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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Bei uns zu Hause ist ständig schlechte Stimmung - wie kommen wir da bloß raus?

Familie - das sind glückliche Menschen, die gemeinsam das Leben genießen. Zumindest im Idealbild. Bei Nina herrscht zuhause stattdessen ständig miese Stimmung. Lässt sich das nicht ändern?

Hallo Frau Peirano,

Bei uns zu Hause ist seit Jahren schlechte Stimmung. Mein Mann regt sich wegen Kleinigkeiten auf und rastet manchmal aus. Das kann sein, dass wir in einen Stau geraten, dass der Rasenmäher nicht gleich anspringt, dass ein Kind trödelt… Und schon schimpft er oder wird brummig und redet kaum noch. Ich habe das Gefühl, dass ich ständig ausgleichen und zwischen ihm und den Kindern vermitteln muss. Mein Mann arbeitet sehr viel und kommt spät nach Hause (Malermeister). Wir haben also sehr wenig Zeit, um uns zu unterhalten, und wenn er Aufträge hat, ist er am Handy dann kurz angebunden. Wenn er nach Hause kommt, ist immer etwas zu tun oder zu besprechen. Mein Mann ist oft nicht wirklich da, man muss ihn Sachen mehrmals fragen. Er lacht wenig (früher war er sehr lustig) und ist in Gedanken versunken. Das merken auch die Kinder, und ich fühle mich schlecht, weil ich merke, dass die Beziehung zu ihrem Papa schlecht ist. Die Kinder sind 2, 4 und 7.

Ich habe meinen Mann oft gefragt, warum er so schlecht gelaunt ist, aber da kommt keine richtige Antwort. Ich vermisse es, wie er früher war. Wir sind abends noch mal ausgegangen, haben uns mit Freunden getroffen, viel geredet und gelacht. Aber er ist wie ausgewechselt. Was kann ich machen, um an ihn heranzukommen?

Vielen Dank, Nina P,

Liebe Nina P.,

Es hört sich an, als wenn Sie unter dem "überlastete Familie mit Kleinkindern-Syndrom" leiden. In der Phase, in der die Kinder klein sind und viel Aufmerksamkeit und Versorgung brauchen, ist das Leben in etwa so wie der Versuch, einen Tisch mit einem viel zu kleinen Tischtuch zu bedecken. Man zieht links und bedeckt die linke Hälfte des Tisches, dafür ist rechts der Tisch blank. Dann zieht man rechts, und links reicht es wieder nicht. Und natürlich kann es einfach nicht reichen, weil das Tischtuch zu klein ist.

Ich kann mir vorstellen, dass in Ihrer Familie beide sehr unter Druck stehen. Ihr Mann arbeitet anscheinend sehr viel, und direkt nach der Arbeit kommt er in die Familie und es werden Anforderungen an ihn gestellt. "Verbring Zeit mit deinen Kindern". "Guck noch mal über die Mathe-Hausaufgaben der Tochter", "Geh zum Elternabend in der Kita", "Reparier den Wasserhahn ihm Garten", "Rede mit deiner Frau", "Schlepp noch ein paar Getränkekisten nach Hause" und zum krönenden Abschluss: "Denk dran, dass die Schwiegereltern am Wochenende kommen."

Auch wenn diese Ansprüche und Erwartungen nicht offen geäußert werden, weiß ihr Mann doch, was er alles zu tun hätte. Und der nie endende Strom von Arbeiten macht ihm schlechte Laune. Für Ihren Mann wäre es die beste Abhilfe, wenn er täglich etwas Zeit für sich alleine hätte, und zudem auch mal einen freien Tag oder ein freies Wochenende. Am besten außerhalb der Familie, denn ansonsten spricht der kaputte Außenwasserhahn oder die Anforderungen der Kinder trotzdem den ganzen Tag mit einem und man kann nicht abschalten und sich einfach mal auf sich selbst konzentrieren.

