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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Schwiegereltern dominieren unser Leben und missachten mich

Jedes Paar muss selbst wissen, wie es gemeinsam leben möchte. Was aber, wenn die Schwiegereltern es ständig besser zu wissen meinen?

Der Umgang mit Schwiegereltern ist oft schwierig (Symbolbild)

Der Umgang mit Schwiegereltern ist oft schwierig (Symbolbild)

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

Seit längerem fühle ich mich in meiner Ehe bzw. meiner erweiterten Familie nicht mehr richtig respektiert. Das geht vor allem von meinen Schwiegereltern aus. Mein Schwiegervater ist Bankdirektor, Mitglied im Industrieclub, hat ein einstelliges Handicap im Golf. Und weiß genau, wie man leben soll und wie nicht. Meine Schwiegermutter, Schulleiterin einer Privatschule, ehrenamtlich tätig für die katholische Kirche, hat so viele Haare auf den Zähnen, dass man Pullover für alle ihre Schüler daraus stricken könnte. Meine Frau, 34, ist in ihrer Facharztausbildung. Ihre Eltern planen, ihr nach deren Abschluss eine schicke Privatpraxis zu finanzieren, Schwerpunkt Schönheitschirurgie. Meine Frau trägt die angesagten Marken mit Nonchalance, hat unser Haus (das ihre Eltern ihr zur Hochzeit geschenkt haben) mit Designermöbeln eingerichtet und spielt ebenfalls sehr gut Golf. Kommen wir zu mir. Ich bin promovierter Biochemiker, arbeite in einer Pharmafirma. Ich klettere in meiner Freizeit oder spiele mit Freunden Fußball. Ich trage Jeans und Sweatshirt und bis vor kurzem war das für mich und meine Frau auch völlig ok.

Als wir uns in der Studienzeit kennenlernten, war meine Frau lustig, natürlich und entspannt. Wir hatten den gleichen Freundeskreis, gingen am Wochenende alleine oder mit Freunden in die Berge, kochten zusammen und konnten ganz gut in den Tag hineinleben, wenn wir nicht lernen mussten.

In der Phase hatte meine Frau ein etwas distanzierteres Verhältnis zu ihren Eltern. Wir haben in Bayern studiert, die Eltern leben in Frankfurt. Zurückblickend ist das die beste Phase unserer Beziehung gewesen. Als wir heirateten, drängten ihre Eltern sich in unser Leben. Sie schenkten meiner Frau ein großes Haus im Taunus, natürlich ganz wohlmeinend mit den Worten: Damit ihr nicht so hart arbeiten müsst, um euch ein schönes Zuhause zu schaffen. Unsere Hochzeit wurde von den Schwiegereltern geplant, auch die Gästeliste wurde von der Schwiegermutter bestimmt, so dass am Ende mehr Freunde der Eltern eingeladen waren als unsere eigenen. Unsere Tochter wurde ein Jahr nach der Hochzeit geboren, und auch in die Erziehung mischen sich die Schwiegereltern extrem ein. Taufe war Pflicht, obwohl wir beide aus der Kirche ausgetreten sind. Katholischer Privatkindergarten wurde von Schwiegermutter und meiner Frau entschieden. Es gibt immer gute Argumente für die Einmischung: Der Kindergarten hat doch so einen guten Ruf, es ist doch so schwer, einen Platz zu bekommen, und durch Schwiegermutters Kontakte haben wir es geschafft.

Meine Frau und ich hatten seit unserem Umzug in den Taunus mehr Kontakt zu ihren Eltern, und während meine Frau anfing, in den gleichen Boutiquen und Einrichtungsläden zu kaufen wie ihre Mutter (weil gemeinsam mit ihr) und sich auch sehr von ihr beeinflussen ließ, rückte ich immer mehr ins Abseits. Mein Schwiegervater hatte versucht, mir über Bekannte aus der Wirtschaft einen "anspruchsvolleren Posten" zu beschaffen. Nachdem dieser Bekannte und ich uns nicht einig wurden, fragt er mich nicht mehr nach meinem Beruf, sondern macht teilweise Anspielungen auf mein Gehalt wie "wenn ihr euch das leisten könnt". Meine Schwiegermutter hat mich am Anfang einmal zu den gängigen Herrenausstattern mitgenommen, um mir Maßanzüge schneidern zu lassen. Wenn sie mich am Wochenende in Jeans und Sweatshirt antrifft, beschwert sie sich bei meiner Frau darüber, wie ich herumlaufe. 

