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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich muss den ganzen Haushalt schmeißen und mein Mann benimmt sich wie ein Kind"

Gudrun zieht zwei Kinder groß und hat einen sehr viel jüngeren Mann geheiratet - der sich wie ein kleines Kind verhält und sie gar nicht unterstützt. Sie steckt in einer gefährlichen Spirale.

Streit in der Beziehung

Er benimmt sich wie ein Kind - sie muss alles allein regeln.

Getty Images

Sehr geehrte Frau Peirano,


ich (38, Österreicherin) bin seit 08/2017 mit einem 22-jährigen Südlander verheiratet. Er ist studiert und depressiv. Ich habe zwei Kinder (Mädchen 12, Junge 6 Jahre alt, beide schwierig) von anderen Männern und bin auch depressiv. Ich liebe meinen Mann, aber auf Dauer kann dies so nicht weiter gehen.

Ich bin für alles alleine verantwortlich: Kochen, Haushalt, Arbeiten. Ich bin der James für alle. Ich werde jetzt sogar einen 2. Job annehmen (70h/Wo) um Geld zu verdienen, da ich für die Kinder keine Unterhalt bekomme.

Mein Mann schläft tagsüber, arbeitet nicht, wenn er eine depressive Stimmung hat, ist nur gereizt, lernt kein Deutsch, ist regelmäßig krank (Hals, Fieber, Panikattacken).

Er sagt mir im Streit immer, dass er die Scheidung einreichen und ausziehen will, weil ich ihn psychisch fertig mache. Ich habe Angst, nach Hause zu kommen und ihn nicht mehr vorzufinden.  

Ich leide, weil ich alles zu Hause alleine stemmen muss, auch finanziell. Er ist nicht bereit, seine Gläser, Tassen, Kleidung vernünftig wegzuräumen. Ich habe das Gefühl, ich hätte drei Kinder zu Hause. Er will keine Verantwortung übernehmen und sagt, dass es meine Kinder sind. Er selbst sei noch jung und musste bisher nicht einmal selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen. Um arbeiten zu gehen, bräuchte er einen Motor-Roller, ich soll das bezahlen.

Meinen Freundeskreis habe ich schon verloren. Zum Teil ist keine Zeit für Freunde da. Und mein Mann hat an meinen Freunden immer herumgemäkelt. Wenn ich ihn nicht verlieren will, muss ich mich nach den Regeln richten.  

Wenn mein Mann positive Stimmung hat, träumt er vor sich hin, was er alles für mich und unsere Familie tun will. Deutsch lernen, arbeiten, reisen. Er liebt meine Kinder über alles und akzeptiert sie.

Klingt ja alles toll, nur sollte man auch etwas dafür leisten.

Was kann ich tun, um ihn zu unterstützen, dass er auch wirklich seine Ziele erreichen kann?

Ich weiß, es wäre einfacher, aufzugeben und getrennte Wege zu gehen. Aber er ist noch jung, muss noch viel lernen und vor allem liebe ich ihn und möchte nicht so schnell aufgeben. Die Hoffnung existiert, dass wir irgendwann doch eine richtige kleine Familie werden.

Bitte helfen Sie mir... Ich bin wirklich verzweifelt!

Gudrun G.


Liebe Gudrun G.,

Ihre Situation ist auch wirklich zum Verzweifeln. Sie tragen eine viel zu große Last auf Ihren Schultern. Sie ziehen zwei Kinder groß, ohne dass Sie finanzielle Unterstützung erhalten. Anscheinend haben die Männer, die Sie sich aussuchen, nicht den Eindruck, dass man Sie unterstützen muss.

Finanziell ist es wirklich knapp, und auch die Zeit reicht nicht, um Ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen: Ausruhen, Freunde treffen, die Zeit mit Ihren Kindern zu genießen.

Sie schreiben, dass Sie depressiv sind. Das heißt, dass Sie viel weniger Energie zur Verfügung haben als gesunde Menschen. Eigentlich bräuchten Sie Zeit, um sich auszuruhen und um positive Dinge zu unternehmen, damit Ihre Krankheit ausheilen kann.

