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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Der Vater meiner Tochter ist der Mann meiner Schwester – und bald kommt alles heraus

Die Folgen von Astrids Seitensprung holen sie nun Jahre später ein (Symbolbild)
Die Folgen von Astrids Seitensprung holen sie nun Jahre später ein (Symbolbild)

© Charday Penn / Getty Images
Als wäre für Astrid die Trennung von ihrem Mann nicht genug, verlangt der auch noch einen Vaterschaftstest für ihre jüngste Tochter. Das Problem: Sie hatte tatsächlich vor der Geburt eine Affäre. Mit ihrem Schwager. Kann sie den völligen Kollaps ihrer Familie noch aufhalten?

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich bin in einer der tiefsten Krisen meines Lebens und weiß nicht mehr weiter. Mein Mann hat gerade im Zuge der Trennung einen Vaterschaftstest für meine jüngere Tochter Miriam (16) angefordert. Sollte eigentlich kein Problem sein. Doch ich habe viele Jahre verdrängt, dass ich einen großen und unverzeihlichen Fehler gemacht habe. 

Vor knapp 17 Jahren kriselte es zwischen meinem Mann und mir, er war häufig auf Geschäftsreisen und ich fühlte mich sehr alleine gelassen mit meiner großen Tochter (damals zwei Jahre alt).

Der Einzige, der Verständnis für mich hatte und bei dem ich eine starke Schulter fand, war mein Schwager. Es kriselte auch zwischen ihm und meiner Schwester, und sie kümmerte sich mehr um ihre Karriere als ihre Familie. Es fällt mir sehr schwer, darüber zu sprechen, aber dank der Anonymität in Ihrem Blog fasse ich mich ein Herz. Es gab damals eine Nacht, in der wir gemeinsam auf die Kinder aufpassten und etwas zu viel getrunken haben. Eins ergab das andere und wir landeten im Bett. 

Ich habe mich danach sehr dafür geschämt und bin zu ihm auf Distanz gegangen. Wir haben nie darüber gesprochen, und so war die Geschichte - so dumm es klingt - wie nie passiert. Kurz darauf wurde ich schwanger, aber ich habe es verdrängt, dass das Kind von ihm sein könnte und habe mich sehr bemüht, mich meinem Mann wieder anzunähern.

Dann wurde meine jüngere Tochter geboren und ich hatte natürlich meine Zweifel, sagte mir aber immer wieder, dass es schon gut gegangen sein würde. Wer wird schon von einem Mal Sex gleich schwanger?

Aber jetzt habe ich einen heimlichen Vaterschaftstest gemacht. Mein Schwager ist der Vater. Das Unheil wird in wenigen Wochen über mich herein brechen, wenn ich das Thema nicht mehr aufschieben kann und das offizielle Testergebnis vorliegt. Dann verliere ich auf einen Schlag das Vertrauen meiner Tochter (oder beider Töchter?), meines Mannes, meiner Schwester und meiner Eltern. Ich schäme mich so entsetzlich für das, was ich getan habe.

Was kann ich tun, um die Beziehung zu meiner Tochter zu retten?

Viele Grüße und DANKE!

Astrid G.

Liebe Astrid G.,

ich kann gut nachfühlen, dass Sie nicht mehr wissen, wo Ihnen der Kopf steht und dass Sie am liebsten im Boden versinken würden. Es ist völlig verständlich, dass Sie große Angst vor den Konsequenzen haben, die auf Sie zukommen, wenn ans Licht kommt, dass Ihr Schwager Miriams leiblicher Vater ist.

Gerade weil es in unserer Gesellschaft so unentschuldbar ist, mit dem Mann seiner Schwester ins Bett zu gehen und außerdem den eigenen Mann zu betrügen, haben Sie als "logische Konsequenz" gleich einen weiteren Fehltritt gemacht oder anscheinend machen müssen: Sie haben es verheimlicht und konsequent geschwiegen. Das macht die Sache jetzt leider nicht besser, sondern eher schlimmer. Menschen und vor allem Kinder können mit den merkwürdigsten Tatsachen umgehen, solange es ihnen früh und ehrlich gesagt wird.

