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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Vater ist ein verletzender Egoist – wie kann ich ihm die Stirn bieten?

Kinder fühlen sich von ihren Eltern oft nicht ernst genommen – auch nicht, wenn sie selbst schon erwachsen sind (Symbolbild)
Kinder fühlen sich von ihren Eltern oft nicht ernst genommen – auch nicht, wenn sie selbst schon erwachsen sind (Symbolbild)
© Getty Images
Für Sonja war die Beziehung zu ihrem Vater immer schwierig. Jetzt sucht er den Kontakt – nachdem er ihre Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Wie soll sie damit umgehen?

Liebe Frau Peirano,

mein Name ist Sonja und ich bin 28 Jahre alt. Ich schreibe Ihnen, weil ich in Hinblick auf meinen Vater nicht mehr weiter weiß. Die Beziehung zu meinem Vater war nie wirklich eng. Er hat viel gearbeitet und wollte auch nach Feierabend seine Ruhe vor den Kindern haben. Konflikte wurden nie ausdiskutiert. Er war der Chef und sein Machtwort durfte alles lösen.

Zusammen mit meiner Mutter verbrachte er die Wochenenden immer bei den besten Freunden.

Ich hatte das Gefühl, dass meinen Eltern ihre Freunde wichtiger waren als ihre Kinder. Ein wirkliches Familienleben gab es nicht. Wenn es Probleme gab, wurden die Freunde mit einbezogen. Ich habe mich damit nie wohlgefühlt.

Vor ein paar Jahren bin ich in ein anderes Bundesland weiter weggezogen, auch um Abstand von meiner Familie zu bekommen. Ab und zu habe ich sie besucht, manchmal lief es gut, manchmal habe ich es bereut. Es mag so ablehnend klingen, was ich bereits über meinen Vater geschrieben habe, aber er konnte auch ziemlich cool sein und diese Seite vermisse ich auch heute noch. Manchmal kommt sie immer noch zum Vorschein.

Man weiß aber nie, wann seine Stimmung in Aggression oder Ablehnung umschlägt.

Im Laufe des letzten Jahres hat sich die Familiensituation erheblich verändert. Zusätzlich zu der eh schon angespannten Lage durch Corona ist der beste Freund meiner Eltern an Krebs verstorben.

Darüber konnten mein Vater und auch meine Mutter kaum sprechen. Sie haben ihrer Freundin, der Witwe, natürlich bei allem geholfen. Diese Frau hat aber schon immer eine eher toxische Beziehung zu meiner Mutter geführt. So eine richtige Freundin war sie eigentlich nie. Sie war auch immer sehr ablehnend mir gegenüber. Ich konnte und kann sie nicht leiden. Mein Vater wusste das alles.

Jetzt kam raus, dass mein Vater und die besagte Freundin schon länger eine Affäre hatten. Mein Vater ist von heute auf morgen bei meiner Mutter ausgezogen (nach 30 Jahren Ehe) und bei der Freundin eingezogen (eine Straße weiter). Meine Mutter ist am Boden zerstört. Meine Mutter wohnt bis auf weiteres im ehemals gemeinsamen Haus, in dem auch die Eltern meines Vaters wohnen. Dadurch sieht sie meinen Vater manchmal. Er scheint anders gekleidet zu sein, redet wohl anders und ist scheinbar eine völlig neue Person.

Jedenfalls wurde mir das so von meiner Mutter gesagt. Ich habe meine Eltern seit all dem nicht mehr gesehen (Corona) und bekomme die Infos nur über Telefon. Das macht es mir zusätzlich schwer, das Ganze anzunehmen und zu verarbeiten.

Mein Vater möchte unbedingt den Kontakt zu mir aufrechterhalten, obwohl er sich früher auch kaum bemüht hat. Er versucht manchmal, bei mir anzurufen und dann empfinde ich nur Panik und gehe nicht dran. Mir fällt es schwer ihm zu sagen, wie ich das Ganze empfinde, was passiert ist, da ich ja auch selbst nicht mal weiß, wie ich damit umgehen soll. Außerdem habe ich Angst, ihm die Meinung zu sagen, da er so autoritär ist und ich mich das nie getraut habe und weil ich auch Angst habe, dass er sich früher oder später etwas antut. Ich schätze seine psychische Situation als nicht sehr stabil ein.

Für eine Therapie ist er aber zu stolz.

Ich habe das Gefühl, dass ich ihm früher oder später meine Meinung sagen muss. Ich weiß nur noch nicht wie...

Vielleicht haben sie einen Rat für mich?

Ich weiß, die Geschichte hört sich an wie aus einer schlechten Soap. Ich wünschte, es wäre eine.

Liebe Grüße

Sonja C.

Liebe Sonja C.,

ich kann gut verstehen, dass Sie sich vom Verhalten Ihres Vaters verletzt und nicht ernst genommen fühlen! Es hört sich so an, als habe er seine eigenen Interessen immer an die erste Stelle gesetzt und sich nicht davon abhalten lassen, dass er seine engsten Verwandten kränkt. Er hat Ihnen als Kind und auch als erwachsener Frau damit geschadet, dass er Sie nicht in den Mittelpunkt gestellt hat (wie Kinder es brauchen) und er sich für Ihre Meinung nicht interessiert hat.