Ihr Leben scheint wie ein Tischtuch, das zu klein für den Tisch ist. Ziehen Sie links, ist der rechte Teil vom Tisch nicht abgedeckt, ziehen Sie vorne, ist hinten die Tischplatte zu sehen. Es kann nicht passen.

Ihre Kraft reicht nicht, um alles zu stemmen. Sie bräuchten tatkräftige Unterstützung. Von einem Partner, von Großeltern, Freunden oder Profis wie Therapeutinnen. Stattdessen haben Sie in Ihrem Partner noch eine Belastung mehr. Ich sage es mal so offen, auch wenn Sie das wahrscheinlich nicht gerne hören. Ihr Partner ist jung und selbst depressiv. Er hat es noch nicht gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, und so benimmt er sich wie ein drittes Kind. Und Sie spielen seine Mutter, räumen ihm hinterher und versorgen ihn – nicht nur finanziell, sondern Sie führen auch den Haushalt.

Ich befürchte, dass diese Beziehungsdynamik Ihren Partner erst recht daran hindert, erwachsen und selbstständig zu werden. Er nistet sich in der Rolle des Kindes ein, fühlt sich damit aber nicht wohl. Deshalb rebelliert er unterschwellig gegen Sie und Ihre Stärke. Die Wäsche lässt er herumliegen, das dreckige Geschirr auch. Er fordert einen Roller und mehr Freiheit, dazu möchte er zu Hause auch noch das Sagen haben. Wenn Sie nicht spuren, droht er mit einer Trennung. Das nennt man passiv-aggressives Verhalten.

Es wäre jetzt leicht, zu sagen, dass Sie sich trennen sollen. Es ist auch meine Überzeugung, dass Sie ohne Ihren Partner besser dran wären. Er wird sich aller Wahrscheinlichkeit nicht verändern, weil die Situation für ihn bequem ist und er zudem auch bequem geworden ist- durch Ihre Versorgung.

Ich denke aber, dass Sie es nicht ohne Hilfe schaffen werden, sich von ihm zu trennen. Sie befinden sich in einer Co-Abhängigkeit, indem Sie sich um das problematische Verhalten Ihres Mannes drehen und versuchen, ihm alles recht zu machen. Es ist nicht einfach, Co-Abhängigkeit zu verstehen und abzustellen. Mit dem gleichen Partner gelingt das nur in den seltensten Fällen, weil sich die Verhaltensmuster auf beiden Seiten bereits eingeschliffen haben.

Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, sich professionelle Hilfe zu holen und eine Verhaltenstherapie zu beantragen. Zusätzlich wäre es gut, wenn Sie schon jetzt mit Hilfe von ein paar überschaubaren Maßnahmen etwas Ruhe finden, sich entlasten und Ihr Selbstwertgefühl stärken.

-Hören Sie sich selbst zu und entwickeln Sie ein Bewusstsein für Ihr tägliches Leid. Schreiben Sie täglich Tagebuch, und zwar den ersten Teil mit Problemen, Klagen und den negativen Gefühlen. Dann kommt am Ende die Frage: Was brauche ich jetzt? Was würde mir jetzt/ heute Abend gut tun? Beantworten Sie diese Frage auch und erfüllen Sie sich diesen Wunsch

-Je mehr Sie an sich denken, desto mehr werden Sie von den anderen respektiert. Verteilen Sie Aufgaben im Haushalt. Auch 6-jährige Kinder können Wäsche einsammeln, den Tisch decken und den Boden fegen. Das gleiche gilt für Ihre Tochter und Ihren Mann.

-Treffen Sie Ihre Freundinnen und Freunde wieder. Fragen Sie ganz offen, wie diese die Situation einschätzen und bitten Sie um Hilfe. Vielleicht kann ein Freund gelegentlich mal einen Topf Essen beisteuern, ein anderer etwas reparieren und der nächste Ihnen dabei helfen, sich von Ihrem Freund abzugrenzen.

Es wird bestimmt ein steiniger Weg, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, aber ich wünsche Ihnen, dass Sie es anpacken!


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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