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Der geheime Code der Liebe : Ich laufe immer davon, wenn es ernst wird

Liebe Frau Dr. Peirano,

Ich habe vor einiger Zeit einen Mann kennen gelernt, den ich sehr liebe und den ich nicht verlieren möchte. Aber ich habe gemerkt, dass es mir schwer fällt mich zu binden. Je ernster es wird, umso schwerer fällt es mir, Gefühle zuzulassen. Mittlerweile frage ich mich, ob ich nicht diejenige bin, die ihre Probleme mit Männern immer etwas provoziert hat und ob ich nicht dieser typische Fall von Bindungsangst bin. Ein Fall von: Lieber mit jemanden zusammen sein, der mich schlecht behandelt oder mit dem es keine Zukunft geben kann.

In meiner Vergangenheit hatte ich wirklich viele Dates und Beziehungen, habe immer wieder jemanden neuen kennengerlernt. War dann aber immer wieder enttäuscht von den Männern, weil es nicht klappte. Und bei denen, bei denen ich wusste, dass sie es ernst meinten und eine Zukunft wollten, hatte ich dann eher Bedenken. Ich fand an eben diesen Männern immer etwas auszusetzen. Und wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, dann waren es 1. Immer Äußerlichkeiten, und 2. Immer Kleinigkeiten.

Die Männer, die es wirklich ernst mit mir meinten, waren nicht dumm und auch nicht schlecht aussehend. Sie entsprachen meinen Vorstellungen, und waren sogar kompatibel mit der muslimischen Kultur meiner Eltern. Mein jetziger Partner ist ebenfalls intelligent und soweit ich das abschätzen kann, offen und modern.

Trotzdem wie gesagt, fällt es mir schwer, es einfach zu genießen. Ich war vor einer Weile wieder kurz davor mich an diese Kleinigkeiten zu hängen und die Partnerschaft aufzugeben.

Es ist bei mir nicht unüblich, eher negative Gedanken zu entwickeln und mich darin etwas zu verlieren. Aber besonders, wenn es um ernsthafte reale Beziehungen geht, tue ich mich schwer. Ich bin mir selber nicht sicher, woran das liegt. Entweder ich fühle mich nie ganz akzeptiert, weil ich eben in zwei Kulturen –der deutschen und der muslimischen- aufgewachsen bin. Oder, ich bin einfach ein Teil dieser Generation, die sich nicht binden kann. Ich bin zwar schon 30 Jahre alt, doch wenn ich mich in meinem gleichaltrigen Freundeskreis umschaue, dann sehe ich viele Singles. An denen ist nichts auszusetzen, aber sie sind auch ständig nur auf der Suche und kommen nicht an.

Doch habe ich noch ein anderes Problem, dass weiter in der meiner Vergangenheit liegt. Ich hatte lange Zeit nicht mehr darüber nachgedacht und es verdrängt. Nun frage ich mich, ob es genau die Sache ist, die mich immer dazu gebracht hat, eher vor ernsten Anliegen wegzulaufen als sie anzunehmen. Und zwar hatte ich in sehr jungen Jahren einen Freund. Mit diesem Freund kam es zu Intimitäten, die in diesem Alter eher ungewöhnlich waren und die ich nicht wirklich jemanden mitteilen kann oder will. Das hat wiederum einen Hintergrund, der nicht so leicht zu verstehen ist. Ich möchte weder meinem jetzigen Partner, noch jemand anderen in meinem persönlichen Umfeld davon erzählen. Es ist sehr privat und liegt lange zurück. Doch frage ich mich, ob es dazu führt, dass ich die oben beschriebenen Schwierigkeiten habe.

Ich möchte, wie andere Menschen auch, glücklich sein, und ich möchte eine eigene Familie gründen. Ich möchte auch nicht immer wieder eine neue Beziehung anfangen, statt einfach mit einem Menschen glücklich zu werden. Wie kann mich also etwas, was so weit in der Vergangenheit liegt, davon abhalten?

Amina S.

Liebe Amina S.,

Sie schreiben sehr offen über Ihre Ängste, die Sie verspüren, wenn es Ihnen in einer Beziehung zu ernst wird oder es Ihnen zu schnell voran geht. Diese Ängste haben sich bisher so geäußert, dass Sie viele Beziehungen angefangen und dann wieder beendet haben oder Sie sich einen unerreichbaren oder unmöglichen Partner gesucht haben. Wenn Sie doch einmal länger mit jemandem zusammen waren, hatten Sie dann viele negative oder kritische Gedanken über ihren Partner und haben das sprichwörtliche Haar in der Suppe gesucht, obwohl Ihnen eigentlich klar war, dass mit Ihrem Partner alles in Ordnung war. Letztendlich haben Sie immer die Flucht angetreten und die Beziehung beendet, bevor es richtig ernst wurde. Ich finde es sehr gut, dass Sie dieses Verhaltensmuster an sich beobachtet haben und nun sagen: Das Problem liegt nicht bei meinem Partner, sondern es liegt an mir und meinen Bindungsängsten. Diese Erkenntnis ist schon einmal der erste und wichtigste Schritt zur Veränderung. Und natürlich ist es auch für Ihren Partner entlastend, wenn Sie die Schuld nicht mehr bei ihm suchen, sondern offen mit ihm über Ihre widersprüchlichen Gefühle sprechen und mit ihm zusammen ergründen, warum Sie in einem Moment sagen: Ich will dich- und im nächsten Moment: bleib lieber weg.