Das Gleiche wiederholt sich jetzt mit Ihrer Mutter: Hier handelt er äußerst rücksichtslos, indem er eine Affäre mit einer anderen Frau hatte und Ihre Mutter nach 30 Jahren Beziehung verlässt. Zumal diese Frau auch noch eine enge Freundin Ihrer Mutter war. Ihrer beider Vertrauensverlust muss unermesslich sein. 

Viele Therapeut*innen scheuen sich sehr davor, Ferndiagnosen zu stellen oder anzudeuten. Ich kann die Beweggründe dafür verstehen, aber ich habe oft miterlebt, dass Angehörige nicht verstehen konnten, warum Ihr Vater, Ihre Mutter, Ihr*e Partner*in sich so merkwürdig verhält. Wenn ich dann mit den Betroffenen eine Verdachtsdiagnose erwähnt und meine Patient*innen ermutigt habe, sich über diese Diagnose zu informieren und selbst zu sehen, ob sie diese für zutreffend halten, hat das in der Regel sehr geholfen. Man konnte verstehen, dass man sich das problematische Verhalten des Angehörigen nicht nur eingebildet hat, sondern dass es vielen anderen auch so geht. Und dass man nicht Schuld am Verhalten ist. Die Störung bekommt plötzlich einen Namen. Das heißt, es gab auch eine Ursache für die Entstehung der Störung beim Angehörigen, Kriterien, an denen sich die Störung zeigt, und typische psychische Beeinträchtigungen bei den Angehörigen.

Aufgrund meiner guten Erfahrungen mit der Offenlegung von psychischen Erkrankungen äußere ich meine Verdachtsdiagnose, die Ihren Vater betrifft: Ich vermute, dass er eine narzisstische Störung haben könnte.

Deshalb schlage ich Ihnen vor, dass Sie sich erst einmal ergebnisoffen in die Symptome und Verhaltensweisen von narzisstischen Vätern (die sich anders verhalten als narzisstische Mütter) einlesen und dann selbst entscheiden, was auf Ihren Vater zutrifft.

Väter und Mütter betroffen: Wenn Eltern ihre Kinder nicht sehen dürfen

Ich empfehle Ihnen das Buch: "Der narzisstische Vater: Beschreibung der Eigenschaften und Verhaltensweisen eines narzisstischen Vaters und wie Sie sich aus der emotionalen Verstrickung befreien können" von Sven Grüttefien.

Sie können sich parallel im Internet informieren, z.B: auf der Seite "narzissmus-verstehen.de"

Sie schreiben leider nichts über Ihre Geschwister. Haben Sie einen guten Kontakt zu den Geschwistern oder sind Sie untereinander zerstritten (was leider oft ein Symptom von Familien mit einem narzisstischen Elternteil ist)? Können Sie mit einer Schwester oder einem Bruder über Ihre Kindheitserfahrungen sprechen? Wenn es ginge, wäre das eine große Hilfe für Sie!

Wichtig ist, dass Sie den Zeitdruck aus der Situation herausnehmen, vor allem für sich selbst. Lesen Sie doch erst einmal ganz in Ruhe, ob Sie Ihren Vater in den Beschreibungen wiederfinden. Wenn das zutrifft, würde ich eine Therapie empfehlen bei einer*m Psychotherapeut*in mit Erfahrungen auf dem Gebiet "Opfer von Narzissmus".

Es wäre sehr wichtig, dass Sie zuerst Ihre eigenen psychischen Wunden erkennen und verarzten. Während der Therapie ist es oft sehr verwirrend und schwierig, Kontakt zu dem Menschen zu haben, der einem diese Wunden zugefügt hat. Denn man befindet sich gerade in einer Phase, die von Trauer und Wut geprägt ist. Und bei der Aufarbeitung der eigenen Kindheit ist man dann in der Vergangenheit verhaftet: Man ist z.B. sechs Jahre alt und trauert darum, dass der eigene Vater nicht zur Einschulung gekommen ist. Eigentlich müsste man während dieses Heilungsprozesses eine Art Abzäunung um seine Seele errichten, gerade vor dem Vater. Wenn der dann aber anruft und man plötzlich nicht mehr in der Vergangenheit und den passenden Gefühlen ist, sondern wieder 28 und den jetzigen Vater (auch wütend/ verletzend oder vielleicht auch mal hilfsbedürftig oder cool oder schwankend) vor sich hat, ist das überfordernd und verwirrend.

Meine Einschätzung und mein Rat ist, dass Sie erst mal Hilfe brauchen, und das kann Monate oder auch Jahre dauern, bis Sie in der Lage sind, Ihrem Vater wieder zu begegnen.

Ich hoffe, dass Ihnen meine Einschätzung hilft!

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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