Meine Frau ist zwischen mir und ihren Eltern hin- und hergerissen. Auf der einen Seite fällt es ihr auch unangenehm auf, wie herablassend ihre Eltern mich behandeln. Auf der anderen Seite merke ich ihr an, dass sie sich den gleichen Lebensstil wünscht wie ihre Eltern und dankbar auf jede "Hilfe" ihrer Eltern eingeht, ihr diesen Standard zu ermöglichen. Ihre Eltern haben ihr zu Weihnachten eine extrem teuere Diamantkette geschenkt, und sie hat sich sehr darüber gefreut. Wobei mein Geschenk nicht mehr ins Gewicht fiel. Jeden Sommer werden wir zwei Wochen in das Luxushotel eingeladen, in dem auch die Schwiegereltern Urlaub machen - natürlich zur gleichen Zeit. "Damit die Enkelin auch etwas von den Großeltern hat, und damit die Eltern der Kleinen auch mal ungestörte Zeit haben."

Ich habe das Gefühl, dass ich in unsere Familie kaum noch etwas zu sagen habe. Meine Frau und ihre Eltern regeln alles gemeinsam und auf dem "höchsten" Niveau, aber ich komme mir mit meinen Vorstellungen vor wie ein Statist. Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn meine Schwiegereltern mich direkt oder hinter meinem Rücken kritisieren, mich ignorieren oder nicht ernst nehmen. Wenn ich im Restaurant einen Chianti bestellen will, schwadroniert mein Schwiegervater über die besten Bordeaux auf der Karte und sucht dann eine Flasche davon aus, für alle natürlich.

Ich will mein eigenes Leben leben, auch nach meinen finanziellen Möglichkeiten, aber wie kann ich das meiner Frau gegenüber vertreten?

Viele Grüße, Christoph Z.

Lieber Christoph Z.,

Ich kann Ihren Unmut absolut verstehen. Es ist nicht schön, in seiner eigenen Familie missachtet und übergangen zu werden. Als Sie Ihre Frau kennengelernt haben, hatte sie noch ganz andere Werte und einen anderen Lebensstil. Es hört sich fast so an, als wenn Ihre Frau während des Studiums aus dem goldenen Käfig Ihres Elternhauses ausbrechen und sich etwas ausprobieren durfte. Allerdings scheint es von ihren Eltern auch generalstabsmäßig geplant gewesen zu sein, dass die Freiheit ein Ende haben sollte, als sie heiratete.

Das Lebensmodell Ihrer Frau und auch der Enkelkinder ist von Ihren Schwiegereltern vorbestimmt worden. Man hat in einem großen Haus zu wohnen, das von bestimmten Designern eingerichtet wurde. Man trägt standesgemäße Kleidung und verkehrt in bestimmten Hotels. Und natürlich hat man repräsentative Berufe, wie z.B. eine Privatpraxis. Auch die Kinder bekommen von klein auf die beste Erziehung geboten, Musikunterricht und Golfstunden inbegriffen. Abweichungen von diesem Muster sind unerwünscht.

Ihre Frau ist das von klein auf gewohnt. Einerseits hat dieser privilegierte Lebensstil nicht von der Hand zu weisende Vorteile, andererseits scheint es sehr schwer zu sein, den Schwiegereltern zu widersprechen. Ihre Schwiegereltern haben beide sehr dominante Züge und halten ihren eigenen Lebensstil für den einzig richtigen. Ihre Frage ist nicht: "Wie wollt ihr leben", sondern: "Was fällt euch ein, wenn ihr nicht so leben wollt wie wir"?

Ihre Frau ist durch die erneute räumliche Nähe und den Übergang vom Studium in den "Ernst des Lebens" (Berufstätigkeit, Heirat, Mutterschaft) in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten. Sie ist wieder sichtbar und spürbar Tochter geworden.

