HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Frau quatscht ohne Punkt und Komma - dabei will ich nur Ruhe

Auch wenn man seinen Partner liebt, will man manchmal einfach Ruhe haben. Auch Manuel geht das so. Doch seine Frau erzählt die ganze Zeit. Wie kann man die Beziehung retten?

Manchmal will man einfach mal seine Ruhe haben - auch in der Beziehung (Symbolbild)

Manchmal will man einfach mal seine Ruhe haben - auch in der Beziehung (Symbolbild)

Getty Images

Hallo Frau Peirano,

Gegen die hier oft geschilderten Probleme habe ich wohl eher ein alltägliches Problem. Meine Frau redet viel zu viel. Sie breitet auch die belanglosesten Dinge aus (wen sie im Supermarkt getroffen hat, wie es dem Vater ihrer Freundin geht, was die neue Sporttrainerin gesagt hat usw usf).  Ich habe eine anstrengende Arbeit und muss viele Gespräche führen, und wenn ich nach Hause komme, will ich oft nur noch Ruhe. Aber mit meiner Frau ist das unmöglich. Sie will reden, reden, reden. Ich tue oft so, als wenn ich zuhöre, aber ehrlich gesagt wäre mir Stille lieber.

Am Wochenende beim Spazierengehen, bei Besorgungen, beim Essengehen geht es dann genau so weiter. Sie - entschuldigen Sie bitte den Ausdruck - quatscht in einem fort. Ihre Familie ist noch schlimmer. Manchmal platzt mir der Kragen und dann sage ich, ob sie nicht einmal den Mund halten kann. Sie ist dann sehr beleidigt. Aber es hilft nichts. Es geht dann gleich wieder los.

Was im Bett los ist, können Sie sich sicher vorstellen… Bei dem vielen Gerede vergeht mir die Lust.

Wie kann ich ihr klarmachen, dass ich einfach Ruhe haben will?

Viele Grüße, Manuel B.

Lieber Manuel B.,

Sie machen deutlich, dass Ihnen Redeschwall Ihrer Frau auf die Nerven geht. Das kann ich auch gut verstehen. Man sagt immer: Zum Tango braucht man zwei. Aber zu einem Gespräch - oder Dialog (worin das Wort "zwei" ja auch enthalten ist) braucht man eben auch zwei. Sonst ist es ein Monolog, und der ist für den Zuhörer oft ermüdend und anstrengend.

Was müsste passieren, damit die Gespräche mit Ihrer Frau wieder angenehm für Sie sind?

  1. Es müsste Absprachen darüber geben, WANN beide reden möchten. Und genau so müsste es auch möglich sein, Zeiten der Stille zu vereinbaren. Schließlich bestimmen Sie beide die Spielregeln.
  2. Derjenige, der erzählt, müsste wissen, wie interessant das aktuelle Thema gerade für den anderen ist und uninteressante Themen entweder ganz aussparen oder möglichst kurz fassen
  3. Beide Gesprächspartner kommen zu Wort. Die fixe Einteilung von einem Dauerredner und einem Dauerzuhörer (oder auch insgeheim auch "Weghörer" wird zugunsten eines ausgewogenen Verhältnisses verändert

Können Sie sich vorstellen, mit Ihrer Frau mal ein Grundsatzgespräch zu führen und ihr zu erzählen, wie es Ihnen geht und was Sie sich wünschen? Wenn Sie diesen Blog häufiger lesen, kennen Sie ja sicher auch die charmante VW-Regel: V wie Vorwürfe (oder Kritik) werden in W wie Wünsche umformuliert. Aus dem schwer verdaulichen "Kannst du endlich mal deinen Mund halten, du nervst" wird: "Kann ich dich mal unterbrechen? Ich habe den ganzen Tag bei der Arbeit geredet und mir ist jetzt nur noch nach Ruhe. Sei mir nicht böse, aber wenn es sehr wichtig ist, können wir nachher beim Abendessen kurz über dein Thema reden. Sonst wäre für mich ein Fernsehabend perfekt."

