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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich kann kein Vertrauen aufbauen - dafür waren meine früheren Erfahrungen zu schlimm

Zu einer Beziehung gehört Vertrauen und das Gefühl, sich fallen lassen zu können. Für Mareike ist das fast unmöglich. Der Grund liegt in ihren ersten, sehr schlimmen sexuellen Erlebnissen.

Ohne Vertrauen sind glückliche Beziehungen nicht möglich (Symbolbild)

Ohne Vertrauen sind glückliche Beziehungen nicht möglich (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich bin 29 und Single. Eigentlich wünsche ich mir einen lieben Partner, ich hätte auch gerne einmal eine Familie. Aber ich finde es sehr schwer, Vertrauen zu fassen und mich einzulassen. Das ist wahrscheinlich so, wenn man schlimme Erfahrungen mit Männern gemacht hat.

Als ich 13 oder 14 war, hatte meine Mutter einen Freund, der 300 Kilometer entfernt wohnte und den wir an Wochenenden oder in den Ferien besucht haben. Dieser Freund hatte einen Stiefsohn, der damals ungefähr 18 war und in der Nähe wohnte. Am Anfang war ich wohl in ihn verliebt und habe seine Nähe gesucht. Er hat auch Interesse an mir gezeigt und mich umarmt oder mich mal im Auto in seine Wohnung mitgenommen und mit mir Musik gehört.

Dann kippte es (ich weiß nicht, ob er getrunken hatte) und er wurde sehr aufdringlich und unangenehm. Meine erste sexuelle Erfahrung war - so sehe ich es heute - eine Vergewaltigung. Ich war danach aufgelöst und verstört, auch hatte ich blaue Flecken und Kratzer. Niemand hat etwas dazu gesagt oder gefragt.

Ich weiß nicht, was ich damals gedacht habe, aber wahrscheinlich dachte ich, dass das normal so ist, wenn keiner etwas dazu sagt. Ich habe niemandem etwas gesagt, auch weil meine Mutter ja auch nichts gesagt hat. Und irgendwie ging das dann über ein halbes Jahr so weiter, wenn wir uns gesehen haben. Ich bin damals in der Schule sehr abgesackt und habe mich auch von meinen Freundinnen zurückgezogen. Mit Jungs wollte ich überhaupt nichts zu tun haben, ich wusste ja, was passiert, wenn man mit ihnen allein ist.

Die Geschichte hörte auf, als meine Mutter sich von ihrem Freund trennte. Da war ich sehr erleichtert, dass es vorbei ist. Ich habe das noch immer nicht richtig verarbeitet. Mit 21 habe ich eine Therapie gemacht wegen Angststörungen. Da haben meine Therapeutin und ich uns auch lange über diesen Missbrauch unterhalten. Ich habe erst da gemerkt, dass das nicht normal ist, und konnte während der Therapie auch mit einem anderen Mann eine Beziehung haben. Wir konnten sogar intim werden, aber ich bin sehr ängstlich und angespannt dabei und kann die Kontrolle nicht abgeben. Das war bis jetzt immer so in Beziehungen.

Die Geschichte von damals holt mich immer wieder ein. Wenn ich daran erinnert werde (ein Gespräch, einen Film, ein Buch, eine Berührung an der falschen Stelle), bin ich oft Wochen wie gelähmt. Was kann ich machen, damit ich damit abschließen kann?

Viele Grüße, Mareike B.

Liebe Mareike B.,

Die Geschichte, die Sie erlebt haben, ist wirklich schrecklich! In dem Alter, in dem Sie damals waren, und mit Ihrer Unerfahrenheit, die für 13 Jahre auch völlig normal ist, sind Sie in eine schreckliche Falle geraten. Und Sie wussten nicht einmal, dass es diese Falle überhaupt gibt! 

Ihre ersten sexuellen Erfahrungen waren nicht zärtlich, vorsichtig und behutsam, wie man es sich wünschen würde, sondern Sie haben Sexualität von ihrer brutalsten und schmerzhaftesten Seite kennen gelernt. Und das, bevor Sie wussten, dass so etwas nicht normal ist. Und zudem noch in Ihrem sicheren Umfeld, mehr oder weniger unter den Augen Ihrer Mutter - und zudem mit einer Person, die Sie mochten und die irgendwie zur Familie gehörte.

Das ist wirklich eine sehr traurige Geschichte, und ich befürchte, dass diese Erfahrung Sie immer ein Stück begleiten wird und Ihnen sozusagen in den Knochen steckt. Das heißt aber nicht, dass es immer schlimm sein muss oder dass Sie nicht zu ausgewählten Männern Vertrauen aufbauen können. Allerdings haben Sie eine belastende Hypothek, die Sie mit sich herumschleppen, und diese schmerzt mal mehr, mal weniger.

Ich denke, dass es Ihnen bestimmt helfen würde, eine neue Psychotherapie zu beginnen. Vielleicht finden Sie eine Therapeutin oder einen Therapeuten, der zusätzlich zu einer Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierten Therapie noch EMDR anbietet. Das ist ein Therapieansatz, bei der mit Hilfe von Augenbewegungen traumatische Ereignisse (wie z.B. Ihres) besser verarbeitet und anders abgespeichert werden können. Achten Sie unbedingt darauf, dass Sie die Therapeutin oder den Therapeuten mögen und Vertrauen haben.

Im Rahmen der Therapie wird es sicher auch um die Rolle Ihrer Mutter in dieser ganzen Geschichte gehen. Denn Ihre Mutter hat offensichtlich weggeschaut und Ihre Pflicht verletzt, Sie als 13-jährige aufzuklären und zu schützen. Eigentlich ist es die Aufgabe der Eltern, wahrzunehmen, wenn ein Mädchen zur Frau wird und auch von Männern als solche gesehen wird. Im Normalfall haben Eltern einen Schutzradar und passen auf das Mädchen auf, um unangenehme oder bedrohliche Situationen zu vermeiden. Die Diskussionen über Rocklängen, Ausgehzeiten, Alkoholkonsum, begleitet oder unbegleitetes Ausgehen oder die Frage, ob, wie und mit wem man auf Musikfestivals zelten darf und wie man sich sicher im Dunkeln zur Toilette bewegt, sind nur einige dieser Themen. 

Ihre Mutter hat eigentlich genau das Gegenteil gemacht: Sie hat die Gefahr nicht kommen sehen wollen, sie hat keine schützende Hand über Sie gehalten und als der Schaden bereits eingetreten war, hat sie nichts davon wissen wollen und eindeutig signalisiert, dass man mit ihr nicht darüber sprechen kann. Sie hat Sie also mutterseelenallein (im wahrsten Sinne des Wortes) gelassen. Das hat sich auch nicht verändert, als sie sich bereits von dem Freund getrennt hatte.

Ich denke, dass in diesem Thema eine sehr tiefe Beziehungsverletzung liegt, die Sie unbedingt aufarbeiten sollten. Sie sollten sich darauf einstellen, dass im Rahmen der Therapie sehr starke Wut und Trauer hochkommen wird, die Sie bisher wahrscheinlich unterdrückt haben.

Aber genau darin, dass diese Gefühle im Rahmen einer vertrauensvollen Therapie hochkommen dürfen, besteht auch die Chance der Heilung. 

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie sich weiter von diesem schrecklichen Ereignis befreien können und lernen, zu ausgewählten Menschen Vertrauen aufzubauen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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