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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Mein neuer Schwarm ist egoistisch - kann ich einen 38-jährigen Mann ändern?"

Sintje hat einen tollen Mann auf einer Fortbildung kennengelernt. Doch beim erstes Treffen hatte er nur abgestandenen Apfelsaft im Haus, die Brötchen zum Frühstück musste sie besorgen. Kurz gesagt: Gentleman ist er nicht. Kann sie diesem Mann die Ego-Tour noch abgewöhnen?

Kann man einen 38-jährigen mann noch ändern?

Liebe Frau Peirano,

ich (34) habe vor drei Monaten einen Mann (Andreas, 38) kennen gelernt, mit dem es etwas merkwürdig ist. Wir fielen uns gegenseitig auf einer Fortbildung auf. Er ist extrem sympathisch und attraktiv. Wir hatten dauernd Blickkontakt und suchten uns in der Pause. Wir haben uns über Privates unterhalten, er hat erzählt, dass er schon länger Single ist. Er wandert in den Bergen, fährt leidenschaftlich Tourenski (ich auch) und mag die gleiche . Am Abend waren wir dann noch zusammen aus und er hat mich geküsst.

Danach haben wir uns täglich geschrieben, er war immer sofort erreichbar, aber hat meistens etwas knapp geschrieben und Fotos von seinem Tag geschickt. Ich konnte nicht immer etwas damit anfangen, weil ich manchmal nicht wusste, wer da drauf ist, aber es war ok. Wir haben dann abgemacht, dass ich ihn besuche – er wohnt zwei Stunden von mir entfernt. Dabei sind so einige Dinge passiert, die mich gestört haben.

Ich habe extra alles geplant, um pünktlich bei ihm zu sein. Er schrieb mir dann, als ich schon in seiner Stadt war: „Lass dir ruhig Zeit, ich bin gerade erst von der Arbeit gekommen“ und verschob unser Treffen um eine Stunde nach hinten. Ich saß wie bestellt und nicht abgeholt im Café und schlug die Zeit tot.
Um ehrlich zu sein, hätte ich auch gerne etwas von seiner Stadt (die eine sehr schöne Altstadt haben soll) gesehen und nicht nur seine Wohnung. Aber er hat mich gar nicht gefragt, was ich will. Ich wollte ihn nicht nerven.


Als ich dann in seinem Haus war, nannte er mir nur sein Stockwerk. Auf dem langen Flur, der nach rechts und links ging, irrte ich dann umher, bis er einige Minuten später auf dem Flur erschien und ich wusste, wo er wohnt. Dann lief der Fernseher, mit Ton. Er schaltete nur den Ton etwas leiser. Wir begrüßten uns sehr nett und hatten auch ein gutes Gespräch, und er war auch herzlich. Aber er war in kleinen Dingen so unaufmerksam. Er hatte nur ein Getränk da (eine bereits halb getrunkene Flasche ) und bot mir auch nichts anderes an. Am nächsten Tag ging es dann so weiter: Er hatte kaum was zum Frühstücken da und ich ging Brötchen holen. Er wählte ein Restaurant, das für seine Steaks bekannt ist, ich bin Vegetarierin. Dann musste er auch noch einige Dinge erledigen und telefonierte länger. Seine schöne Stadt habe ich nicht gesehen. Nachmittags bin ich dann wieder nach Hause gefahren.

Ich muss dazu sagen, dass unsere Gespräche sehr schön waren. Er war sehr interessiert an mir, wir haben viel gelacht. Er küsst wirklich super, und ich würde ihn schon gerne wiedersehen. Aber es gibt da eine Stimme in mir, die sagt, dass einiges eben auch nicht stimmt. Und ich habe keine Lust, ihn zu erziehen. Das habe ich schon mal bei einem früheren Freund versucht, und es ist gründlich schiefgegangen.

Was raten Sie mir?
Viele Grüße, Sintje B.

Liebe Sintje,

ich kann gut verstehen, dass Sie sich hin- und hergerissen fühlen. Auf der einen Seite gefällt Ihnen Andreas sehr gut: Sein Aussehen, sein Charme und Witz sind sehr gewinnend, und zwischen Ihnen gibt es eine große erotische Anziehungskraft. Anscheinend gibt es bei Ihnen beide berufliche Überschneidungen, wenn Sie auf der gleichen Fortbildung waren, und nebenbei noch viele gemeinsame Interessen. Das klingt so, als wenn Sie eigentlich eine gute Basis für eine Beziehung haben.