Ich kenne ein Paar, die scherzhaft den Satz verwenden: "Wollen wir heute einen finnischen Abend machen?" Hoffentlich sind die Finnen jetzt nicht beleidigt, aber dieses Paar hat die Vorstellung, dass die Finnen ein sehr wortkarges Volk sind, die stundenlang schweigen können. Durch das geflügelte Wort "finnischer Abend" bekommt die Aufforderung zum Schweigen etwas Spielerisches und nimmt die mögliche Verletzung "ich will mit Dir nicht reden" gleich heraus.

Allerdings ist der entscheidende Unterschied bei dem eben genannten Paar, dass beide ungefähr das gleiche Redebedürfnis haben. Jeder von beiden kennt Momente, in denen er gerne reden möchte - und Momente, in denen er mehr oder weniger dringend schweigen möchte. So kann sich jeder besser in den anderen einfühlen, wenn der Ruhe möchte.  Die beiden gehen sogar auf schweigende Spaziergänge und vereinbaren, für 2 Stunden oder mehr kein Wort zu sagen. Dadurch können beide die Natur intensiver wahrnehmen und durch Berührungen oder ein Lächeln auch die Nähe des anderen tiefer empfinden, als wenn sie dauernd über Alltagsthemen reden würde. Viele Menschen verwechseln Gespräche mit Nähe und fühlen sich abgelehnt, wenn nicht geredet wird. Dabei kann auch das Gegenteil der Fall sein.

Wer an diesem Punkt Interesse an mehr Stille im Alltag verspürt, kann sich den berührenden Film "Walk with me" mit  Thich Nhat Hanh ansehen - er macht Lust auf mehr Stille.

Ich habe den Eindruck, dass Ihre Frau Angst oder zumindest Unbehagen verspürt, wenn Sie beide nicht reden. Es wird etwas dauern, ihr immer wieder zu erklären oder besser, sie spüren zu lassen, dass es sehr angenehm sein kann, zu schweigen. Zum Beispiel, wenn Sie auf dem Sofa sitzen, sich berühren und einen Film angucken. Oder wenn Sie im Bett liegen und präsent füreinander sind, sich streicheln oder Sex haben.

Ich denke, dass zu diesem Umlernen auch gehört, dass Sie klar (aber freundlich) rückmelden, wenn ein Gesprächsinhalt Sie nicht interessiert. Zum Beispiel: Ich kenne deine Sporttrainerin nicht und ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für ihr Privatleben. Lass uns lieber darüber reden, was wir am Wochenende machen wollen.

Gut wäre es auch, wenn sie Ihrer Frau deutlich anzeigen, wenn ein Thema Sie interessiert. Zum Beispiel indem Sie nachfragen, von sich aus das Thema anschneiden oder ihr auch direkt sagen: "Das ist schön, dass wir darüber geredet haben." Denn es kann sein, dass Ihre Frau deswegen so viel redet, weil ihr die Stille unheimlich ist und sie gar nicht spürt, was Sie interessant finden und was nicht. Deshalb hat sie Ihnen bislang das erzählt, was sie selbst beschäftigt hat, ohne darauf zu achten, wie es bei Ihnen ankam.

Ich halte es für wichtig, dass Sie Ihre Gefühle und Ihre Körpersprache direkt übersetzen, so dass Ihre Frau eindeutig verstehen kann, wie Sie sich fühlen. Dazu gehört auch, dass Sie selbst die Themen steuern und etwas von sich erzählen oder mal eine nette Gesprächsatmosphäre schaffen (z.B. einen Tee oder ein Glas Wein holen, Ihre Frau aufmunternd ansehen oder gezielt nachfragen.). Und gleichzeitig deutlich signalisieren, wann Sie nicht reden wollen, z.B. "Du, ich stehe hier doch schon in meinen Laufklamotten und will los. Lass uns später reden."

Ich hoffe, dass Ihre Kommunikation dann wieder zu einem Dialog wird, der beiden Spaß bringt.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity