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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Bei Lärm oder kreischenden Kindern will ich mich nur noch verkriechen - habe ich Burnout?

Karina mag die Natur, Ruhe und Entspannung - ihr Freund hingegen Fußballstadien und Straßenfeste. Für sie ist das unerträglich, genauso wie laute Musik oder lärmende Kindern. Dann mag sie sich nur noch verkriechen. Leidet Karina unter Burnout?

Burnout? Oder hochsensibel?

Leidet Karina unter Burnout?

Liebe Frau Peirano,

mein Freund und ich sind sehr unterschiedlich, manchmal zu unterschiedlich. Er ist eher der unkomplizierte, sehr gesellige Typ. Ich bin ruhig und brauche viel Ruhe. Wir leben seit einem Jahr zusammen, er hat eine vierjährige Tochter. Er ist immer entspannt und es stört ihn überhaupt nicht, wenn Kinder zu Besuch sind, wenn seine Schwester mit ihren Kindern kommt. Die Kinder machen natürlich viel Lärm, hämmern, trommeln und trompeten auf ihren Instrumenten herum, dann gibt es Geheul und Streit.

Mich macht das fertig, ich würde mich am liebsten in mein Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen. Obwohl ich seine Tochter und Kinder überhaupt sehr liebe. Mein Freund kriegt oft nicht mit, wann die Kinder überreizt sind und Ruhe brauchen. Ich spüre ihre Stimmungen viel früher als sie selbst, aber mein Freund hört nicht immer auf mich.

Ich mag es überhaupt lieber ruhig und an Orten, wo nicht so viele Leute sind: Waldspielplatz, Picknick auf einer Wiese, vorlesen. Mein Freund mag Indoor-Spielplätze, kleine Jahrmärkte, Straßenfeste, Fußballstadien. Ich kriege dort die Krise. Er kann bei uns zu Hause Radio und Fernseher gleichzeitig laufen lassen – ich drehe dann innerlich durch. Manchmal sagt er mir so Sachen wie: "Du bist doch nicht normal" oder "mit dir kann man keinen Spaß haben, du kannst nichts ab". Das setzt mich sehr unter Druck.

Wenn wir ausgehen, reicht es mir, in einen schönen Kinofilm zu gehen (Programmkino!) und dann um elf im Bett zu sein. Er mag Bars und Clubs, und fühlt sich von mir ausgebremst. Mich stresst es aber unglaublich, wenn es so laut ist und alles flimmert.

Ich habe eigentlich permanent Angst, dass mir alles zu viel wird. Wenn ich nicht auf mich aufpasse, dann geht mir plötzlich alle Energie flöten und das bleibt dann auch manchmal tagelang oder wochenlang so. Dann sage ich alle Verabredungen ab und ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück, lese stundenlang und bin total aufgewühlt, wenn unsere Nachbarn laut sind.

Habe ich einen Burnout? Was ist mit mir los?

Viele Grüße,

Karina B.

Liebe Karina B.,

ich gebe Ihnen Recht: Sie und Ihr Freund sind wirklich sehr unterschiedlich. Der grundlegende Unterschied besteht darin, wie Sie beide Reize verarbeiten. Ihr Freund mag gerne starke Reize wie Musik, mehrere Gespräche gleichzeitig, spielende und tobende Kinder. Ihm macht das nicht nur nichts aus, sondern ihn belebt das geradezu.

Sie hingegen haben eine ganz andere, und zwar viel niedrigere, Reizschwelle. Sie verarbeiten auf Sie einströmende Eindrücke und Reize viel tiefer und nachhaltiger, deshalb können Sie auch insgesamt viel weniger Reize aufnehmen. Wenn es Ihnen zu viel wird, machen Sie dicht und ziehen sich in ein reizarmes Umfeld (Bett, Decke über den Kopf) zurück.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Ich habe die Vermutung, dass Sie zu den 15% der Bevölkerung gehören, die hochsensibel sind. Keine Angst, das ist keine Krankheit oder Störung. Es hat sehr faszinierende und positive Seiten (z.B. ein reiches Innenleben, Empathie, Feinfühligkeit), aber gleichzeitig müssen hochsensible Menschen lernen, sich vor den vielen Reizen, die z.B. das Leben in einer Großstadt oder dem Zusammenleben mit kleinen Kindern mit sich bringen, zu schützen.


