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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Frau und ich streiten nur noch - oder schweigen uns an"

Seit zwei Jahren bricht bei Klaus und seine Frau wegen jeder Kleinigkeit Streit aus. Seine Reaktion: Er zieht sich zurück. Dadurch fühlt sich ungeliebt - ein Teufelskreis. Wie können die beiden wieder lernen, ohne Vorwürfe miteinander zu sprechen?

Eheprobleme: Schweigen oder Streit

Eheprobleme: Schweigen oder Streit

Getty Images

Guten Tag,

Ich kenne meine jetzige Frau seit 10 Jahren. Seit 2 Jahren streiten wir fast nur noch. Es tut mir sehr leid und es tut mir auch sehr weh. Ich habe das Gefühl, egal was oder wie ich es sage: es ist falsch. Meine Frau sieht in allem einen Angriff oder dass ich sie schlecht mache. Ich habe mich deshalb immer mehr zurückgezogen, weil ich nicht mit ihr streiten möchte und weil es mir weh tut, wenn wir streiten. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich an sie rankomme. Dadurch, dass ich mich zurückziehe, denkt sie, dass ich sie nicht mehr liebe. Sie spürt meine Liebe nicht mehr. Mir tut es auch leid, aber ich habe einfach keine Kraft mehr.

Wir waren die Jahre zuvor so glücklich wir haben uns ohne Worte verstanden. Es war einfach so toll und liebevoll. Jetzt habe ich Angst, dass wir uns immer mehr entfernen und unsere Ehe scheitert. Ich würde ihr gerne meine Gefühle mitteilen, aber ich habe Angst, dass sie es wieder falsch auffasst oder sie mich nicht versteht.Sicher ist mein Schweigen der falsche Weg, aber ich bin ratlos und irgendwie kraftlos geworden.

Ich weiß, dass meine Frau genau so wie ich unter allem leidet. Ich liebe sie und wünsche mir, dass wir wieder glücklich werden. Ich brauche echt einen guten Rat und Hilfe.


LG Klaus B.


Lieber Klaus B.,


Sie klingen wirklich verzweifelt. Es ist auch sehr zermürbend, wenn man zu Hause ein so eisiges Klima erlebt und das Gefühl hat, dass man nichts sagen kann, ohne dass es falsch aufgenommen wird.

Wenn ich höre, dass ein Paar sich viel streitet, interessieren mich zwei Dinge. Erstens: Gibt es wichtige Gründe für einen Streit und Meinungsverschiedenheiten? Hat zum Beispiel ein Partner eine Affäre, trinkt zu viel Alkohol oder kümmert sich nicht um die Pflichten im Haushalt?

Sie schreiben nichts darüber, aber vielleicht können Sie für sich mal aufschreiben, was (außer der angespannten Stimmung) in Ihrer Ehe nicht stimmt und was vor zwei Jahren nicht gestimmt hat, als Sie anfangen, sich so viel zu streiten.

Zweitens (meistens der noch wichtigere Punkt):  Wie reden Sie miteinander und wie streiten Sie? Paarforscher haben über Jahrzehnte Paare in Alltagssituationen beobachtet und herausgefunden, dass die Art, wie Paare miteinander sprechen, ganz entscheidend dafür ist, wie zufrieden sie in ihrer Beziehung sind.

Es gibt positive Verhaltensweisen wie zum Beispiel Anlächeln, jemandem zustimmen, ihm Verständnis zeigen, geduldig zuhören, einen liebevollen Scherz machen, den anderen beim Sprechen zärtlich berühren, einlenken, einen Kompromiss vorschlagen und vieles, vieles mehr.

Die negativen Verhaltensweisen, die jemand seinem Partner zeigt, sind zum Beispiel widersprechen, sich abwenden, dem anderen ins Wort fallen, ihn beleidigen, Vorwürfe machen, ihm negative Gefühle oder Motive unterstellen ("Du kommst doch nur zu spät, weil ich dir egal bin"), auf Stop-Signale nicht reagieren, laut werden, den anderen erpressen oder bedrohen und vieles mehr.

In guten Partnerschaften ist das Verhältnis von positiven zu negativen Verhaltensweisen 5:1 !

