HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich wurde schon angebrüllt, betrogen, geschlagen - warum sind Männer so respektlos?"

Oscars Ex-Freunde waren eine Katastrophe: Sie erniedrigten ihn, brüllten, logen und betrogen. Eine schlug sogar zu. Warum sucht er sich immer wieder die falschen Männer?

Partner sind gemein zu mir

Demütigung in der Partnerschaft

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich (m, 35, homosexuell) bin langsam am Verzweifeln. Die Liste der Verletzungen, die meine Partner mir zugefügt haben, ist endlos. Betrogen, nicht unterstützt, nach einem Streit endlos angeschwiegen, nicht erschienen, nicht mehr gemeldet, geschlagen (nur einmal!), beleidigt…

Wahrscheinlich bin ich zu gutmütig. Meine Freunde merken oft schon am Anfang, was schief läuft und warnen mich. Aber ich lasse es mir bieten oder will es nicht wahrhaben, und nach spätestens drei Monaten werde ich dann behandelt wie ein Fußabtreter.

Zwischendurch hatte ich auch normale und nette Partner. Aber ich bin mindestens an 8 geraten, die mich respektlos behandelt haben. Was kann ich machen, damit nicht immer auf mir herumgetrampelt wird?

Viele Grüße,

Oskar P.


Lieber Oskar P.,

Ihre Frage lässt sich zumindest in der Theorie sehr einfach beantworten.

Schauen Sie bitte bei Partnern in Zukunft genau hin, wie Sie behandelt werden. Gerade Menschen, die respektlos sind und andere gerne ausnutzen, führen am Anfang bewusst oder unbewusst Tests durch, wie weit sie bei jemandem gehen können. Wenn jemand sie mit respektlosem Verhalten gewähren lässt, treiben sie es immer weiter. Sie haben es nicht in sich, sich ethisch zu verhalten, sondern brauchen Grenzen von außen.

Gleich beim ersten Anzeichen von respektlosem Verhalten könnten Sie selbst einen Test durchführen, und zwar diesen: "Wie gut bemüht sich der andere, achtsam mit mir umzugehen und Vertrauen aufzubauen?"

Sprechen Sie am besten das Verhalten, das Sie stört, ruhig und deutlich an. Zum Beispiel: "Thomas, ich mag nicht gerne warten, wenn wir verabredet sind. Kannst du bitte pünktlich kommen?" oder "Frederik, dieser Ton gefällt mir nicht. Ich finde das despektierlich." Überlegen Sie doch einmal, wie Sie sich fühlen und verhalten würden, wenn jemand, den Sie mögen und mit dem Sie eine Beziehung aufbauen wollen, so etwas zu Ihnen sagen würde. Was würden Sie machen? Wahrscheinlich würden Sie sich entschuldigen und in Zukunft darauf achten, nicht mehr zu spät zu kommen. Oder sich rechtzeitig zu melden, wenn es mal länger dauert.

Wie können Sie es bewerten, wenn Ihr Partner sich nicht entschuldigt, sondern nach der ersten Verletzung (zu spät kommen, herabsetzend reden) noch eine zweite draufsattelt: "Stell dich doch nicht so an"? Oder die Tatsachen verdreht (wir hatten 21 Uhr abgemacht, nicht 20.30) oder den Spieß umdreht: "Nun sei doch nicht so spießig"? Oder sich gar nicht dazu äußert und nichts unternimmt, um die Verletzung aus der Welt zu schaffen?

Eigentlich sollten bei Ihnen in einem solchen Moment alle Alarmglocken klingeln, und zwar in voller Lautstärke. Gibt es vielleicht ein körperliches Signal, an dem Sie merken, wenn etwas schief läuft? Klassisch ist ein Kloß im Hals, ein Drücken im Magen, angespannte Schultern…

In diesem Moment sollten Sie sich folgenden Satz gebetsmühlenartig wiederholen: "Bis hierhin und keinen Schritt weiter. Entweder wir klären es oder wir lassen es." Wenn Sie diesen Satz wieder und wieder vor sich hinsagen, gerade in solchen problematischen Situationen, dann werden Sie irgendwann erleben, wie dieser Satz quasi ganz von alleine aus Ihrem Mund kommt. Oder Sie ihn in einer Email schreiben, in der Sie genau diese Grenze setzen.

Haben Sie diesen Satz einmal ausgesprochen, am besten gleich bei der ersten Verletzung des jeweiligen Partners, gilt nur eins: Lehnen Sie sich zurück und beobachten Sie, wie der andere sich verhält. Das kann Tage oder auch Wochen dauern.

Warten Sie ab und kämpfen Sie auf keinen Fall darum, verstanden zu werden! Erzwungene Entschuldigungen sind keinen müden Pfifferling wert.

Vielleicht tut Ihnen in der Zeit, bis die Angelegenheit zu Ihrer vollen Zufriedenheit geklärt ist, eine Pause gut. Denn Sie müssen sich beruhigen und die Verletzung verkraften. Nicht nur die, dass der andere zu spät gekommen ist oder einen abfälligen Ton hatte, sondern die, dass er sich nicht automatisch um sie bemüht und sich entschuldigt.

Beruhigen Sie sich intensiv, kümmern Sie sich um Ihr eigenes Leben, freunden Sie sich mit Gedanken an, die Beziehung zu beenden, wenn der andere an diesem Punkt kein Vertrauen aufbaut. Denn was passiert, wenn Sie an diesem Punkt nachgeben würden und die Beziehung trotz des ungeklärten Konfliktes weiterführen? Null zu Eins für Sie. Der Andere lernt: "Mit dem kann ich es ja machen". Und die nächste Respektlosigkeit ist dann wahrscheinlich schon etwas größer als die erste. Sie wehren sich ja nicht.

Halten Sie sich doch einmal alle Ihre Beziehungen vor Augen, in denen Sie sich schlecht behandeln lassen haben – und überlegen Sie, wann jeweils der Punkt gewesen wäre, an dem Sie zum ersten Mal hätten sagen müssen: "Bis hierhin und keinen Schritt weiter. Entweder wir klären es, oder wir lassen es." Wie viel Leid hätten Sie sich ersparen können? Wie viel Selbstachtung hätten Sie gewonnen, wenn Sie sich selbst von Anfang an dazu trainiert hätten, sich nichts bieten zu lassen?

Wenn Sie die erste Trennung durchgezogen haben, werden Sie merken, wie gut das Ihrem Selbstwertgefühl tut. Merken Sie sich die Situation als Triumph, und nehmen Sie das als Beispiel, wenn Sie wieder in eine ähnliche Situation geraten.


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity