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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Wir hatten acht Jahre keinen Sex – können wir nun einfach wieder damit anfangen?

Sex gehört zu einer guten Beziehung – oder? Für Petra und ihren Mann ging es auch acht Jahre lang ohne sehr gut. Nun wollen sie sich einander auch körperlich wieder näher kommen. Doch geht das einfach so?

Mehrere Jahre ohne Sex stellen auch sonst gesunde Beziehungen vor eine Herausforderung (Symbolbild)

Mehrere Jahre ohne Sex stellen auch sonst gesunde Beziehungen vor eine Herausforderung (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

Mein Mann und ich lieben uns sehr. Aber wir haben seit 8 Jahren nicht miteinander geschlafen. Es fing damit an, dass er Erektionsprobleme hatte und "ihn" nicht einführen konnte. Ich war damals enttäuscht und frustriert. Wir hatten dann immer weniger Sex, küssen uns aber, umarmen uns und haben eine sehr enge, harmonische und vertrauensvolle Beziehung.

Ich hatte auch einen Bandscheibenvorfall und mir war nicht nach Sex. Mein Mann hat sehr stark zugenommen (25 kg), ist aber seit einem Jahr sportlich aktiver und hat deutlich abgenommen.

So kam das Thema Sex wieder auf, und uns ist beiden etwas mulmig damit. Acht Jahre keinen Sex, wie fängt man damit wieder an? Geht das überhaupt?

Noch zwei wichtige Sachen: Wir sind 45 und 48 Jahre alt. Und es gibt und gab während unserer Beziehung keine anderen Sexualpartner.

Ich hoffe, Sie können uns helfen.

Viele Grüße,

Petra G.


Liebe Petra G.,

ich kann mir gut vorstellen, dass das Thema "Sex“ nach acht Jahren 'ohne' vor Ihnen steht wie ein Berg und Ihnen beiden viele Zweifel und Unsicherheiten bereitet.

Sie beschreiben Ihre Beziehung als eng, harmonisch und nah. Paartherapeuten wissen, dass es gerade die Paare sind, die eine sehr (oder zu) nahe Beziehung haben, die häufig Probleme mit Lust und Sexualität haben.

Jeder Mensch und jedes Paar empfindet zwei sehr gegensätzliche Grundbedürfnisse: Auf der einen Seite der Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit und Nähe und auf der anderen Seite das Streben nach Veränderung, Freiheit, Abenteuern und Eroberung. Jeder steht vor der Aufgabe, diese beiden widersprüchlichen Seiten in Einklang zu bringen, denn beide sind extrem wichtig.

Um etwas zu begehren, braucht man etwas Abstand. Dadurch entsteht Sehnsucht und die Lust, sich zu nähern, es zu erobern. Das, was ständig zum Greifen nahe vor einem liegt, wird zur Gewohnheit und verliert seinen Reiz. (Das würde sicher auch für Champagner oder das Mittelmeer an einem sonnigen Tag zutreffen)

Um konkreter zu werden: Sie und Ihr Mann scheinen sich ziemlich einseitig auf dem sicheren, geborgenen Spektrum der Beziehung bewegt zu haben. Sie haben es aus Angst vor Frustration, Versagen oder Ablehnung vermieden, einander zu verführen und zu erobern. So ist eine körperliche und emotionale Barriere entstanden, von der Sie beide sich fern halten. Der erotische und sexuelle Bereich ist Ihnen fremd geworden, weil er nicht mehr belebt wurde.

Sie befinden sich zwar jetzt in einer Komfortzone, aber das hat auch seinen Preis. Die Erotik wurde abgestellt.

Die Frage ist nun, ob sich die Gewohnheit durchbrechen und die Erotik wieder anstellen lässt. Das wirft natürlich viele Fragen auf: Finden Sie Ihren Mann und findet er Sie nach der langen Abstinenzphase sexuell noch begehrenswert? Es kostet Sie sicher Mut, sich diese Frage selbst zu stellen und im nächsten Schritt auch Ihren Mann zu fragen, wie es um die sexuelle Anziehung bestellt ist.