Auch für Sie scheint das Leben gerade sehr anspruchsvoll zu sein: Sie haben einen Mann, der zwar das Geld nach Hause bringt, aber selten da ist, und wenn ja, ist er geistig abwesend. Sie vermitteln zwischen ihm und den Kindern und sorgen sich darum, dass der Kontakt zwischen Kindern und Vater und zwischen Ihnen und Ihrem Mann nicht so schön ist, wie Sie es sich wünschen. Und natürlich haben Sie noch den ganzen Haushalt und die Versorgung der Kinder zu leisten. Das ist, wie gesagt, ein Fass ohne Boden, und ganz schön anstrengend.

Auch Sie bräuchten mal Zeit für sich, und auch das am Besten abseits der Familie.

Ich würde Ihnen deshalb empfehlen, mit Ihrem Mann zu sprechen und das Thema ganz offen zu benennen: Wir sind beide nicht mehr wirklich wir selbst, weil wir ständig in der Elternrolle sind. Wir brauchen jeder Zeit für uns. Und dann wäre es gut, sportlich in den Kalender zu gucken und nach freien Abenden und freien Wochenenden für jeden zu schauen sowie auch zu vereinbaren, wann jeder im Alltag mal eine Ruhepause haben kann. Die Wochenenden und die freien Abende sollten schon fest eingetragen werden, damit jeder planen kann. Die freien Zeiten zwischendurch könnten Sie vielleicht schon vereinbaren (du machst mit den Kindern Abendbrot, dann hast du frei. Ich bringe die Kinder dann ins Bett) oder es auf Zuruf machen (Du kannst dich kurz hinlegen, ich gehe mit den Kindern raus. Kannst du das dann morgen Nachmittag machen, dann habe ich Pause?).

Ich denke, dass es wirklich wichtig wäre, aktiv dagegen zu kämpfen, wenn Sie ein schlechtes Gewissen haben, weil das Leben Ihrer Familie nicht so perfekt ist, wie Sie es sich vorstellen (glückliche Eltern unternehmen etwas mit fröhlichen Kindern). Das, was Sie fühlen, ist völlig normal und völlig verständlich! Halten Sie sich mal vor Augen, was Sie alles für die Kinder tun! In den allermeisten Familien kann man beobachten, dass die Laune sinkt, wenn die Eltern nicht zu sich selbst kommen und sich ausruhen oder Ihre Batterien wieder aufladen können.

Denken Sie bewusst darüber nach, welche Wünsche und Bedürfnisse Sie jeder für sich haben, und machen Sie eine Liste. 1. Priorität: Ich möchte gerne einmal ausschlafen, Kaffee im Bett trinken und kein Kind im Bett vorfinden. 2. Priorität: Ich möchte mit einer Freundin ins Kino und essen gehen. 3. Priorität: Ich möchte gerne alleine zum Yoga gehen und hinterher nicht gleich nach Hause hetzen, weil die Kinder schon im Bett sind … usw.

Ihr Mann sollte auch eine solche Liste für sich anfertigen, um wieder Zugang zu seinen Bedürfnissen zu bekommen. Und natürlich ist es aufgrund des zu knappen Tischtuchs so, dass Sie in Ihrer Phase immer nur die allerwichtigsten Bedürfnisse erfüllt bekommen können. Mit drei Kindern, Arbeit, vielleicht noch Hausbau usw. bleibt nun mal nicht die Zeit, um alle Bedürfnisse an persönlicher Freizeit auszuleben. Aber es ist ein wichtiges Signal an Sie selbst, dass Sie sich darum kümmern, sich etwas von der Torte abzuschneiden. Irgendwann wird es von selbst einfacher, wenn Ihre Kinder größer sind. Mit Teenagern ist es oft so, dass die die meiste Zeit mit ihren Freunden verbringen.

Und natürlich könnten Sie auch die Zeit mit der Familie oder zu zweit bewusster planen und Wünsche und Bedürfnisse für das Wochenende aufschreiben: Ich möchte gerne mit der großen Tochter alleine eine Radtour machen. Oder: Ich würde gerne zum Waldspielplatz fahren und dann dort einkehren…

Ich hoffe, dass Sie durch die persönliche Freizeit bald wieder entspannter sind und dass die Stimmung sich verbessert.

Herzliche Grüße, Julia Peirano   

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