VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Machtkampf im Bett? Ich fühle mich wie ein Objekt behandelt

Wenn es im Bett nicht gut läuft, kann das viele Ursachen haben (Symbolbild)
Wenn es im Bett nicht gut läuft, kann das viele Ursachen haben (Symbolbild)
© South_agency / Getty Images
Obwohl ihre Beziehung recht jung ist, läuft es zwischen Mareike und ihrem Freund nicht ganz rund. Vor allem, dass er sie nach einem Streit zum Sex drängen wollte, macht ihr zu schaffen.

Hallo Dr. Peirano,  

mein Freund und ich (beide 26) sind jetzt bald seit einem Jahr zusammen. Wir hatten am Anfang Probleme mit unserem Sexualleben (was auch daran lag, dass er sich im letzten Lockdown total gehen lassen hat - viel gekifft, zugenommen und nichts für seine Masterarbeit getan hat -  und ich keine Lust mehr auf ihn verspürt habe). Das haben wir aber wieder gut hinbekommen, da er wieder produktiv ist, zum Sport geht und auch sonst fröhlicher ist. Wir haben auch wirklich ein gutes Sexleben, sehen uns fast jeden Tag und schlafen auch jedes Mal miteinander.  

Allerdings war es letztens wieder einmal soweit, wir hatten einen Streit (die sich in letzter Zeit häufen), in dem er meinte, er fühlt sich eingeengt, ist unglücklich in der Beziehung und braucht mehr Freiraum. Wir haben uns ordentlich gezofft, danach wieder vertragen, und er wollte "zum Stressabbau" (da er auch einen schlechten Tag hatte) gerne Sex mit mir. Ich hatte allerdings nach dem Streit und den Dingen, die gesagt wurden, so gar keine Lust mehr darauf, was mir dann auch vorgehalten wurde. 

Er hielt mir vor, dass er auch manchmal mit mir schläft, wenn er es nicht bräuchte, weil ich mehr Lust verspüre als er (in den Momenten sagt und zeigt er mir das aber nicht!). Er meinte, dass ich auch mal ihm zuliebe mit ihm schlafen könnte, wenn er es braucht, und er sagte, dass er sich nicht gleichberechtigt fühlt. Ich sehe es aber nicht ein, mit ihm zu schlafen, wenn ich keine Lust habe, nur damit er Stress abbauen kann. Das gab dann auch wieder unseren nächsten Streit (am selben Tag), und ich bin dann nach Hause, da ich am nächsten Tag eine wichtige Prüfung hatte (super Timing).  

Ich würde ja verstehen, wenn er seine sexuellen Wünsche konstruktiv äußert, wenn ich ihn jedes Mal abweisen würde und wir seit Wochen keinen Sex mehr hatten. Aber so finde ich das tatsächlich etwas respektlos, ich fühle mich wie ein Objekt behandelt. Ich habe auch Angst, mit ihm darüber zu reden, da ich weiß, dass es wieder eskalieren wird.

Ich hoffe Sie können mir helfen, ich bin wirklich verzweifelt.  

Beste Grüße

Mareike T.

Liebe Mareike T.,

Sie beide haben ja anscheinend ein recht turbulentes Jahr hinter sich. Recht am Anfang Ihrer Beziehung gibt es sexuelle Probleme und Lustlosigkeit, weil Ihr Freund sich gehen lassen hat. Haben Sie ihn auch schon so kennen gelernt oder hat er sich gleich in der ersten Phase Ihrer Beziehung gehen lassen und zugenommen?

Und wie war das für Sie, dass er gleich in den ersten Monaten der Beziehung eine Seite gezeigt hat, die wenig geeignet ist, um seiner Partnerin zu gefallen und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen? Haben Sie sich von ihm angezogen und geschätzt gefühlt? Eigentlich wäre ja das Gegenteil der Fall, wenn der Partner kurz nach dem Kennenlernen auf sich bezogen ist und sich gehen lässt: Man würde sich abgelehnt und unbedeutend fühlen. Ihr Partner scheint eher in eine Art depressives Loch gerutscht zu sein mit Prokrastinieren, übertriebenem Essen und Marihuana rauchen. Gab es früher in seinem Leben schon solche Phasen - und wie geht es Ihnen damit? Diese Zeichen könnten ja auch Vorboten einer wiederkehrenden Depression sein.

Etwas aufhorchen ließ mich diese Kombination aus Essen, Kiffen und Prokrastinieren dann doch, weil Ihr Freund anscheinend Problemen aus dem Weg geht und sie verdrängt. Die Verdrängung und Ablenkung, die am Anfang dafür sorgt, dass man den Schmerz nicht spüren muss, hat aber ihren Preis. Man nennt das auch dirty pain (dreckiger Schmerz): Denn durch die Verdrängung entstehen oft neue Probleme wie Ängste, Depressionen oder Süchte, und da man bisher die Auseinandersetzung mit diesen Themen vermieden hat - die Auseinandersetzung wäre clean pain (sauberer Schmerz) -, entfernt man sich innerlich von sich selbst.

Nach einigen Monaten hat Ihr Freund sich aufgerappelt und scheint nun eine 180-Grad-Kehrtwendung gemacht zu haben. Er treibt Sport, kümmert sich um seinen Körper und verspürt viel Lust. Kann es sein, dass jetzt der tägliche Sex auch eine Art Ablenkung ist? Das wäre der Fall, wenn es einen bestimmten Ablauf für Ihre Treffen gibt und Sie nicht wirklich davon abweichen, weil man dazu ja offene Gespräche über die eigenen Befindlichkeiten führen müsste.

Prüfen Sie doch einmal für sich, wie sehr Sie beide miteinander eine emotionale Verbindung aufbauen, in der man offen äußern kann, wie man sich fühlt und was man möchte. Und ob Sie dabei Verständnis für die Position und die Gefühle des anderen empfinden und äußern.

Die Art, in der Sie Ihre Auseinandersetzungen beschreiben, klingt so, als wenn Sie beide sich zusammen hier noch entwickeln könnten. Mein Eindruck war der, dass es auch eine Art Machtkampf zwischen Ihnen beiden gibt, der über Sex ausgetragen wird. Es geht darum, wer mehr für den anderen zu tun glaubt; wer dem anderen etwas schuldig ist; und wer sich dem anderen zuliebe erkenntlich zeigen sollte. Wenn Sie auch Züge eines Machtkampfes erleben, ist es kein Wunder, dass Sie beide sich als Objekt behandelt fühlen. Und es würde auch erklären, warum es Ihnen beiden so schwer fällt, konstruktiv und in einer offenen Atmosphäre über Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen.

Ich denke, dass Sie sich über das Thema "Macht" in engen Beziehungen informieren könnten und erst einmal aufmerksam wahrnehmen, was genau zwischen Ihnen beiden läuft. Das wäre schon ein erster Schritt zur Lösung des Problems. Denn letztlich geht es um die Frage: Möchte ich gewinnen oder möchte ich mit meinem Partner ein Team sein?

Ich hoffe, dass dieser Denkansatz Ihnen dabei hilft, Elemente von Machtkämpfen zu erkennen und auch zu hinterfragen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


Wissenscommunity


Newsticker