Hilfreich wäre es auch, bei sich selbst wieder anzufangen und sich um Ihre Lust und Erotik zu kümmern. Empfinden Sie Lust - und auf wen? Es könnte ja sein, dass Sie andere Männer anziehend finden (Schauspieler,  ferne Bekannte, Freunde…). Nehmen Sie sich als Frau - und zwar als attraktive Frau  - wahr?  Achten Sie doch einmal darauf, wie Sie sich kleiden, welchen Duft Sie auftragen, wie Sie sich bewegen und versuchen Sie, sich so zu zeigen, wie Sie sich gefallen.

Wenn das weit entfernt ist, wäre es sehr wichtig, sich als erstes damit zu beschäftigen. Beobachten Sie doch einmal, wie andere Männer auf Sie reagieren. Bekommen Sie vielsagende Blicke oder Komplimente, berühren Männer Sie? Erst wenn Sie selbst (wieder) Ihre erotische Ausstrahlung spüren, ist es viel leichter, sich auch Sex vorzustellen. Der nächste Schritt wäre, dass Sie das Klima in Ihrer Beziehung um ein paar Grad anheizen, indem Sie sich z.B. schön zurecht machen, Ihren Mann mehr berühren und ihm auch ein paar zweideutige Nachrichten schicken oder Anspielungen machen.

Beobachten Sie Ihren Mann einmal genau: Was finden Sie an ihm körperlich anziehend? Wie war das in der ersten Zeit Ihrer Beziehung? Was fanden Sie an ihm begehrenswert? Seine Stimme, seinen Hintern oder seinen Bauch, bestimmte Blicke? Wie ist das heute? Und seien Sie ehrlich zu sich selbst, wenn Sie feststellen sollten, dass der erotische Zug mit ihm abgefahren ist. Sie haben ja auch ohne Sex eine glückliche Beziehung geführt.

Ich würde Ihnen und Ihrem Mann empfehlen, möglichst offen über Sexualität zu sprechen, und auch über sexuelle Wünsche und Ängste. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es sehr hilfreich wäre, diese Gespräche bei einer Sexualtherapeutin oder einem Sexualtherapeuten zu führen.

Acht Jahre ohne Sex sind eine sehr lange Zeit, und ich bin sehr skeptisch, dass Sie ohne Impulse von außen von alleine wieder erfüllenden Sex haben werden. Es wäre sehr schade, wenn Sie sich an das Thema heranwagen und wieder enttäuscht werden und es dann aufgeben.


Sexualtherapeuten können Ihnen bei vielem helfen:

  • Sie können als erstes das Gespür für den eigenen Körper verbessern und sowohl Männern als auch Frauen dabei helfen, den eigenen Körper und das eigene Geschlecht zu erkunden, herauszufinden, was Lust bereitet und sich besser kennen zu lernen.
  • Es können Gespräche über die eigene Lust und die eigene Erotik geführt werden: Was finde ich an mir anziehend, was an meinem Partner? Wie stelle ich mir Sexualität vor? Was erregt mich (welche Sprache, welche Gesten der Verführung, welche Bewegungen, welcher Geruch, welches Szenario) und womit komme ich nicht klar?
  • Wenn Ihr Mann weiterhin Erektionsstörungen hat, kann Abhilfe geschaffen werden (sei es durch Medikamente, sei es durch Masturbationstechniken) 
  • Sie können über Ihre Beziehung sprechen und über die Seiten, die Lust schaffen können und die, die Lust verhindern und ausbremsen
  • Es gibt Anleitung zu bestimmten Praktiken zu zweit, so dass Sie Schritt für Schritt angeleitet werden, sich wieder lustvoll zu berühren. Es wird auch besprochen, was dabei gestört oder gehindert hat


Ich würde Ihnen deshalb empfehlen, sich an eine Therapeutin mit dem Schwerpunkt Sexualtherapie zu wenden. Und keine Angst: In der Therapie bleiben beide bekleidet. Es wird nur gesprochen!

Als ersten Einstieg kann ich Ihnen das Buch "Make more Love“ von Ann-Marlene Henning und Anika von Kaiser sehr empfehlen.


Alles Gute für Sie!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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