HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich habe etwas an mir, das Männer in die Flucht treibt - wie kann ich das ändern?"

Johanna hat ihr eigenes Beziehungsmuster durchschaut: Sie sucht sich ausgerechnet die Männer aus, die keine Bindung wollen - und sie dann auch wieder verlassen. Doch wie kann sie das Muster durchbrechen?

Einsame Single-Frau

Einsame Single-Frau - kann Julia Peirano helfen?

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich (31) wurde Anfang des Jahres nach zwei Jahren Beziehung unerwartet verlassen. Nachdem ich die Vermutung aufstellte, dass mein Ex wohl Bindungsängste hat und mich in dieser Thematik einlas, stellte ich fest, dass ich wohl die gleichen Ängste habe. Vor meinem letzten Ex-Partner war ich 9 Jahre lang Single und traf in der Zeit immer wieder auf Männer, die keine Bindung eingehen wollten. Diese ließen mich nach einiger Zeit wie eine heisse Kartoffel fallen. Problem erkannt. Seitdem arbeite ich an meinem Selbstwertgefühl. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Ich scheine ein fatales Beziehungsmuster zu haben. Nun meine Frage, wie kann ich dieses Muster ändern? Zudem sind Männer, die sich für mich interessieren, Mangelware bzw. finde ich die wenigen meistens auch nicht attraktiv. Bei mir scheitert es bereits am Kennenlernen. Meinen letzten Freund lernte ich über Tinder kennen. Die anderen zwar im realen Leben, diese entpuppten sich aber ja leider auch als Nieten. Vor Tinder hatte ich vielleicht mal ein Date im Jahr. Woran das liegt, weiß ich auch nicht. Ich bin aufgeschlossen, selbstständig, sehe wohl auch nicht so schlecht aus und würde mich als einfach zu handhaben bezeichnen. Außerdem bin ich nicht verzweifelt. Ich war den größten Teil meines Lebens alleine und auch nicht unglücklich. Nur möchte ich auch nicht für immer alleine bleiben. Dennoch muss ich wohl irgendetwas an mir haben, was Männer in die Flucht treibt.

Vielen Dank!

Viele Grüße,

Johanna G.


Liebe Johanna G.,

Ihr Selbstwertgefühl scheint wirklich angeknackst zu sein, wenn Sie sagen, dass es wenig Männer gibt, die sich für Sie interessieren. Was glauben Sie, woran das liegt? Mögen Sie sich selbst nicht leiden? Gibt es in Ihnen eine Art inneren Kritiker (oder innere Kritikerin), die kein gutes Haar an Ihnen lässt?

Hören Sie doch einmal aufmerksam hin, was Sie sich selbst immer wieder vorbeten. Zum Beispiel: Männer haben kein Interesse an mir, weil ich unattraktiv/ uninteressant/ neurotisch bin. Wenn Sie sich dabei erwischen, einen solchen Glaubenssatz zu sich zu sagen, schreiben Sie es sofort in ein Tagebuch. Möglicherweise haben Sie auch den Glaubenssatz: „Ich brauche keinen Mann. Ich werde eh nur verletzt und verlassen.“ Wenn Männer erspüren, dass eine Frau sehr auf sich alleine gestellt ist und extrem „taff“ auftritt, verlieren sie das Interesse, weil sie glauben, nicht gebraucht zu werden.

Wenn Sie sich mit Ihren Glaubenssätzen beschäftigen und sich diese immer wieder bewusst machen, wird Ihnen klar, wie Sie Ihr schlechtes Selbstwertgefühl erzeugen. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie Sie sich fühlen würden, wenn eine Freundin genau die Dinge, die Sie immer zu sich selbst sagen, zu Ihnen sagen würde. Zum Beispiel: „Lass es lieber sein mit den Männern. Die interessieren sich nicht lange für dich. Die kannst du eh nicht halten.“ Wären Sie verletzt? Sauer? Traurig?

Sie können sich dann im Gegenzug überlegen, was Sie einer Freundin, die genau in Ihrer Situation ist, sagen würden. Wie würden Sie ihr Mut machen, freundlich auf Männer zuzugehen? Und genau diese Sätze könnten Sie sich immer dann aufschreiben, wenn Sie harte Kritik an sich üben.

Außerdem habe ich den Eindruck, dass Sie nicht genau wissen, was für einen Mann Sie suchen. Ihre innere Kritikerin lässt nämlich auch an den Männern, die Sie kennen lernen, kein gutes Haar. Sie bezeichnen diese als Nieten, nicht attraktiv, bindungsunfähig. Kann es sein, dass die Männer spüren, dass Sie das insgeheim denken, und deshalb Angst vor Ihnen haben oder sich distanzieren?

Ich vermute, dass die Ursache für Ihr geringes Selbstwertgefühl in Ihrer Kindheit liegt. Eltern vermitteln ihren Kindern über viele Jahre ein Gefühl dafür, wie viel wert sie sind. Zum Beispiel spiegeln sie ihren Kindern, ob diese schön sind, liebenswert sind, kluge Dinge sagen, Talente haben. Leider ist die Spiegelung, die Eltern ihren Kindern geben, nicht immer korrekt. Manche Eltern hängen die Messlatte sehr hoch und vermitteln ihren Kindern, dass sie den Ansprüchen nicht genügen können. Außerdem ist es für Kinder sehr wichtig, sich willkommen zu fühlen und zu merken, dass die Eltern sie bedingungslos lieben. Wenn das nicht der Fall ist, weil die Eltern z.B. depressiv sind, mit ihrem Leben überfordert sind, starke Wutausbrüche haben oder die Kinder ungewollt sind, dann zerstört das das Selbstwertgefühl.

Wäre es eine Option für Sie, sich mit diesem Thema in einer Therapie zu beschäftigen und herauszufinden, was in Ihrer Kindheit geschehen ist? Die tragfähige Beziehung zu einer warmherzigen, emphatischen und wertschätzenden Therapeutin (oder einem Therapeuten) kann dabei helfen, ein gutes Selbstwertgefühl aufzubauen.

Ein Thema wäre sicher auch, dass Sie heraus finden, was für ein Lebensstil, welche inneren Werte und Interessen Ihnen liegen. Und wie der Mann sein würde, der in dieser Hinsicht zu Ihnen passt. Wenn man sich relativ beliebig mit Partnern trifft (was oft bei Tinder und anderen Dating-Portalen der Fall ist), dann bekommt man in der Regel auch von diesen die Spiegelung: „Du bist nicht die Richtige. Du bist nichts besonderes für mich.“ Und diese Spiegelung trifft einen genau wieder an der Wunde, die die Eltern einem zugefügt haben.

Insofern würde ich Ihnen empfehlen, sich mit Geduld und Durchhaltevermögen in eine Therapie zu begeben, um sich selbst kennen und lieben zu lernen. Und wenn Sie das ausstrahlen, werden Sie ganz andere Chancen bei der Partnerwahl haben.


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Gibt es in Ihrer Beziehung zu viele Kontrollen?

    Mein Partner schnüffelt in meiner Post oder meinem Handy, ohne dass es einen Anlass dafür gibt.

    Wissenscommunity