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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Mann ist Alkoholiker und macht mich krank

Alkohol kann eine Ehe schwer belasten. Auch Elfriede weiß nicht mehr, wie es mit ihr und ihrem Alkohol-kranken Mann weitergehen soll. Doch die Trennung ist leider keine Option.

Alkoholismus ist für Beziehungen eine Zerreißprobe (Symbolbild)

Alkoholismus ist für Beziehungen eine Zerreißprobe (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich bin 69 und in meiner Ehe sehr unglücklich. Ich bin seit 24 Jahren mit meinem Mann (72) in zweiter Ehe verheiratet. Er trinkt schon immer sehr viel, täglich mindestens zwei Liter Bier und oft noch Schnaps. Am Zusammenleben ist er nicht interessiert. Er schläft lange aus (wir schlafen getrennt), frühstückt alleine, hinterlässt mir einen Saustall mit dreckigem Geschirr, herumliegenden Flaschen, Zigarettenkippen, herumliegender und stinkender Wäsche, und geht nachmittags in die Kneipe. Er kommt dann abends oder manchmal auch nachts zurück und sucht Streit. Wenn es schlimm kommt, beschimpft er mich, aber sonst geht er ins Bett, wenn er sich nicht vorher noch irgendwie erbricht oder das Badezimmer verdreckt.

Wir leben eigentlich seit vielen Jahren nebeneinander her, oder schlimmer noch, er stört mein Leben. Meine Enkeltochter (7), die ich über alles liebe, ist viel bei uns, die kriegt das alles mit, und ich versuche, dass sie möglichst wenig Kontakt mit ihm hat.

Jetzt fragen sie mich natürlich, warum ich nicht gehe. Das frage ich mich auch oft, und ich weiß, dass ich das eigentlich machen müsste. Aber ich möchte nicht zum zweiten Mal scheitern, die erste Ehe ist ja auch in die Brüche gegangen. Und außerdem hätte ich nichts, wenn ich mich von ihm trenne. Wir leben in seinem Haus, er hat immer gut verdient und viel auf die Seite gelegt. Ich habe die Kinder versorgt und als Krankenschwester gearbeitet, da kann ich mir ausrechnen, wie niedrig meine Rente nach einer Scheidung wäre. Ich könnte wahrscheinlich Hartz IV beantragen.

Und ich frage mich auch oft, ob ich nicht irgend etwas machen kann, damit er sich mehr in die Familie einbringt und seine Sachen wegräumt. Ganz selten isst er mal mit mir und unserer Enkelin zu Abend oder spielt Karten, und dann wird mir klar, was ich eigentlich alles vermisse.

Ich bin von der ganzen Situation sehr belastet. Ich war wegen Depressionen in Therapie (2010-2012), hatte zwei Bandscheibenvorfälle und ein Magengeschwür.

Was kann ich machen?

Viele Grüße,

Elfriede B.


Liebe Elfriede B.,

Es ist sehr traurig, was Sie beschreiben. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich oft einsam fühlen, weil Ihr Mann kein Partner für Sie ist. Sie können mit ihm nicht reden, unternehmen nichts, bekommen keine Zuneigung und Anerkennung. Es ist sehr viel, was Ihnen fehlt! Und stattdessen wird Ihr Leben durch ihn erschwert.

Zum Glück haben Sie Ihre Enkelin, die Sie lieben und mit der Sie viel Zeit verbringen können! Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass Sie viel positiven Kontakt mit anderen Erwachsenen haben, zum Beispiel mit Ihren Kindern oder Freundinnen. Ihre Situation ist sehr lieblos und auch schädlich durch die Achtlosigkeit und die Beschimpfungen, da brauchen Sie einen großen Ausgleich!

Sie merken ja, dass Ihnen die Belastungen auf die Seele und den Körper schlagen, das sind wichtige Hilferufe. Leider ist es ja nicht so einfach, die Situation aufzulösen, zum Beispiel in dem Sie sich von Ihrem Mann trennen.

Meine Frage an Sie ist, ob Sie sich im Klaren darüber sind, dass sich Ihr Mann nicht mehr verändern wird, jedenfalls nicht zum Guten? Haben Sie sich schon einmal bewusst die Zukunft mit ihm ausgemalt? Das ist sicher nicht angenehm, wäre aber nötig.