"Richtig" Streiten kann übrigens gelernt werden. Es kommt darauf an, anzusprechen, was einen stört, aber dabei nicht zu verletzen.

Zum Beispiel ist es wichtig, Ich-Botschaften zu verwenden statt Du-Botschaften. "Du bist egoistisch, weil du nur das einkaufst, was dir schmeckt" wird dann zu: "Ich würde mich freuen, wenn du mir beim Einkaufen auch die Sachen mitbringst, die ich gerne mag. Ich bin manchmal enttäuscht, wenn du vergisst, mir meinen Erdbeer-Joghurt mitzubringen. Kann ich dir eine Liste mit meinen Sachen schreiben?"

Oder Vorwürfe werden zu Wünschen: "Ich hasse es, wenn du immer zu spät kommst" wird zu: "Kannst du bitte darauf achten, pünktlich loszufahren, wenn ich für uns koche? Es ist so ärgerlich, wenn ich warten muss."

Viele Menschen haben den Irrglauben, dass sie in ihrer Partnerschaft das Recht haben, deutlich zu werden und den Partner zu beleidigen, zum Beispiel, weil er sich auch falsch verhalten hat. Das Fatale an der Sache ist, dass kein Partner dafür Verständnis hat. Im Gegenteil: Er reagiert auf einen Vorwurf mit einem Gegenangriff. Und so beginnt ein heftiger Streit, bei dem keiner sich verstanden fühlt und am Ende beide verzweifelt und verletzt sind. So wie Sie und Ihre Frau.

Manchmal hilft es, sich vorzustellen, wie fremde Menschen oder Freunde reagieren würden, wenn man mit ihnen so redet wie mit dem Partner. Wenn man zum Beispiel der Verkäuferin am Gemüsestand sagen würde: "Ich weiss ganz genau, dass Sie mir mit Absicht die verfaulten Pflaumen untergejubelt haben." Oder der Mitarbeiterin sagen würde: "Was ziehst du denn für ein Gesicht? Hast du deine Tage?" 

Wenn man diese Knöpfe bei anderen Menschen drückt, gehen sie sofort auf die Barrikaden. Und der Partner eben auch, vielleicht sogar noch mehr als die Marktfrau, weil er sich nicht geliebt fühlt. Und weil die Hemmungen nach einigen heftigen Streits nicht mehr da sind.

Ich befürchte, dass die Kommunikation mit Ihrer Frau zur Zeit sehr vergiftet ist. Sie beide können sich fast nicht mehr vorstellen, dass der andere es gut meint und dass man sich unterhalten kann, ohne auf eine "Tretmine" zu treten und sofort wieder einen Krieg auszulösen.

So wie Sie die Lager beschreiben, habe ich den Eindruck, dass Ihnen noch nicht klar ist, welche Anteile Ihre Frau an dem Streit hat und welche Anteile Sie haben. Das ist auch ohne Hilfe von außen schwer zu beantworten, weil man sozusagen für seine eigene Beziehung betriebsblind ist.

Deshalb empfehle ich Ihnen wärmstens, eine Paartherapie zu machen. Falls es eine finanzielles Problem ist (Paartherapie wird nicht von den Krankenkassen übernommen), können Sie an einer kirchlichen Beratungsstelle Paartherapie zu einem fairen Preis bekommen.

Um Ihre Frau überhaupt dazu zu bewegen, könnten Sie Ihr vielleicht einen Brief schreiben, in dem Sie ihr schreiben, was Sie mir geschrieben haben- dass Sie Ihre Frau lieben und sich wünschen, dass Ihre Ehe wieder harmonisch wird. Vielleicht können Sie ihr sogar meine Antwort zeigen.

In einer Paartherapie wird die Therapeutin mit Ihnen erarbeiten, was in der Kommunikation nicht stimmt und wie Sie besser miteinander reden können. Auch können Sie sich zusammen erinnern, was früher so gut geklappt hat (ich tippe mal darauf, dass Sie beide viele schöne Dinge unternommen haben und vielleicht auch körperlich zärtlich zueinander waren). Sie können dann versuchen, wieder genau diese Dinge zu tun.


Alles Gute für Sie!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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