Und so gibt es sehr widerstreitende Impulse, die Ihre Frau formen. Einerseits ist sie Tochter, andererseits ist sie Ehefrau. In allen Situationen, in denen ihre Eltern sich direkt oder indirekt einmischen, streiten sich diese zwei Seelen in ihrer Brust. Einerseits kennt sie ihren Vater wahrscheinlich nur im Anzug oder Blazer und es gibt den Tochteranteil in ihr, der das auch von Ihnen erwartet. Andererseits findet sie es auch in Ordnung, in der Freizeit Jeans und Sweatshirt zu tragen - das hat zumindest der freiere studentische Teil in ihr genossen. Wenn ihre Eltern nun eine Kleiderordnung für alle aufstellen, gerät sie innerlich in einen Konflikt. Wahrscheinlich befindet sich Ihre Frau ständig in einer zerrissenen Seelenlage. Sie will ihren Eltern gefallen und vor allem keine Kritik von ihnen ernten (die wahrscheinlich sehr verletzend sein kann), auf der anderen Seite bieten die Einmischungen der Eltern immer auch große Bequemlichkeit (Zuckerbrot und Peitsche), und in diesem Konflikt verliert sie wahrscheinlich aus den Augen, wie Sie, Ihr Mann, sich fühlt. 

Sie schreiben sehr wenig darüber, wie Sie und Ihre Frau über die Schwiegereltern und über eigene Gefühle kommunizieren. Haben Sie Ihrer Frau die Situationen mal aus Ihrer Sicht geschildert und ihr gesagt, wie verletzt Sie sind? 

Ich denke, dass Ihre Frau unter dem Regiment ihrer dominanten Eltern nicht lernen konnte, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Perspektiven zu entwickeln und sich abzugrenzen. Sie hat gelernt, auf die Bedürfnisse und Vorgaben anderer Menschen zu schauen und dann das zu machen, was von ihr verlangt wird.

Es wäre bestimmt für Ihre Ehe sehr hilfreich, wenn Sie das Ihrer Frau behutsam aufzeigen und sie immer wieder fragen, wie sie leben möchte. Wie möchte sie verreisen, was für eine Praxis möchte sie haben, auf welche Schule soll die Tochter gehen, wie möchte sie sich kleiden etc. Vielleicht können Sie auch mal wieder zusammen in die Berge gehen und dann darüber sprechen, was Sie beide früher verbunden hat?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass Sie und Ihre Frau gemeinsam definieren, wie Sie bestimmte Dinge entscheiden wollen und dann auch gemeinsam den Schwiegereltern die Stirn bieten. Alleine wird Ihre Frau das vermutlich nicht schaffen, sondern nur mit Ihnen zusammen. Dann kann aus der Abgrenzung den Schwiegereltern gegenüber eine sehr hilfreiche Lernaufgabe werden. Am besten fangen Sie mit kleinen Schritten an, z.B. mit Kleidung. Legen Sie sich vorher die Sätze zurecht, die Sie sagen möchten, falls die Schwiegereltern Ihre Kleidung kritisieren ("Ich denke, es sollte jeder selbst entscheiden, was er in seiner Freizeit trägt"). Oder planen Sie selbst, wie Sie Feiern ausrichten wollen und lassen Sie sich nicht von den Schwiegereltern in der Planung reinreden. ("Wir wollen noch einmal überlegen, wie wir dieses Jahr den Geburtstag feiern. Wir sagen Euch Bescheid").

Wenn Ihre Schwiegereltern sich einmischen oder Sie respektlos behandeln, könnten Sie freundlich, aber bestimmt dagegen halten. "Ich probiere gerne nachher noch ein Schlückchen Bordeaux, aber jetzt hätte ich gerne einen Chianti." Es wäre gut, wenn Sie mit Ihrer Frau genau überlegen, wie Sie sich emotional, finanziell und im Hinblick auf die Betreuung der Enkelin möglichst unabhängig von den Schwiegereltern machen.

Vielleicht hilft auch eine Phase der Abgrenzung, in der Sie wenig Kontakt zu den Schwiegereltern haben und zum Beispiel gemeinsam Kleidung oder Einrichtungsgegenstände einkaufen gehen. Wichtig ist: Sie müssen jederzeit präsent sein und möglichst sofort Ihre Schwiegereltern auf frischer Tat ertappen, wenn sie sich einmischen, bevormunden, entscheiden wollen etc. Und dann sofort zusammen halten: Wir machen das gerne so und so. Wir müssen noch einmal als Paar darüber sprechen, wie wir das machen möchten. Danke, das ist sehr nett, aber wir möchten lieber…

Ich wünsche Ihnen viel Zusammenhalt und einen erfolgreichen Widerstand gegen die Schwiegereltern

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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