Ein hilfreicher Ansatz wäre es, dass Sie Ihre eigenen Gefühle genau beobachten und herausfinden, in welchen Situationen es Ihnen zu "eng" wird: Ist es zum Beispiel, wenn Ihnen durch die Partnerschaft zu wenig freie Zeit bleibt, zum Beispiel um Freundinnen zu treffen oder auch mal alleine zu sein? Geschieht es, wenn Ihr Partner mehr körperliche Nähe sucht, als Sie in dem Moment möchten? Oder wenn Zukunftspläne im Raum stehen, die für Sie noch zu früh sind? Wenn einige dieser Punkte zutreffen, wäre es wichtig, dass Sie mehr bei sich bleiben und Ihrem Partner sagen, dass Sie öfters mal einen Abend oder einen Tag für sich haben möchten oder dass Sie sich z.B. gerade wohlfühlen, wenn Sie nicht eng umschlungen auf dem Sofa sitzen, sondern jeder auf seinem Sessel. Es hilft Ihnen nicht weiter, wenn Sie innerlich ein Stopp-Signal erhalten und äußerlich so tun, als sei alles in Ordnung. Wichtiger ist es, eigene Vorstellungen über Nähe und Distanz freundlich zu äußern und zu sagen, wie viel Freiräume sie brauchen und auch mal zu sagen: Das ist für mich noch zu früh- dafür brauche ich noch etwas Zeit. Sie werden wahrscheinlich merken, dass es Ihnen sehr viel inneren Druck nimmt, wenn Sie zu sich stehen. Im besten Falle versteht Ihr Partner Sie und lässt Ihnen den Raum, den Sie brauchen- das erzeugt wahrscheinlich auch sehr wieder mehr Nähe, da sie sich nicht mehr verstellen müssen. Und wenn Sie sich die Erlaubnis geben, in einigen Situationen Nein zu sagen, können Sie in vielen anderen wahrscheinlich auch eher ja sagen.

Ein anderer Ansatz ist es, sich Ihre eigene Geschichte noch einmal anzuschauen. Bindungsängste resultieren aus den Beziehungsmustern, die ein Mensch in der frühen Kindheit mit seinen engsten Bezugspersonen (in der Regel den Eltern) gemacht hat. Oftmals war der versorgende Elternteil kühl, distanziert, ablehnend, unberechenbar und wenig einfühlsam. Als Kind solcher Eltern lernt man früh, dass man mit seinen Wünschen nach Geborgenheit und Nähe ins Leere läuft. Die betroffenen Kinder haben große Wünsche nach Nähe, aber sie haben Angst, anderen zu vertrauen und sich von ihnen abhängig zu machen. Als Erwachsene setzt sich das fort: Es besteht eine starke Sehnsucht nach Liebe und Aufgehoben-Sein in einer Partnerschaft, und gleichzeitig große Angst, die eigene Unabhängigkeit zu verlieren und wieder verletzt zu werden. Wenn Sie wirklich etwas an sich verändern wollen, wäre es wichtig, dass Sie sich mit dem Thema ängstlich-vermeidende Bindungsangst auseinander setzen, indem Sie Ratgeber (empfehlenswert: "JEIN"- Bindungsängste erkennen und bewältigen" von Stefanie Stahl) lesen und eine Psychotherapie machen.

Dort könnten Sie sich auch mit dem Ereignis mit dem Jungen auseinandersetzen, mit dem Sie als sehr junges Mädchen zusammen waren. Möglicherweise ist es ein Puzzlestein der Ursachen für Ihre Ängste vor tiefer Nähe. Das kann ich per Ferndiagnose nicht sagen, ohne Sie zu kennen und mehr über das Ereignis zu wissen. Mir fällt allerdings auf, dass Sie bisher niemanden hatten, mit dem Sie darüber reden konnten, obwohl Sie so jung waren. Hatten Sie als Kind niemanden, dem Sie sich anvertrauen konnten?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich in Ruhe mit diesen Themen auseinander setzen können und so allmählich lernen, Ihre Bindungsängste zu überwinden. Denn nur dann können Sie wirklich in einer Partnerschaft ankommen.

Ihre Julia Peirano

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