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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein neuer Freund ist toll - doch er blockt alle persönlichen Gespräche ab

Der emotionale Austausch im Gespräch ist für manche Menschen der Kern einer guten Beziehung - und für andere völlig unnötig. Auch Monicas neuer Freund will lieber gar nicht über Gefühle sprechen und zeigt sie lieber anders. Kann sie ihm das vorwerfen?

Nicht jeder will in seiner Beziehung über Persönliches sprechen

Nicht jeder will in seiner Beziehung über Persönliches sprechen

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich habe mich vor 15 Jahren nach der Geburt unseres dritten gemeinsamen Kindes von meinem Mann getrennt. Die Trennung war sehr schmerzhaft und auch die Zeit als alleinerziehende Mutter nicht einfach.  Doch war es die einzige Möglichkeit, meine Kinder und mich zu schützen. Ich habe in meiner Ehe körperliche und psychische Gewalt erlebt. Ich habe meinen Mann sehr geliebt und bin rückblickend betrachtet auch emotional von ihm abhängig gewesen. Die Liebe zu meinen Kindern hat mir die Kraft gegeben, mich zu trennen.

In den darauffolgenden Jahren wurde ich noch sehr lange Zeit von meinem Ex-Mann gestalkt und hatte große Mühe, meine Familie zu ernähren. Da war an eine neue Partnerschaft nicht zu denken.

Nun habe ich vor einem halben Jahr einen neuen Mann kennengelernt, der mein Traummann ist. Er ist sehr nett, attraktiv, kann kochen, hat einen guten Beruf und ein tolles Haus. Meine Kinder lieben ihn, sie haben in ihm eine Vaterfigur gefunden, die sie nie hatten und ich müsste eigentlich wunschlos glücklich sein, doch bin ich das leider nicht.

Meinem Partner fehlt die emotionale und geistige Tiefe. Er blockt Gespräche über Probleme ab und wenn ich das Bedürfnis habe, über meine Probleme zu sprechen, meint er, ich wäre kompliziert. Er ist keineswegs unintelligent, jedoch lehnt er jedes Gespräch über zwischenmenschliche Beziehungen oder Gefühle ab. Unsere Gespräche sind nett, kurz und oberflächlich. Manchmal reden wir den ganzen Tag nicht miteinander.

Er fühlt sich vollkommen wohl damit. Für mich sind tiefgründige Gespräche aber so wichtig wie die Luft zum Atmen. Ich fühle mich unverstanden und irgendwie auch ungeliebt. Er sagt ständig, wie sehr er mich liebt, überschüttet mich mit Geschenken, doch frage ich mich wie groß die Liebe sein kann, wenn er mich doch eigentlich gar nicht kennt. Er wünscht sich sehr, dass ich bei ihm einziehe, doch ich kann mir das nicht vorstellen. Ich empfinde eine Leere, wenn wir längere Zeit zusammen sind und habe mich schon gefragt, ob man wohl in einer solchen Beziehung verkümmern kann. Manchmal denke ich auch, dass ich ihn ja irgendwie nicht richtig ernst nehme, wenn ich mich seinem oberflächlichem Gespräch anpasse und eigentlich andere Dinge denke.

Ich habe schon alles Erdenkliche versucht, um das Problem zu lösen, doch es führt zu nichts.

Ich habe immer wieder versucht, mit ihm zu sprechen, habe uns ein Buch gekauft, mit dessen Hilfe man Gefühle des Partners verstehen kann usw.. Er kann noch nicht mal verstehen, wonach ich mich so sehr sehne.

Ich möchte ihn ja eigentlich auch gar nicht verändern, er ist toll wie er ist und alles zu verdrängen, ist seine Lebensstrategie, die mehr oder weniger gut für ihn funktioniert. Ich bin verzweifelt, weil es mir eigentlich so gut gehen müsste wie noch nie, aber ich mich nicht gut fühle.

Haben Sie einen Rat für mich wie unsere Beziehung irgendwie bestehen bleiben kann?

Herzlichen Dank,

Monica K.


Liebe Monica K.,

Zuerst einmal möchte ich Ihnen meine Anerkennung aussprechen! Sie haben viel geleistet, indem Sie drei Kinder alleine großgezogen haben und den Mut hatten, sich von einem gewalttätigen Mann zu trennen!

Das war bestimmt nicht einfach, das alles alleine zu bewältigen. Und dazu kommt, dass Sie nicht nur alleine waren, sondern auch noch Angriffe erlebt haben und Ihr Ex-Partner Ihnen das Leben noch schwerer gemacht hat.

Sehr gut kann ich verstehen, dass Sie sich jetzt nach einer Partnerschaft sehnen, mit einem Mann an der Seite, der Ihr Leben teilt. Und für Sie bedeutet das vor allem, sich in Gesprächen über Gefühle auszutauschen, die frühere Lebensgeschichte des Partners kennen zu lernen, sich gegenseitig zu beraten und zu unterstützen und sich durch Worte die Spiegelung zu geben: Ich höre dir zu, ich nehme dich wahr.

Ihr neuer Partner ist in diesem Punkt völlig anders unterwegs. Vielleicht hat er in seiner Ursprungsfamilie nicht gelernt, über sich und zwischenmenschliche Themen zu reden. Haben Sie seine Eltern und Geschwister schon kennen gelernt? Ich könnte mir vorstellen, dass das sehr aufschlussreich wäre.

Möglicherweise hat er in seiner Sozialisation die Erfahrung gemacht, dass es unmännlich ist, über Probleme und Gefühle zu sprechen. Vielleicht liegt es ihm mehr, Dinge zu machen, das Haus in Schuss zu halten, zu kochen, Sport zu treiben.

Er scheint auf jeden Fall jemand zu sein, der seine Gefühle in einer ganz anderen Sprache zeigt, als Sie sich das wünschen. Ich vermute mal, dass er viel für andere tut, ohne darüber große Worte zu verlieren. Sie und Ihre Kinder fühlen sich ja auf eine Art sehr wohl mit ihm: Haben Sie mal genau beobachtet, woran das liegt? Ist er besonders zärtlich oder hat er eine ruhige Ausstrahlung, zeigt er mit Gesten, dass er einen mag oder liebt?

Es ist jetzt vielleicht ein etwas holpriger Vergleich, aber ich bemühe dieses Bild trotzdem: Oft ist in Familien ja die Katze oder der Hund das beliebteste Familienmitglied. Die Eltern mühen sich ab, verdienen Geld, erziehen ihre Kinder und reden mit ihnen, kochen Essen und halten das Haus in Ordnung. Aber trotzdem bekommt die Katze (oder der Hund) viel mehr Streicheleinheiten und liebevolle Aufmerksamkeit. Obwohl sie nicht redet, kein Lieblingsessen kocht und kein Geld verdient.

Wahrscheinlich liegt das einfach an ihrer Präsenz: Sie sind da, freuen sich, wenn sie einen sehen, sie haben immer Zeit und man kann ihnen körperlich nahe kommen. Die körperliche Nähe ist ja ein sehr tiefer und direkter Zugang.

Ich kann jedoch trotzdem verstehen, dass Sie sich damit nicht zufrieden geben und die Tiefe und den Austausch vermissen. Für Sie gehört beides zur Intimität dazu. Ich befürchte jedoch, dass Ihr Partner sich genau so wenig ändern wird, wie Sie sich ändern werden. Er hätte in den sechs Monaten, in denen Sie zusammen sind, bereits begonnen, über sich zu reden, wenn das für ihn wichtig wäre. Ich bemerke in Therapien (und hier sprechen wir von einer Stunde die Woche), dass Menschen, die noch nie über sich geredet haben, aber endlich den Raum dafür bekommen, ganz schnell aufmachen. Wenn sie wollen und können. Bei anderen kommt man allerdings nie oder nur in klitzekleinen Schritten dahin, dann liegt die Ursache woanders.

Ihr Freund blockt jedoch nach wie vor Gespräche mit Ihnen ab und zeigt damit deutlich, dass er sich auf dieses Gebiet nicht begeben will.

Sie fragen sich, warum das so ist. Auch mir erscheinen die Erklärungsansätze, die ich oben geschildert habe, etwas dürftig. Aber fest steht, dass es viele Menschen - überwiegend Männer - gibt, die wenig über sich selbst und Beziehungen sprechen.

Sehr ausgeprägt ist dieses Verhaltensmuster bei Menschen mit Asperger-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine Störung aus dem autistischen Formenkreis, bei denen die Betroffenen nicht in der Lage sind, die Gefühle ihres Gegenübers zu erkennen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen oder Kontakte zu knüpfen.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass diese Schilderung auf Ihren Partner zutreffen könnte, könnten Sie sich ja zuerst in die Thematik einlesen, um festzustellen, ob das zutreffen könnte.

Ein Buch trägt den Titel: "Allein zu zweit. Mein Mann, das Asperger-Syndrom und ich" (von Katrin Bentley) und scheint Ihre Probleme treffend zu bezeichnen. Ein anderes heißt: "Geliebter Fremder." Wie Frauen ihren Asperger-Mann lieben und verstehen (von Eva Daniels).

Auch wenn Ihr Partner nicht am Asperger-Syndrom leidet, ist die Auseinandersetzung mit der Thematik “Schweigender Mann” bestimmt hilfreich. Je mehr Sie wissen, desto besser können Sie entscheiden, ob Sie sich ohne emotionalen Austausch in einer Beziehung aufgehoben fühlen.

Interessant wäre es auch, wenn Sie Ihre eigenen Anteile anschauen. In ihrer Ehe waren Sie allein und hatten eher einen Gegner als einen Partner. In Ihrer jetzigen Beziehung sind Sie wieder allein. Vielleicht würde auch eine Therapie helfen, nach Ursachen zu suchen, warum Sie letztendlich Männer suchen, die nicht an Ihrer Seite sind und bei denen Sie Gefühle der Einsamkeit empfinden und möglicherweise damit Kindheitserlebnisse wiederholen.

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Entdeckungsreise und einen wachen Blick in alle Richtungen!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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