Ich sage "eigentlich". Denn auf der anderen Seite gibt es eben auch viele Dinge, die Sie jetzt schon – nach dem ersten Treffen- gestört haben. Der gemeinsame Nenner dieser Störfaktoren ist so etwas wie Unachtsamkeit, eine starke Ich-Bezogenheit zusammen mit einem Schuss Unhöflichkeit. Das ist sicher nicht böse gemeint und hat auch nichts damit zu tun, dass Sie ihm nicht wichtig sind.

Aber Andreas scheint sehr lockere Umgangsformen zu haben und sehr spontan zu sein. Das kann sehr positiv sein, da er anscheinend gut im Moment leben kann. Sie haben beide zusammen Spaß gehabt und viel gelacht. Und auch das Küssen macht bestimmt mehr Spaß, wenn man sich locker dem Augenblick hingeben kann. Im Umkehrschluss zeigt Andreas‘ Verhaltensmuster aber auch, dass er wenig plant. Er wurde zum Beispiel nicht rechtzeitig fertig, als Sie (verabredet) zu Besuch kamen. Er hat auch für Ihre Versorgung wenig „gezaubert“: Er hat nicht extra Getränke oder etwas zum Essen eingekauft, sondern nur etwas aus dem Kühlschrank geholt, was eh da war. Und er kommt nicht auf die Idee, dass Sie andere Bedürfnisse haben könnten als er. Dass Sie zum Beispiel etwas von der Stadt sehen möchten, oder ein anderes Restaurant gewählt hätten. Das Beispiel mit seinem Flur, auf dem Sie herumirrten, zeigt vielleicht symbolisch, dass Andreas – im wahrsten Sinne des Wortes- wenig entgegen kommend ist. Er kann sich schlecht in Ihre Lage hinein versetzen und fragen, was Sie gerne möchten. Sondern er macht die Dinge so, wie er es gewohnt ist.

Es gibt bestimmt viele Frauen, für die dieses Benehmen vollkommen in Ordnung wäre- weil sie selbst eher informell und spontan sind. Ich höre bei Ihnen, dass Sie irritiert sind und eigentlich ein klassischeres Benehmen erwarten würden: Man hält sich an Verabredungen, umsorgt den anderen, hat sich auf Besuch vorbereitet (Fernseher aus, Getränke und Essen vorbereitet, mehrere Restaurants zur Auswahl) und kann sich in die Bedürfnisse des anderen hineinversetzen – oder bemüht sich, diese zu erfragen.


Ich kann mir vorstellen, dass diese unterschiedlichen Vorstellungen immer wieder zu Konflikten oder Enttäuschungen zwischen Ihnen beiden führen würden. Gut wäre es auf jeden Fall, dass Sie möglichst bald beim nächsten persönlichen Treffen das offene Gespräch suchen. Sie beide können ja gut miteinander reden, und es wäre einen Versuch wert, Andreas freundlich zu sagen, was Sie für Bedürfnisse haben. Wenn Sie die Frage als Wunsch äußern und nicht als Vorwurf, können Sie bestimmt nach einer Lösung suchen. Wie gesagt, einen Versuch ist es wert, diese Dinge anzusprechen und nach Kompromissen zu suchen. Oder Sie laden ihn vielleicht das nächste Mal zu sich ein und kümmern sich um ihn, wie Sie es gerne selbst hätten. Dann wird ihm das vielleicht auch deutlich.

Es ist gut, dass Sie schon einen Finger auf diesen Unterschied zwischen Ihnen beiden gelegt haben. Geben Sie sich beiden doch noch die Chance, sich näher kennen zu lernen und zu versuchen, einen Weg zu finden, der für beide gut ist. Das hieße auch, dass Sie sich trauen, ihn z.B. zu fragen, ob er den Fernseher ausstellt. Beobachten Sie, wie er mit Ihrer Bitte umgeht. Wenn die „Probleme“ allerdings immer wieder auftreten oder zu Konflikten führen, dann bestätigt das Ihre Meinung, dass man andere nicht ändern kann. Dann haben Sie beide vielleicht die Basis für eine gute Freundschaft, aber eben nicht für eine tragfähige Beziehung.

Herzliche Grüße, Julia Peirano  

Kommentare (8)

  • Classica
    Classica
    Na ja, eine Prinzessin ist Sintje nicht unbedingt, eher etwas zu scheu, um ganz selbstverständliche Bedürfnisse zu vermitteln.

    Ihrem Schwarm wiederum fehlt es an ganz grundsätzlichem Einfühlungsvermögen - gar nicht speziell, was Frauen betrifft. Denn mal ehrlich: Wer von uns irrt gern durchs Treppenhaus, mag alten Apfelsaft und möchte nicht gefragt werden, wenn's um die Restaurantauswahl geht?

