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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Mann ist ruppig und respektlos - ich schäme mich dafür

Zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist. So sagt es ein Sprichwort. Aber gilt das auch für den Partner? Natalies Mann ist zu ihr lieb und rücksichtsvoll - und entwickelt sich in Gesellschaft zum Ekel. Wie soll sie damit umgehen?

Respektloses Verhalten gegen über anderen kann auch in der Beziehung zu Problemen führen (Symbolbild)

Respektloses Verhalten gegen über anderen kann auch in der Beziehung zu Problemen führen (Symbolbild)

Getty Images

Hallo Frau Peirano, 

mein Mann und ich sind seit ca. 10 Jahren zusammen und seit etwa einem halben Jahr verheiratet. Unsere Beziehung ist von Beginn an von Höhen und Tiefen geprägt, allerdings haben wir uns immer wieder zusammengerauft und sind zusammen gewachsen. 

Nun zu dem Problem: Mein Mann fällt in Gesellschaft (meine Familie und Freunde) immer wieder negativ auf. Er ist ruppig, macht respektlose Bemerkungen und fordert und provoziert sein Gegenüber. 

Ein Beispiel: Mein Schwager bat ihn, im gemeinsamen Urlaub das Frühstück zu machen, da sagte er zu ihm: "Du bist doch hier die Bitch deiner Frau". Wir sind dann meist so perplex, dass wir nur ungläubig den Kopf schütteln können. 

Wenn ich ihn später darauf anspreche, erfordert es von mir hohe Überzeugungskraft, bis er ansatzweise Einsicht zeigt. Ändern tut sich allerdings nichts. Er sieht die "Schuld" eher bei den anderen, die ihn nicht angemessen genug behandeln oder in ihren Unzulänglichkeiten. Ich habe ihm auch schon häufig eine Therapie oder ein Coaching geraten, was er vehement ablehnt. Den Grund kann er mir nicht wirklich nennen. 

Mir ist das total peinlich und ich meide es, Freunde mit ihm zu treffen. Ich habe Sorge, dass Menschen sich abwenden könnten (was ich verstehen könnte)

Dazu kommt - ich bin im 3. Monat schwanger und plötzlich steigt die Panik in mir auf, ob er so ein Vorbild für unser Kind sein kann. Das hätte ich mir natürlich auch früher überlegen können, doch zu mir ist er anders und ich hoffe immer noch, dass er sich ändert. Ich ziehe allerdings auch sehr schnell Grenzen und kenne ihn mittlerweile so gut, dass ich weiß, wie man ihn "händelt". Das kann ich aber natürlich nicht von anderen erwarten. 

Ich hoffe, Sie können mir einen kleinen Rat geben, wie ich ihn davon überzeuge, dass er uns damit das Leben schwer macht. 

Viele herzliche Grüße 

Natalie W.


Liebe Natalie W.,

Zuerst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass ich Ihre Gefühle sehr gut verstehen kann. Sie schämen sich für Ihren Mann, wenn er anderen gegenüber verletzend oder unsensibel ist, weil Sie sich ihm zugehörig fühlen und befürchten, dass sein Verhalten auch negativ auf Sie zurück geführt werden könnte.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn ich im Restaurant sitze und die fremde Gruppe am Nebentisch sich laut streitet oder in anderer Weise daneben benimmt, kann ich das einfach beobachten und mich auch innerlich darüber amüsieren, weil ich nichts damit zu tun habe. Wenn sich aber an meinem Tisch Menschen streiten, empfinde ich Scham, denn ich glaube, dass andere über mich denken könnten: "Was kennt die für Leute?" oder "Sie hat ja eine wirklich peinliche Familie."

Eine Möglichkeit wäre es also, sich aus der Scham für Ihren Mann zu befreien, indem Sie sich in den Situationen deutlich von ihm distanzieren. Da Sie bereits wissen, dass Ihr Mann dazu neigt, ruppig und respektlos zu sein, könnten Sie das Verhalten schon im Vorfeld erwarten. (Ich erwarte zum Beispiel auch, dass meine Katze auf den Tisch springt und den Lachs klaut, wenn ich nicht aufpasse. Es wäre naiv, wenn ich glauben würde, dass sie es lässt).

Wenn Ihr Mann wieder so eine Bemerkung bringt, könnten Sie laut sagen, was Sie darüber denken. Zum Beispiel: "Das war ja ein richtiger Tritt in den Fettnapf" oder "Das war respektlos". Damit distanzieren Sie sich, und sein Verhalten fällt nicht auf Sie zurück, denn es ist offensichtlich, dass Sie eine ganz andere Ansicht haben. Aber entschuldigen Sie sich nicht für Ihren Mann! Wenn sich einer entschuldigen müsste, ist er es. Und es wird aus Ihrer Äußerung deutlich, dass Sie das auch so sehen.

Ich kann mir vorstellen, dass es für die Betroffenen auch deutlicher wird, wenn Sie sich klar von seinen Bemerkungen abgrenzen. Dann können Ihre Freunde und Verwandten vielleicht auch offener darüber sprechen, wenn Sie sich verletzt fühlen oder Ihnen ähnliche Dinge aufgefallen sind.

Ich befürchte, dass Sie nicht viel mehr tun können, wenn Sie in dieser Beziehung bleiben möchten. Ihr Mann hat bewiesen, dass ihm das Einfühlungsvermögen und der Respekt fehlen, und zudem wird deutlich, dass er nicht bereit ist, sein Verhalten zu ändern. Er weigert sich, Ihre Rückmeldung anzunehmen, indem er bestreitet, dass er sich unangemessen verhalten hat und es andauernd wiederholt.

Was Ihre Frage betrifft, inwieweit er ein negatives Vorbild für Ihr Kind werden könnte, bin ich noch unschlüssig, weil es die Zukunft betrifft. Ich denke, Sie werden erst sehen, wie Ihr Mann sich dem Kind gegenüber verhält, wenn es auf der Welt ist. Wahrscheinlich wäre es für Sie extrem schmerzhaft und nicht zu tolerieren, wenn Ihr Mann auch dem Kind gegenüber respektlos und verletzend ist.

Wenn Ihr Mann sich gegenüber dem Kind liebevoll verhält, aber andere Menschen wie gehabt kritisiert, kann es Sie in innere Konflikte bringen, denn Sie möchten nicht, dass Ihr Kind das nachahmt oder unter Schamgefühlen leidet. Immerhin können Sie  Ihrem Kind das vorleben, was Sie für richtig halten und mit ihm offen darüber sprechen, wie man sich respektvoll verhält. Das ist sehr hilfreich für Ihr Kind, denn dann hat es ein Modell für positives Verhalten.

Mehr können Sie nicht tun, wenn Sie mit Ihrem Mann zusammen bleiben wollen.

Ich kann mir vorstellen, dass es Sie sehr viel Kraft kosten wird, immer auf der Hut zu sein und gegen sein verletzendes Verhalten anzugehen. Vielleicht eskaliert Ihre Beziehung, wenn sich das Verhalten vor dem Kind oder gegenüber dem Kind zeigt. Vermutlich haben Sie dann weniger Toleranz. Und eventuell könnte er sich dann auf eine Paartherapie einlassen, wenn eine Trennung droht. Das ist in der Regel der einzige Weg, um Menschen ohne Einfühlungsvermögen zu einer Veränderung zu bringen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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