Hochsensible Menschen nehmen aufgrund Ihres Nervensystems und Ihrer angeborenen und erlernten Reizverarbeitung alle Sinneseindrücke stärker und detaillierter wahr als andere Menschen. Zum Beispiel fühlen sie mühelos die Stimmungen und Befindlichkeiten anderer Menschen. Das kann ein großer Vorteil sein. Sie gehen behutsam mit anderen Menschen um, zeigen Verständnis und lassen auch den einen oder anderen Fettnapf aus. Gleichzeitig ist es aber auch belastend für hochsensible Menschen, wenn sie nicht einfach abschalten können, sondern mitbekommen, wie es allen Menschen in ihrem Umfeld geht. Wenn also die Kellnerin im Restaurant oder die Nachbarin traurig oder angespannt ist, nehmen hochsensible Menschen das wahr. Ob sie wollen oder nicht. Das ist natürlich eine große zusätzliche Last.

Hochsensible Menschen haben eine enorme Empfindsamkeit für Musik und können durch entsprechende Stücke tief berührt werden. Aber die falschen (d.h. zu laute oder "wirre") Stücke bringen sie eben auch durcheinander. Und sie können nicht einfach weghören. Das gleiche gilt für Geschmacksempfindungen, Gerüche und Berührungen. Die richtige Berührung kann intensiv genossen werden, während unpassende Berührungen (oder Berührungen, wenn sie nervlich bereits kurz vor der Überlastung stehen) großen Stress auslösen können.


Hochsensible Menschen können störende Reize schlecht herausfiltern und ignorieren. Deshalb reagieren sie innerlich mit Stress auf Baulärm, Gespräche am Nebentisch, Stimmen im Radio, flimmernde Werbung etc.)

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass Sie sich eingehend mit diesem Thema befassen und herausfinden, ob Sie hochsensibel sind (zum Beispiel, indem Sie mehrere Tests im Internet machen). Wenn sich herauskristallisiert, dass Sie hochsensibel sind, sollten Sie auf jeden Fall mit Ihrem Freund darüber sprechen. Es ist in Beziehungen oft sehr hilfreich, wenn das Thema offen auf dem Tisch liegt. Denn eines ist klar: Wenn Sie hochsensibel sind, ist es kein böser Wille, keine Schwäche oder keine Störung, wenn Sie laute und wuselige Umgebungen meiden. Im Gegenteil: Es ist ein wichtiger Schutz für Ihr eigenes Nervensystem, und damit auch eine Bedingung, dass Sie sich wohlfühlen.

Viele hochsensible Menschen sind erleichtert, wenn sie von Ihrer "Diagnose" erfahren. Denn dann können sie sich selbst unterstützen, z.B. durch lange Ruhepausen, durch die Anschaffung von "no noise"- Kopfhörern, durch die bewusste Entscheidung für wohltuende Umgebungen wie der Natur, dem leisen Restaurant etc. Auch den Urlaub kann man bewusst so planen, dass man Kraft durch Stille tanken kann, anstatt sich durch ständig wechselnde Aktivitäten zu verausgaben. Unerkannte Hochsensible überfordern sich oft im Alltag, um mit anderen Menschen mitzuhalten und nicht als Spielverderber zu gelten.


Es wäre auch wichtig, mit Ihrem Freund darüber zu sprechen, welchen gemeinsamen Nenner Sie beide haben. Bestimmt hat er mehr davon, wenn er zukünftig alleine oder mit seiner Tochter auf den Jahrmarkt geht, und Sie dafür das entspannte Picknick auf dem Waldspielplatz organisieren. Oder wenn er bei Städtereisen einen Nachmittag alleine loszieht, während Sie im Hotelzimmer Yoga machen. Für die Tochter Ihres Freundes kann es eine wichtige Bereicherung sein, dass Sie hochsensibel sind und sie dadurch mehr vor Reizen abschirmen. Vielleicht profitiert sie auch davon, wenn sie bei ihrem Vater "Action" erleben darf und bei Ihnen den Ruhepol?

Ich denke, Ihre Beziehung hat nur dann eine reelle Chance, wenn Sie beide die Andersartigkeit respektieren und als Bereicherung verstehen. Wenn Sie genau wissen, wer welche Reize mag, und dann gute und für beide passende Entscheidungen treffen, was Sie gemeinsam unternehmen können und was nicht. Und in welchen Bereichen Ihre tiefgründige Sichtweise und Ihre Feinfühligkeit der Beziehung besondere Qualitäten verleihen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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