HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich hasse meinen Körper und lebe deshalb in einer Kompromiss-Beziehung

Wer sich selbst hässlich findet, hat Probleme, geliebt zu werden. Genauso geht es Carina. Sie hat einen Sohn, einen Partner - und empfindet es doch nur als Kompromiss. Und dann ist da noch dieser Kollege...

In einer Kompromiss-Beziehung ist Glück schwierig zu finden (Symbolbild)

In einer Kompromiss-Beziehung ist Glück schwierig zu finden (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich habe ein Problem. Ich lebe in einer Kompromissbeziehung, weil ich meinen Körper selbst so hässlich finde, dass ich denke, kein anderer Mann kann mich attraktiv finden. Auch wenn ich nach außen hin nicht so scheine. Auf jeden Fall war mein Arbeitskollege immer heimlich eine Option für mich, wir haben geflirtet aber aus o.g. Gründen bin ich nie weiter gegangen. Das ging drei Jahre so. Dann habe ich mich und mein Partner beschlossen, ein Kind zu bekommen und es hat geklappt. Unser Nachwuchs ist wirklich meine größte Freude.

Nun hat sich ebendieser Kollege, den ich mit meiner Nachricht der Schwangerschaft schockiert habe - das habe ich an seinen Augen gesehen und er fragte meine beste Freundin, ob ich wirklich glücklich sei - sich in ebendiese Freundin verliebt. Die beiden wollen nun heiraten. Ich würde ihnen ihr Glück so gerne gönnen, denn sie sind auf Wolke 7. Aber ich schaffe es nicht. Ich bin so neidisch...

So sehr, dass ich mich zurückziehe. Mein Kollege hat mit mir abgeschlossen, seit ich Mutter bin und zeigt keinerlei Interesse mehr an mir. Ich habe einige wenige Männer in meinem Leben gehabt, aber selten habe ich gedacht, einen Seelenverwandten zu treffen so wie ihn. Und ich muss ehrlich sein: Ich hab immer gedacht, dass er in einem späteren Leben eine Option für mich ist. Diese Option ist nun für immer gestorben.  Es fällt mir schwer, das auszuhalten. Ich weiß, wie egozentrisch ich bin. Ich hab eine Familie, einen Mann, der nett ist und einen zauberhaften, gesunden Sohn. Aber ich komme darüber nicht hinweg.

Vielen herzlichen Dank und viele Grüße,

Carina B.

Liebe Carina B.,

Als ich Ihr Schreiben gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass Sie sehr viel in Ihrem Leben zu sortieren haben! Die Wurzel Ihrer Probleme scheint, wie Sie es selbst schreiben, in Ihren Selbstzweifeln und Ihrem geringen Selbstwertgefühl zu liegen. Ich denke, dass es wichtig wäre, sich mit Ihrem Verhältnis zu Ihrem Körper auseinander zu setzen. Haben Sie eine Vermutung, warum Sie sich nicht leiden mögen? Haben Ihre Eltern sich oft abfällig über Ihren Körper geäußert (z.B. "du bist dick", "du bist ein Trampel", "Brillenschlange"?). Oder wurden Sie in der Schule von Klassenkameraden wegen Ihres Aussehens geärgert? Oder gab es Missbrauchserfahrungen? Das muss nicht nur sexueller Missbrauch sein, es könnte auch emotionaler Missbrauch sein (Lieblosigkeit, harte Strafen, Gleichgültigkeit, …). All diese Erfahrungen können das Selbstwertgefühl zerstören!

Was für ein Verhältnis hatte Ihre Mutter zu ihrem eigenen Körper? Hat sie sich wohl gefühlt, war sie sich Ihrer Weiblichkeit bewusst und hat sich gepflegt, schön gekleidet und auch mal zufrieden im Spiegel angeschaut? Oder hat Ihre Mutter Probleme mit ihrer eigenen Erscheinung (z.B. ständig auf Diät sein, sich kritisieren oder sich komplett vernachlässigen)?

Ich bewundere es immer, wie kleine Mädchen im Südeuropa oder Südamerika herausgeputzt, geknuddelt und gelobt werden. Alle weiblichen Verwandten (Mutter, Tanten, Großmütter, Schwester, Cousinen) sind hingerissen von kleinen Mädchen, bringen ihnen erste Tanzschritte bei, überschütten sie mit Zärtlichkeiten und Kosenamen ("mein Sternchen", "meine Liebe", "mein Engelchen" usw.). Kein Wunder, dass bei einer solchen Kindheit viele südländische Frauen sich ihrer eigenen Schönheit und ihrer erotischen Ausstrahlung bewusst sind, sich entsprechend anziehen und verhalten. Oft auch unabhängig davon, wie attraktiv sie als Erwachsene sind: Das kleine Sternchen oder Engelchen strahlt immer noch aus ihnen.

Ich denke, dass es für Sie sehr wichtig wäre, die Ursachen Ihrer Feindschaft mit Ihrem Körper zu erkennen und dann dagegen anzuwirken. Eine Therapie wäre da bestimmt hilfreich, denn es geht darum, negative Erfahrungen aufzuarbeiten und neue Glaubenssätze zu entwickeln. Von "ich bin so hässlich, dass mich keiner lieben kann" zu "ich mag meinen Körper und behandelt ihn liebevoll". Das ist ein weiter und steiniger Weg.

Aber erst dann, wenn Sie sich selbst lieben, kann die Unzufriedenheit aufhören und alles, was dazu gehört: Ihr Neid, Ihre Kompromisslösungen wie Ihre jetzige Beziehung und Ihre Schwierigkeiten, sich für das zu entscheiden, was Ihnen wirklich gut tut.

Auf der einen Seite ist es tragisch, dass Sie Ihrem Kollegen nie erzählt haben, was Sie für ihn empfinden, denn anscheinend hätte es eine Chance auf eine Beziehung gegeben. Auf der anderen Seite wissen Sie selbst, dass Sie es sich mit Ihrem Umfeld verscherzen, wenn Sie, wie Sie selbst sagen, so egozentrisch, neidisch und missgünstig sind und Menschen wie Schachfiguren in Ihrem Leben sehen und behandeln. Ihr Partner dient Ihnen als Notnagel und Erzeuger eines Kindes. Da ist wenig Chance auf eine liebevolle Beziehung auf Augenhöhe. Ihre beste Freundin ist jetzt glücklich, aber Sie gönnen ihr dieses Glück nicht - darunter leidet die Freundschaft sicher extrem, wenn sie nicht schon zerbrochen ist. Und Ihr Kollege hat sicher auch darunter gelitten, dass Sie sich nicht für ihn entschieden haben oder es zumindest versucht haben, eine Beziehung mit ihm aufzubauen. Wer möchte schon gerne ein Ersatzspieler sein, der vielleicht mal zum Einsatz kommt, wenn der andere nicht mehr weiter weiß?

Insofern empfehle ich Ihnen wirklich, eine Therapie zu beginnen, um ihr Verhältnis zu sich selbst zu verbessern und damit auch wohlwollender und liebevoller mit ihren engsten Menschen umzugehen. Denn so werden Sie wahrscheinlich keine echte Nähe zu Menschen aufbauen können, wenn Sie andere nicht so behandeln, wie Sie selbst behandelt werden wollen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute dabei, zu lernen, sich selbst wirklich zu lieben!

Herzliche Grüße, Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity