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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Schwägerin ist eiskalt zu ihrem Baby - soll ich mich einmischen?

Kinder brauchen von ihren Eltern vieles - aber vor allem Liebe. Was, wenn sie nur alles andere bekommen? Bei Marinas Nichte ist genau das der Fall. Was kann sie unternehmen?

Liebe Frau Peirano,

Ich habe ein großes Problem, das aber nicht mich selbst betrifft, sondern meinen Bruder und seine Frau. Meine Schwägerin hat vor fünf Monaten ein Baby gekriegt und ist sehr kalt und lieblos mit ihrer Tochter. Sie redet nicht mit ihr, nimmt sie nur auf den Arm, wenn sie gewickelt oder gefüttert werden muss und sagt nie ihren Namen oder Kosenamen. Sie sagt: "das Baby".

Meine Schwägerin ist schon immer eine Karrierefrau gewesen. Sehr attraktiv, ständig die schicksten Klamotten, perfekt gestylt, super Figur dank Fitness-Studio und strenger Diät, arbeitet in einer Redaktion. Ich mag sie (irgendwie), aber ich habe schon früher keinen richtigen Bezug zu ihr bekommen.

Seit der Geburt des Kindes waren mein Mann und ich mit unseren Kindern (4 und 2) zweimal für ein Wochenende zu Besuch bei meinem Bruder und meiner Schwägerin, und ich war jedesmal erschrocken darüber, wie die beiden das Kind behandelt haben - oder eher nicht behandelt haben. Die Kleine hat alles Materielle, was man sich nur vorstellen kann, super Kinderwagen, Wiege, Kleidung, Stofftiere - aber die Eltern zeigen ihr keine Liebe, nehmen sie nur hoch, wenn es nicht anders geht.

Sie reden eigentlich beide nur davon, wie sie die Kleine bald betreuen können, sodass sie wieder ungestört Vollzeit arbeiten können. Aber sie stellen das alles ganz positiv und unproblematisch dar. Die beiden planen auch schon das nächste Kind, das spätestens 18 Monate nach dem ersten geboren werden soll, damit die beiden zusammen spielen können und die Babypause möglichst kurz ist. Da wurde mir ganz anders. Wie kann man noch ein zweites Kind in die Welt setzen, wenn man schon zum ersten keinen Bezug hat? Aber die beiden haben Glück, denn die Kleine ist ziemlich ruhig.

Ich habe mich zwischendurch gefragt, ob meine Schwägerin eine Art Wochenbett-Depression hat. Aber sie ist wie immer, kriegt ihr Leben in den Griff, geht zum Sport und shoppen, und sieht schon wieder so schlank und fit aus wie vor der Schwangerschaft.

Ich würde mich gerne öfter um das Baby kümmern, damit sie Liebe kriegt. Aber wir wohnen 300 km entfernt und haben mit unserer Familie auch alle Hände voll zu tun. Meine Mutter kümmert sich etwas häufiger um das Baby, allerdings arbeitet sie auch noch und hat nicht so viel Zeit. Sie ist meiner Meinung und es macht sie auch traurig, wie kalt die beiden zu dem Baby sind.

Es  ist sehr schwer für mich, das mit anzusehen, aber ich habe Angst, etwas zu sagen. Ich kann mir vorstellen, dass mein Bruder und seine Frau sich nicht in ihr Leben reinreden lassen wollen.

Sehen Sie einen anderen Weg, um dem Baby zu helfen?

Viele Grüße,

Marina G.


Liebe Marina G.,

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie sich innerlich zerrissen fühlen. Auf der einen Seite sehen Sie Ihre kleine Nichte und haben den instinktiven Wunsch, das Baby zu beschützen und zusammen mit dem Rest der Familie dafür zu sorgen, dass es alles hat, was es braucht, um zu einem gesunden und stabilen Menschen heranzuwachsen. Ihre erfahrenen Augen (Sie sind ja selbst Mutter) sehen, dass dieses kleine Baby bei weitem nicht alles hat, was es braucht. Es bekommt wenig körperliche Liebe, Zärtlichkeit, Zuneigung, liebevolle Ansprache - und es ist nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit seiner Eltern.

Und hier kommt die andere Seite ins Spiel: Sie sehen diesen Missstand, aber Ihnen sind gefühlt die Hände gebunden, um etwas daran zu ändern. Sie selbst haben weder die Möglichkeit noch den engen Kontakt zu der Schwägerin, um Ihre Nichte unter die Fittiche zu nehmen und ihr die Liebe zu geben, die ihre Eltern ihr anscheinend nicht geben können. Und Sie haben aber auch Bedenken, Ihre Schwägerin und Ihren Bruder anzusprechen und ihnen mitzuteilen, was Sie beobachtet haben.

Kein Mensch hört gerne, dass er im Umgang mit seinen Kindern etwas nicht richtig macht. Sie sehen an der Kleidung und sonstigen Ausstattung des Kindes, dass Ihr Bruder und seine Frau sich Mühe geben und Gedanken machen - auf ihre eigene Art. Sie wollen, dass es dem Kind gut geht - indem sie dafür sorgen, dass es alles hat. Auch planen sie sorgfältig, wann und warum ein zweites Kind kommen soll, als Spielkamerad. Das zeigt, dass die Eltern sich viele Gedanken machen, wie ihre Familie dastehen soll. Allerdings legen sie dabei großen Wert auf die äußeren Faktoren. Das ist nicht verwunderlich, denn das ist die Sprache, die Ihre Schwägerin spricht. Sie legt ja auch bei sich großen Wert auf ihr Aussehen, ihren Erfolg und den äußeren Rahmen. Wahrscheinlich ist es für Ihre Schwägerin schwer zu ertragen, dass ihr Baby noch keine Erfolge erbringen kann und sich wenig aus Materiellem macht. Statt dessen ist es noch auf einer sehr körperlichen, quasi animalischen Ebene: Essen, Schlafen, Kuscheln.

