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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Mann besteht auf Dreier - ich will das aber nicht

Für viele Menschen ist es reizvoll, eine dritte Person ins gemeinsame Bett zu holen. Doch was, wenn nur einer der Partner das will? Nadine versucht, ihrem Mann und seinen Bedürfnissen entgegen zu kommen. Aber wie weit soll sie gehen?

Eine weitere Person im Schlafzimmer kann Beziehungen neu anfachen - oder zu Problemen führen (Symbolbild)

Eine weitere Person kann Beziehungen neu anfachen - oder zu Problemen führen

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Wir (41 und 55 Jahre) sind seit sieben Jahren ein Paar und seit vier Jahren verheiratet. Allgemein passen wir perfekt zusammen und sind sehr glücklich miteinander. Es gibt nur leider ein Problem, bei dem wir unterschiedliche Sichtweisen bzw. Neigungen haben. Mein Mann steht sehr auf Dreier, ich leider nicht.

Wir haben schon seit Jahren immer wieder Streit deswegen und können mittlerweile nicht mal mehr zusammen in einen Club tanzen gehen, ohne nicht nachher wieder beide frustriert zu sein. Er ist immer wieder enttäuscht, wenn ich nicht mit anderen sexy tanzen möchte. Wenigstens das könnte ich doch seiner Meinung nach für ihn tun...

Ich habe schon einiges versucht um ihm bezüglich seiner Neigungen entgegen zu kommen, was allerdings nie ausreichend war und auf beiden Seiten nur noch mehr Frustration hinterlassen hat. Für mich habe ich dabei immer gefühlte 150 Prozent gegeben und für ihn waren es nur maximal 10 Prozent. Er sagt immer wieder, er würde ALLES für mich machen und ich tue das nicht.

Den Besuch bei einer Therapeutin befürwortet er, würde auch im zweiten Step mal mitkommen. Er sagt allerdings, er kann und will sich nicht ändern. Er ist überzeugt, dass wenn ich es nur oft genug mache, ich auf den Geschmack kommen würde. Diese Sichtweise habe ich allerdings nicht!

Ich habe ihm aus Verzweiflung schon angeboten, er könne alleine zum Swingerclub zu gehen. Das möchte er aber auch nicht, da es ihn antörnt, wenn ich Spaß daran habe. Das ist bei mir allerdings nicht der Fall, allgemein habe ich mittlerweile immer weniger Lust am Sex.

Auch mit Spielzeug, Massagen o.ä., ist Sex für mich überwiegend nur noch ein Akt um ihn zu befriedigen. Das kann ich ihm aber nicht sagen, da er dann auch noch das verlieren würde. Ich bin schon seit langem sehr verzweifelt mit dieser Situation und fühle mich unter Druck gesetzt. Ich möchte ihn nicht verlieren, habe aber schon das Gefühl, dass meine Gefühle für ihn durch diese Streitereien etwas abgekühlt sind. 

Keine gute Basis für die nächsten 30 Jahre!

Viele Grüße, Nadine G.

Liebe Nadine G.,

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Es gibt möglicherweise in einer Beziehung manche Dinge, die man dem anderen zuliebe tun kann, ohne sich zu verbiegen. Wenn einem zum Beispiel Sauberkeit extrem wichtig ist, kann der andere sich bestimmt darauf einlassen, nach jedem Essen die Spüle zu wischen und den Fußboden zu fegen, ohne dass er seelischen Schaden nimmt. Oder vielleicht kann ein Partner sich auch mal einen kitschigen Liebesfilm ansehen, dem anderen zuliebe.

Aber in puncto Sexualität muss ich klar sagen, dass es so nicht funktioniert. Sexuelle Vorliebe sind sehr persönlich und mit starken Gefühlen verbunden. Alleine schon Küssen mit dem Richtigen in der richtigen Situation kann himmlisch sein. Den Falschen zu küssen oder beim Küssen bedrängt zu werden, kann starke Ekelgefühle auslösen, bis hin zu den jahrelang begleitenden starken Schuld-, Scham-, Angst,- und Ekelgefühlen, die Menschen nach einer Vergewaltigung erleben. Worauf jemand Lust hat, hat viel mit der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Geschichte zu tun und lässt sich nicht von außen erzeugen. Höchstens lässt es sich behindern, wenn man dem anderen die Freiwilligkeit nimmt.

Ich kann Ihnen also nur raten, Ihre eigenen Grenzen ganz deutlich zu benennen und sie zu schützen. Idealerweise sollte Ihr Mann genügend Respekt haben, um Ihre Grenzen ernst zu nehmen. Es ist in Ordnung, wenn einer den anderen dazu verführt, etwas Neues auszuprobieren. Aber ihn dazu zu zwingen oder es zu fordern, geht nur nach hinten los. Denn dabei schwindet der Respekt vor dem anderen. 

Ich kann mir vorstellen, dass Sie durch die Forderungen Ihres Mannes, die an Ihren eigenen Wünschen vorbei gehen, Vertrauen verloren haben und dass Sie an Selbstwertgefühl eingebüßt haben. Denn es geht Ihrem Mann offensichtlich nicht darum, mit Ihnen eine Art intimen Kontakt herzustellen, in dem Sie beide herausfinden, was der andere mag und wie man ihn erregen kann. Sondern Ihr Mann stellt das, was ihn erregt und was er gerne möchte, über Ihre Person. Sie sollen das erfüllen, was ihm Spaß macht, und wenn nicht, bekommen Sie Vorwürfe zu hören.

Es ist mittlerweile bekannt, dass das, was sich auf der sexuellen Ebene zwischen zwei Partnern abspielt, sehr stark den sonstigen Umgang miteinander beeinflusst, zum Beispiel die Gefühle füreinander, Nähe und Distanz, Bereitschaft zur Untreue, Interesse aneinander, Vertrauen. Es ist wirklich ein zentrales und sehr sensibles Thema!

Ich denke, dass es wirklich wichtig ist, dass Sie beide wieder miteinander ins Gespräch kommen, am besten in einer Paartherapie mit Schwerpunkt Sexualität. Und Ihr Mann sollte von Anfang an mitkommen, ansonsten geraten Sie auch in der Therapie in eine Schieflage. Sie sollten sich ein Herz fassen und Ihrem Mann offen sagen, wie sehr Sie sich unter Druck gesetzt fühlen und dass Sie mittlerweile die Lust an Sexualität verloren haben, weil Sie sich nicht frei fühlen. Das wird sicher nicht in seinem Sinne sein und könnte ihn dazu motivieren, sich mehr darum zu kümmern, was Sie möchten. Und die Therapeutin oder der Therapeut kann Ihnen rückmelden, wie Sie beide miteinander umgehen (z.B. den anderen abwerten, Vorwürfe machen seiten Ihres Mannes, ausweichen, eigene Bedürfnisse zurück stellen von Ihnen). Auch Ihre Streitkultur wird sicher noch einmal genau beleuchtet.

Ich kann mir vorstellen, dass das Ihnen beiden hilft, um Klarheit zu gewinnen. Denn es geht aus meiner Sicht nicht um sexuelle Praktiken, sondern um Respekt und Mitgefühl für den anderen. Ich denke, dass Sie das miteinander verbessern sollten, wenn Sie eine Basis für die nächsten "30 Jahre" haben wollen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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