt" "neben ihm fühle ich mich dick und hässlich. Er wiegt weniger als ich." "nicht mit ihm mithalten kann"

Es klingt so, als wenn Sie sich ständig mit Ihrem Partner vergleichen oder sogar in einer Art Konkurrenzkampf befinden: Wer hat die schickere Wohnung? Wer ist schlanker und attraktiver? Unterm Strich hört sich das so an wie "Wer ist der wertvollere Mensch?" Das ist für Sie selbst bestimmt unglaublich anstrengend!

Sie selbst scheinen ein hohes Leistungs- und Anspruchsdenken zu haben, auch in Partnerschaften. Wissen Sie, woher dieses Leistungsdenken kommt? Oft haben ja die Eltern damit zu tun. Sind Ihre Eltern oder ist zumindest ein Elternteil sehr anspruchsvoll und perfektionistisch? Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Eltern hohe Erwartungen an Sie und Ihre Zukunft stellen? Vielleicht können Sie sich einmal bewusst machen, was für ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartungen Sie von Ihren Eltern (am besten jeden Elternteil für sich) wahrnehmen. Wie sähe der Traumpartner aus, den Ihre Mutter bzw. Ihr Partner sich für Sie wünscht?

Damit Sie aus diesem Muster herauskommen, habe ich ein paar gute Übungen in Sachen Gedankendisziplin für Sie. Es ist ja so, dass man seine Gedanken viel besser beeinflussen kann als seine Gefühle. Deshalb ist es viel effektiver, seine Gedanken zu hinterfragen als an den Gefühlen herumzuwerkeln. Und wenn die Gedanken sich ändern, ändern sich auch die Gefühle.

Ein kleines Beispiel: Wenn ich zu einem wichtigen Termin zu spät komme, kann ich mir ausmalen, dass ich als unzuverlässig dastehe, versagt habe, nicht wieder eingeladen werde, den Auftrag verliere etc. Dann werde ich mit großem inneren Druck ankommen. Ich kann mir aber auch sagen, dass es bei einem zweistündigen Termin nicht so wichtig ist, wenn man etwas später kommt. Eine plausible Erklärung (Stau etc.) glättet die Wogen und zeigt, dass jedem so etwas passieren könnte. Vielleicht bekomme ich sogar Mitleid, da ich ja nicht mit Absicht zu spät komme, sondern Opfer der Verkehrslage bin.

Wenn ich so denke, bin ich gelassener und ruhiger und lasse die Dinge laufen.

Sie könnten sich als allererstes Ihre Wettbewerbs-Gedanken bewusst machen und sie dazu aufschreiben, sobald sie auftreten. Beispielsweise "ich bin meinem Freund unterlegen, weil seine Wohnung viel perfekter ist als meine." Als zweiten Schritt hinterfragen Sie diese schwierigen Gedanken dann ganz sorgfältig. "Hat er meine Wohnung schon mal kritisiert?" "Bin ich selbst mit meiner Wohnung unzufrieden - und wenn ja, was könnte ich ändern?" "Ist es ein guter Grund, jemanden zu verlassen, weil er seine Fußleisten nicht schnell genug anbringt?"

Der dritte Schritt wäre dann das Fazit: "Jeder pflegt seine Wohnung so, wie er will. Meine Wohnung ist auf ihre eigene Art schön. Wenn mein Freund nichts kritisiert, stört es ihn auch nicht. Wir haben eine Liebesbeziehung und keinen Wettkampf! Vielleicht könnte er mir sogar bei ein paar Restarbeiten helfen?"

Arbeiten Sie sorgfältig daran, jeden einzelnen Gedanken (und das können viele sein!) auf diese Art schriftlich abzuarbeiten. Sammeln Sie diese Aufzeichnungen und gehen Sie sie immer wieder im Kopf durch. Sie werden schnell merken, dass Sie Abstand davon bekommen. Vielleicht hilft es Ihnen auch, mit einer humorvollen Formulierung oder durch Übertreibungen ("Dann lasse ich ihm den Vortritt, wenn das Team von "Schöner Wohnen" vor der Tür steht") noch mehr Distanz davon zu bekommen.

Ich bin sicher, dass Sie sich bei guter Gedankendisziplin und etwas gedanklichem Unkrautjäten mit der Zeit in der neuen Beziehung sicherer fühlen!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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