Ihr Mann ist Alkoholiker und hat feste Trinkgewohnheiten, der Alkohol bestimmt sein Leben. Höchstwahrscheinlich hat er durch die Jahrzehnte des schädlichen Alkoholkonsums schon Schäden an seinen Organen (insbesondere Leber und Bauchspeicheldrüse) bekommen. Auch besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen. Sein Gehirn wird durch den langjährigen Alkoholmissbrauch beeinträchtigt sein, die Konzentration und Intelligenz verringert. Und Sie merken selbst, dass seine Persönlichkeit verändert ist. Er ist aggressiv, reizbar, hat Stimmungsschwankungen, nimmt die Bedürfnisse von anderen (von Ihnen und seiner Enkelin) nicht wahr, verliert den Respekt. Wenn er aufhören würde zu trinken, würde er noch stärkere Ängste und Depressionen bekommen. Um das nicht klaren Kopfes zu erleben, trinkt er täglich.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er mit dem Trinken aufhört, ist verschwindend gering. Und selbst wenn er das täte, wäre die Frage, wie er als trockener Alkoholiker wäre. Wahrscheinlich wäre er auch dann kein respektvoller und fürsorglicher Partner.

Ist Ihnen klar, wie es vielen Alkoholikern im hohen Lebensalter geht? Welche Spätfolgen sie erwarten (z.B. Demenz, Wahn) sowie die oben beschriebenen körperlichen Folgen? Ich denke, dass Sie sich deutlich sagen sollten, dass sich die Situation nicht verbessern wird, und sich dann ehrlich fragen, ob Sie weiter mit ihm zusammenleben können.

Ich kann verstehen, dass Sie sich Sorgen um Ihre finanzielle Absicherung machen, die vor allem auf der Ehe mit Ihrem Mann beruht. Es gibt viele Menschen (überwiegend Frauen), die auf die Erbschaft und die Witwenrente ihres Mannes angewiesen sind, weil sie sonst von Altersarmut betroffen sind.

Wenn man die Situation pragmatisch betrachtet, ist es auf jeden Fall in Ihrem Interesse, wenn Sie mit Ihrem Mann bis zu seinem Tod verheiratet bleiben, damit Sie finanziell abgesichert sind. Dennoch kann man die Ehe in Ihrem Fall ja eher als eine formale Angelegenheit (sie besteht auf dem Papier) betrachten als als eine zwischenmenschliche Beziehung. Insofern kommt es nicht auf die Qualität Ihrer Beziehung an, sondern nur darum, dass sie auf dem Papier besteht.

Und hier könnten Sie sich einmal überlegen, welche Freiräume Sie sich herausnehmen können, um sich (und Ihre Enkelin) vor Ihrem Mann zu schützen. Wäre es z.B. denkbar, dass Sie sich ein kleines Wochenendhäuschen, eine Schrebergarten-Laube oder ähnliches mieten, um zumindest tage- oder wochenweise ihr eigenes Reich zu haben? Könnten Sie häufiger mal für längere Zeit Ihre Kinder oder Freundinnen besuchen, um Ihrem Mann aus dem Weg zu gehen? Unternehmen Sie wichtige Dinge für sich, z.B. Arztbesuche, Krankengymnastik, Spaziergänge, Sport?

Wenn Sie wirklich akzeptiert haben, dass Ihr Mann sich nicht mehr ändern wird, könnten Sie sich auch überlegen, wie Sie Ihr Leben gestalten. Sie würden sich vielleicht auch weniger über Ihren Mann ärgern, sondern seine Grenzen sehen. Das heißt: Sie müssten sich überlegen, mit was für einer inneren Haltung Sie die verschmutzte Toilette reinigen, ihm hinterher räumen, seine Abwesenheit beim Essen sehen. Vielleicht wäre es hilfreich, ihn als einen Kranken zu betrachten, der nicht anders kann? Oder Sie versuchen bewusst, den Kontakt auf ein Minimum zu begrenzen, schließlich zeigt Ihr Mann auch kein Interesse an gemeinsamer Zeit.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich so mit der Situation auseinandersetzen können, dass Sie Ihren inneren Frieden und einen wohltuenden Abstand damit finden.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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