    Möglicherweise schmachtet Sintje dieses attraktive Männerexemplar auch zu sehr an, so dass der Herr zu leichtes Spiel mit ihr hat und es nicht für nötig hält, sich von seiner besten Seite zu zeigen.
  • Paul-Merlin
    Paul-Merlin
    Das wird nicht gut gehen. Abgesehen vom Entfernungsproblem, Sintja ist der Typ Prinzessin, der nach allen Regeln der Kunst umsorgt und verwöhnt werden will. Und Andreas ist der Typ, der diese Bedürfnisse ganz und gar nicht erfüllen wird und aus seiner Sicht auch nicht erfüllen muss. "Gespräche" werden daran nichts ändern. Da er gut aussieht, offenbar auch einen ordentlichen Job hat, wird es genügend "Kandidatinnen" geben die ihn so akzeptieren wie er ist. Ändern wird Sintja (34) den lieben Andreas (38) nicht. Schon, dass er Sintja in seinem Wohnblock umherirren lässt zeigt, dass er ihr eben nicht verfallen ist. Sintja wiederum wird ihre Ansprüche nicht herunterschrauben können und wollen. Hier treffen in gewisser Weise zwei Egoisten aufeinander, schon daran erkennbar, dass beide bislang keine Familien gegründet haben, die ihre Lebensweisen ausleben wollen. Das reicht für einen one night stand - auch mehrere - aber nicht für eine gute, funktionierende Partnerschaft. Vermutlich wissen und spüren das aber auch beide.
  • Oli
    Oli
    Ich muss Schmunzeln, er ist ein schlecht erzogener Egoist, weil er einen Termin verschiebt, nicht am Aufzug abholt, keine Getränkeauswahl hat, nicht nachfragt, ob Sie Vegetarierin ist.
    Es macht eher den Eindruck eines unkomplizierten Besuchs unter Freunden. Er umwirbt nicht, je mehr Kullissen man aufbaut, desto mehr hat man zu schieben.
    Drehe man die Konstellation um, Mann besucht Frau unter diesen Vorzeichen. Mann jammert nicht, sondern hält aus, Machos fänden es niedlich (etwas verpeilt, die Kleine), die anderen nehmen Abstand (Soll sich Mann
    Typ A mal drum kümmern).
    Es gibt Frauen, die erwarten umworben zu werden. Und es gibt Männer, die dies gerade nicht pflegen wollen, wohl wissend, dass dies eine Rangordnung impliziert sowie die Vorstellung, dass dies auch in Zukunft erbracht werden muss, will man den Burgfrieden nicht gefährden. Partnerschaftliches Zusammensein sieht anders aus.

    Fazit: Egal ob Mann oder Frau, nur sprechenden Zeitgenossen kann geholfen werden.

  • Lion-19
    Lion-19
    Verehrte Sintje,

    null Kinderstube, kein Anstand, keine Höflichkeit, kein Entgegenkommen, keine Ordnung im Haushalt, keine Planung? Was wollen Sie mit einem solch rücksichtslosen, egoistischen Chaoten? Wäre er vier(!) Jahre alt, könnten Sie mit der Erziehung noch einiges erreichen. Mit 38 Jahren ist das aber absolut unmöglich, wie Sie ja aus früheren schlechten Erfahrungen selbst wissen. Das Leben besteht nicht nur aus Küssen und Sex.

    Manchmal komme ich ins Grübeln: Suchen sich die Menschen (vor allem Frauen) immer den gleichen Typ Partner aus, obwohl sie damit schlechte Erfahrungen gemacht haben, sind sie auf diesen Typ fixiert oder warum rennen sie stets erneut in ihr Unglück?
  • Classica
    Classica
    Diesem talentierten Küsser und Unterhalter haben die Eltern einfach nicht beigebracht, was er tun kann, damit eine Frau sich bei ihm wohl fühlt. Erziehen ist natürlich der falsche Ansatz, das geht - wie Du bereits festgestellt hast, liebe Sintje - schief.

    Trotzdem kannst Du einiges tun, damit Du Dich bei Euren Treffen wohler fühlst. Mir fällt nämlich auf, dass Du sein Verhalten wortlos hast über Dich ergehen lassen, anstatt einfach zu sagen, was Du möchtest.

    Kornfeld hat da schon gute Beispiele gebracht. Wenn Du keine abgestandenen Apfelsaft magst, fragst Du: "Hast Du auch einen Kaffee da?" Genauso kannst Du ihn bitten, den Fernseher auszuschalten, Dir die Stadt zu zeigen und in ein passenderes Restaurant zu gehen.

    So sorgst Du für Dich, und er bekommt nach und nach mit, was Dich glücklich macht - ganz ohne anstrengende Beziehungsgespräche oder fruchtlose Erziehungsmaßnahmen.

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