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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Freundin hatte schmutzigen Sex mit einem anderen - und ich habe es erlaubt

Wenn der Partner Sex mit anderen hat, kann das selbst in offenen Beziehungen für Probleme sorgen (Symbolbild)
Wenn der Partner Sex mit anderen hat, kann das selbst in offenen Beziehungen für Probleme sorgen (Symbolbild)
© ShaneKato / Getty Images
Tobias hatte mit seiner Freundin eine offene Beziehung vereinbart - und dabei mehr an sich selbst gedacht. Nun hat sie die Erlaubnis genutzt. Und er kann nicht glauben, wie weit sie dabei zu gehen bereit war.

Liebe Frau Peirano,

meine Freundin (23) und ich (24) haben eine sehr gute Beziehung und wir reden über alles. Als wir 2018 zusammen kamen, konnte ich mir nicht unbedingt vorstellen, treu zu bleiben. Wir haben dann vereinbart, dass es kein Drama ist, wenn einer von uns mal einen One-Night-Stand hat und dass man es dann aber erzählen soll.

Ich dachte immer, ich wäre derjenige, dem es passiert. Vor zwei Wochen rief ich meine Freundin an, als sie auf einer Party war. Sie war schon angetrunken und verhielt sich merkwürdig. Ich hatte ein komisches Gefühl, aber dann riss die Verbindung ab.

Am nächsten Tag erzählte sie mir, dass sie mit einem Typ, den sie auf der Party kennen gelernt hatte, an den Fluss gegangen ist, um sich zu unterhalten, und dass dann eines zum anderen kam. Küssen, anfassen, Sex und sogar Analsex. Sie erzählte das in einer ganz merkwürdigen Stimmung, so als wenn ich sie eigentlich bemitleiden müsste, weil ihr das passiert ist. Aber ich finde das einfach nur eklig und kann sie nicht trösten! Oder müsste ich?

Und obwohl wir abgemacht haben, dass es nicht schlimm ist, wenn einer einen One-Night-Stand hat, fühlt es sich jetzt furchtbar an und ich habe es bisher vermieden, wieder mit ihr intim zu werden. Das Ganze ist übrigens ohne Verhütung passiert, das kommt noch dazu. Sie wirft mir vor, dass ich kein Verständnis für sie habe und dass es für sie auch nicht gut war, was passiert ist.

Was soll ich machen?

Viele Grüße und danke,

Tobias Z.

Lieber Tobias Z.,

Mich beschleicht der Eindruck, dass Sie sich mit der One-Night-Stand- Vereinbarung ein Eigentor geschossen haben. Sie dachten vorher vielleicht, es wäre okay für sie, wenn das passiert, aber jetzt merken Sie, dass es alles andere als okay war. Sie ekeln sich vor der Vorstellung, was Ihre Freundin mit dem anderen Mann gemacht hat, und Sie fühlen sich sehr unwohl.

Ich kann das gut verstehen! Viele Menschen, vielleicht sogar die meisten, haben ähnliche Gefühle, wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin mit anderen Menschen schläft. Man selbst würde zwar gerne vielleicht ab und zu mal mit anderen Partnern Sex haben, aber weil der Partner oder die Partnerin das eklig fände, kommen die meisten zu Kompromissen. Der eine Kompromiss heißt "Treue", der andere heißt: "Ich gehe zwar fremd, aber ich erzähle es nicht".

Sie hingegen haben die volle Breitseite abbekommen, indem Ihre Freundin mit einem anderen Sex hatte und es Ihnen sogar erzählen darf (laut Abmachung). Das Ganze kam offensichtlich sehr überraschend für Sie! Sie konnten nicht ahnen, dass Ihre Freundin auf dieser Party gleich mit einem anderen Mann schläft - und Sie haben nicht vorher gesehen, dass es Sie so verletzen würde. 

Schlechte Erfahrungen sind dazu da, dass man aus Ihnen lernt, und ich kann mir vorstellen, dass diese Erfahrung Ihnen aufzeigt, dass die Vereinbarung, die Sie mit Ihrer Freundin getroffen haben, nicht für Sie passt. Sie hatten dabei zwar vernünftige Gedanken (es ist kein Drama, wenn mal was passiert, und das ist besser als Lügen zu müssen), aber die Realität hat Ihnen gezeigt, dass es es für Sie eben doch ein Drama ist.

Ich würde Ihnen empfehlen, die Vereinbarung zu verändern und das zu tun, was viele polyamouröse Paare machen: Man darf mit anderen schlafen, aber nur wenn man vorher mit dem Partner gesprochen hat und er seinen Segen gibt. Damit würden Sie sich böse Überraschungen wie diese ersparen. Und jeder könnte sein Veto einlegen, warum auch immer ("Nicht mit Sonja, die ist manipulativ" Oder: "Auf keinen Fall mit Nico, den kennst du von der Arbeit."). Und es kann auch sein, dass keiner von Ihnen jemals das Bedürfnis hat, mit anderen zu schlafen. Manchmal reicht es, dass die Möglichkeit da wäre, wenn man wollte.

Die größte Frage ist, wie Sie sich Ihrer Freundin wieder annähern können. Ich würde Ehrlichkeit und Offenheit vorschlagen, denn das war es ja, was Sie beide ursprünglich wollten. 

Wie wäre es, wenn Sie Ihr sagen, dass Sie es schwer finden, Mitgefühl aufzubringen, weil Sie mit Ihren eigenen Gefühlen zu kämpfen haben? Und weil Sie vielleicht auch finden, dass Ihre Freundin einen großen Anteil an dem trägt, was ihr passiert ist? Allein und betrunken mit einem Mann an den Fluss zu gehen ist ein Risiko. Ihre Freundin hat sich der Gefahr ausgesetzt und hat möglicherweise Dinge mitgemacht, die Sie nicht wollte. Und Sie hat definitiv ungeschützten Sex mit einem fremden Mann gehabt. Es ist nötig, dass Sie sich auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten untersuchen lässt.

Es wäre für Ihre Beziehung wichtig zu wissen, warum es zu der Situation gekommen ist - ob etwas zwischen Ihnen in letzter Zeit nicht so gestimmt hat (zum Beispiel zu wenig Sex, zu wenig Zeit miteinander verbracht). Was nicht förderlich wäre, wären Einzelheiten über die Nacht und den Sex mit dem anderen. Das würde wahrscheinlich Bilder in Ihrem Kopf entstehen lassen, die Sie nicht wieder loswerden.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass Sie wieder zueinander finden.

Viele Grüße, Julia Peirano


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