Doch es ist geschehen und Sie können die Vergangenheit nicht ändern. Wichtig wäre jetzt, dass Sie den betroffenen Personen ganz offen sagen und zeigen, wie leid es Ihnen tut, was Sie getan haben und wie sehr Sie sich dafür schämen. Am Besten wäre es, wenn Sie Ihrer Tochter gleich ein offenes Gespräch anbieten und ihr alle Fragen, die sie hat, bereitwillig beantworten. Denn Ihrer Tochter wird durch die Erkenntnis, dass ihr Vater nicht ihr genetischer Vater ist, wahrscheinlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

Warum hat er eigentlich den Vaterschaftstest beantragt? Will er nur Klarheit haben, oder möchte er sich auch nicht mehr um Miriam kümmern, wenn er nicht der leibliche Vater ist? Das könnte bei Miriam noch zu einer weiteren großen Verletzung führen: Sie verliert möglicherweise den Mann, den sie bisher für Ihren Vater gehalten hat.  Zudem bekommt sie einen neuen leiblichen Vater, den sie schon gut kennt. Aber die Aufdeckung ihrer Herkunft wird höchstwahrscheinlich in der Familie Ihrer Schwester und Ihres Schwagers sehr große Unruhe und extremer Unfrieden erzeugen. Ist Ihre Schwester eigentlich noch mit dem Mann zusammen oder gab es dort auch eine Trennung? Und droht eine Trennung, wenn alles ans Licht kommt?

So schlimm die Geschichte auch ist, kann ich Ihnen nur raten, die Flucht nach vorn zu ergreifen. Das heißt: Versetzen Sie sich in Miriams Lage und versuchen Sie, herauszufinden, wie Sie ihr helfen können. 

Dazu gehört es, gesprächsbereit zu sein und zu erklären, wie es zu der Situation damals gekommen ist und wie Sie sich gefühlt haben.

Und natürlich auch zu betonen, dass Ihre Tochter in dieser Form nicht auf der Welt wäre, wenn es diese Nacht damals nicht gegeben hätte. Das klingt etwas schräg, aber ist für Kinder wichtig zu hören und entspricht ja auch den Tatsachen.

Versuchen Sie, zwischen Miriam und Ihrem Mann zu vermitteln und für sie ein offenes Ohr zu haben, falls Ihr Mann sich von ihr abwendet. Das liegt dann definitiv in seiner Verantwortung, nicht in Ihrer. Viele Stiefväter halten den Kontakt zu ihren Stiefkindern auch nach der Trennung, weil sie ihnen ans Herz gewachsen sind. Wenn Ihr Mann sich nur noch um seine ältere Tochter kümmert, obwohl er Miriam aufgezogen hat, wird auch vorher die Beziehung zwischen beiden angeknackst gewesen sein.

Wenn Sie die Wut Ihrer Schwester zu spüren bekommen, hilft es, Verständnis zu haben und offen zu sein. Allerdings ist es wichtig, dass Sie sich nicht die alleinige Schuld geben. Ihr Schwager hat ebenfalls seinen Anteil daran.

Und der wichtigste Punkt: Arbeiten Sie daran, sich selbst zu verzeihen. Jeder Mensch macht Fehler. Manche Fehler werden entdeckt, andere nicht. Es gehört auch eine Portion Pech dazu, nach einer Nacht gleich schwanger zu werden! Miriam hat nichts davon, wenn Sie sich selbst anklagen und vor lauter Schuldgefühlen nicht offen für ihre Gefühle sind. Sie ist die Einzige, die letztlich sagen kann, wie schlimm sie die Situation empfindet. Und Sie schulden es ihr, die Geschichte ihrer Herkunft so ehrlich aufzudecken, wie sie es gerade hören will und kann. Eine Familientherapeutin könnte hier bestimmt auch unterstützen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie nach dem Tsunami, der bestimmt bald auf Sie zukommt, bald wieder zusammen auf die Beine kommen und eine neue Ehrlichkeit entwickeln.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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