Wahrscheinlich wäre es für Ihre Schwägerin unverständlich, wenn Sie ihr sagen, dass es bei Babys vor allem auf ganz andere Dinge ankommt. Babys brauchen Körperkontakt, damit sie sich selbst spüren können. Durch Berührungen wird das Nervensystem angeregt und ausgebildet. Und natürlich spüren Babys die Liebe und den Schutz ihrer Eltern am direktesten über Körperkontakt. Die Erfahrung, dass die Eltern sich liebevoll um die eigenen Bedürfnisse kümmern und verfügbar sind, bildet ein Urvertrauen aus. Später entwickelt sich dann bei positiven Erfahrungen eine sichere Bindung zu den Eltern, die auch im Erwachsenenleben in Partnerschaften zu einem sicheren Bindungsstil führt. Man vertraut dann dem Partner, kann sich ihm öffnen und um Hilfe bitten, mag Nähe, aber hält es auch gut aus, vom Partner für einige Zeit getrennt etwas zu unternehmen. Partnerschaften zwischen sicher gebundenen Menschen sind glücklicher und halten länger als die von unsicher gebundenen Menschen.

Kinder, die wenig berührt oder gestreichelt werden, sind häufiger krank und können in ihrer psychischen Entwicklung beeinträchtigt werden. Sie haben Kontaktschwierigkeiten und depressive Züge, oft ist ihr Selbstwertgefühl beschädigt, da sie nicht die Erfahrung machen konnten, angenommen zu werden (selbst wenn man nachts die Eltern aus dem Schlaf brüllt).

Auch ist es für die Sprachentwicklung und die Verknüpfung der Nerven im Gehirn sehr wichtig, dass Eltern viel mit ihren Kindern sprechen. Dabei wird nicht nur Sprache vermittelt, sondern auch Emotionen ausgebildet. Das Baby erfährt, ob der Vater oder die Mutter die Gefühle spiegelt (z.B. mit einem lacht, wenn man Faxen macht oder sich Sorgen macht, wenn man selbst weint). Diese emotionale Verbindung ist extrem wichtig für die Entwicklung. Bei Kindern von z.B. schizophrenen, depressiven Elternteilen besteht oft eine große Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen.

All das zeigt: Sie machen sich also zu Recht Sorgen um das Baby. Ihm fehlt etwas, obwohl es scheinbar alles hat. Insbesondere bei Kindern, die äußerlich alles haben, werden die inneren Nöte und Mängel oft viel später bemerkt.

Was können Sie tun, um aus der Hilflosigkeit heraus zu kommen? Ich denke, Sie sollten sich überlegen, was Ihre Nichte wollen würde, wenn sie sprechen könnte. Sie würde wahrscheinlich sagen, dass sie mehr Liebe und Wärme braucht. Glauben Sie, dass Ihre Schwägerin ihr das geben kann? Ich vermute, dass sie damit große Schwierigkeiten hat. Möglicherweise wurde sie selbst so behandelt, wie sie ihre Tochter behandelt, und hat wenig Empathie entwickeln können.

Sehen Sie in Ihrem Bruder jemanden, der zärtlich und liebevoll mit kleinen Kindern umgeht oder das zumindest lernen könnte? Was würde er zu der Situation sagen, wenn er offen sprechen würde? Bemerkt er den Missstand oder ist für ihn alles in Ordnung? Und wäre er bereit, mehr mit dem Kind zu sprechen und zu kuscheln?

Vielleicht können Sie als erstes noch einmal mit Ihrer Mutter sprechen und die Beobachtungen austauschen, die Sie jeweils gemacht haben. Als zweiten Schritt könnten Sie beide mit Ihrem Bruder sprechen und ihm diese Beobachtungen vorsichtig und beschreibend nahelegen. Eher: "Wir haben gesehen, dass Ihr wenig mit dem Kind sprecht" als die Interpretation "Ihr seid kalt und distanziert". Vielleicht können Sie auch Zahlen und Studien vorbereiten, denn manchmal reagieren Menschen, die sehr an Fakten und Zahlen Interessiert sind (wie Ihre Schwägerin) eher auf Fakten und Zahlen als auf Emotionen.

Bedenken Sie, dass Ihre Schwägerin schon alles gut machen möchte und sich bemüht (Geld verdienen, schicke Klamotten, gutes Umfeld) - sie scheint nur im Moment für die Entwicklungsphase des Kindes am falschen Hebel zu drehen und wenig Gespür dafür zu haben, welches der richtige Hebel ist.

Wenn Ihre Schwägerin das Gespür und den Instinkt für die Bedürfnisse des Babys nicht erlernen konnte, wird es für sie vermutlich schwer, das in kurzer Zeit nachzulernen.

Da jedoch die ersten Monate (man spricht von den ersten drei Jahren) entscheidend für die Ausbildung des Urvertrauens sind, wäre es sehr wichtig, dass möglichst schnell gehandelt wird.

Möglicherweise wäre die Familie entlastet, wenn eine liebevolle und emphatische Kinderfrau eingestellt würde, die dem Baby das gibt, was sie braucht? Wenn das finanziell möglich wäre, ist die individuelle Betreuung durch eine Kinderfrau wahrscheinlich besser als die Betreuung in einer Krippe. Und vielleicht ist Ihre Schwägerin letztlich auch erfüllter als Vollzeit arbeitende Mutter?

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles erdenklich Gute und vor allem, dass Sie eine liebevolle Betreuung für Ihre Nichte finden.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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