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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine neue Liebe muss sich rund um die Uhr um seine Kinder kümmern - was bleibt für uns?

Als Christiane ihren neuen Freund kennenlernt, weiß sie, dass er drei Kinder hat. Dass ihn seine Ex aber plötzlich mit der Erziehung völlig alleine lässt, war nicht abzusehen. Wie soll eine junge Liebe solche Umstände überstehen?

Kinder kosten Nerven - und noch mehr Zeit (Symbolbild)

Kinder kosten Nerven - und noch mehr Zeit (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

vor zweieinhalb Wochen habe ich (36) über ein Onlineportal einen Mann (38) kennengelernt. Es war vom ersten geschriebenen Kontakt eine riesige Chemie vorhanden, die mit jeder Stufe des Kennenlernens (erst Telefonieren, dann persönliches Treffen) stärker und stärker wurde. Wir haben vom ersten Moment "geklickt" und haben auf den unterschiedlichsten Ebenen eine starke Verbindung. Ich habe mich sehr in ihn verliebt – und das Schöne: er auch sich in mich! Er sagt/schreibt mir dies nicht nur, sondern zeigt es mir auch bzw. lässt es mich deutlich spüren. Was ich besonders finde: Wir konnten von Anfang an sehr offen und ehrlich miteinander kommunizieren, es gab bspw. kein "Ich muss mich verstellen oder toller machen als ich bin". Ich habe noch nie das Wort "Seelenverwandschaft" benutzt, aber hier bin ich nahe dran. Eigentlich müsste ich die glücklichste Frau dieser Welt sein. Eigentlich… 

Ein paar Tage nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam leider seine Ex-Frau wieder in sein Leben; nämlich mit der Ankündigung, sie könne sich nicht mehr um die gemeinsamen drei Kinder (ich wusste von Anfang an von ihnen) kümmern und er müsste mehr oder weniger ab sofort die alleinige Elternrolle übernehmen. Bisher hat er die Kinder alle zwei Wochen am Wochenende gesehen und ist beruflich u.a. viel auf Reisen. Die Info hat ihn sehr geschockt, wie ich den Eindruck hatte (zum einen schrieb er mir "Komm bitte her und halte mich, ich brauche dich jetzt", zum anderen "Lauf, so schnell du noch kannst"). Ich habe ihm klar und deutlich gesagt, dass ich nicht vorhätte, deswegen wegzulaufen, sondern habe ihm angeboten, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich habe aus einer früheren Beziehung die Erfahrung mit nicht-leiblichen Kindern und weiß, dass ich auch hier sehr lieben kann, weswegen auch die Info, dass er Kinder hat, kein No-Go-Grund für mich war.

Seit dieser "Bombe" habe ich gespürt, dass er sich in Minimalschritten von mir entfernt hat. Er schrieb mir, dass er völlig den Boden unter den Füßen verloren hätte und Angst hat, mir bzw. uns nicht gerecht werden zu können und daher sich überfordert fühlt. Zu dem Zeitpunkt war er aber noch bereit, es trotzdem zu versuchen. 

Vor anderthalb Wochen rief er abends an und wollte Schluss machen. Er käme nicht mit dem Gedanken zurecht, dass momentan nur ich gebe und er nur nimmt; er würde sich dadurch in der Bringschuld sehen und sei dadurch permanent noch mehr im Stress. Er gäbe mich quasi wieder frei und würde sich aber, wenn sich seine Lage beruhigt hätte, gerne bei mir melden, wenn er dürfte. Vielleicht hätte er ja Glück und ich sei noch frei. Dann würde er es sehr gerne nochmal versuchen. Ich habe geantwortet: "Wie glaubst du, könnte ich frei sein, wenn ich weiß, dass es die Chance gibt, mit dir zusammen zu kommen?"

Wir hatten uns daraufhin auf lockeren Kontakt ohne Verpflichtungen geeinigt. In dieser Zeit hat er einmal verzweifelt geschrieben, ob ich noch spätabends zu ihm kommen könnte (bin ich dann auch, wir hatten keinen Sex, sondern er hat sich nur an mich geklammert, als ob er ertrinken würde). Drei Tage später schrieb er mir dann, dass er das mit uns momentan doch nicht könnte. Er hätte zu große Schuldgefühle, mich auf Standby zu halten und er bittet mich um Verzeihung für die Schmerzen, die er mir bereitet. Auch, dass er mich sehr lieb hat. 

Ich kann diese Entscheidung nur schwer akzeptieren, muss es aber, wenn ich ihm momentan keine Stütze sein kann, sondern Ballast bin. Die gegenseitigen Gefühle kann (und will) ich aber nicht einfach so verloren gehen lassen und aufgeben. Ich könnte es mir nie verzeihen, es nicht wenigstens versucht zu haben und dadurch vielleicht die Liebe meines Lebens verloren zu haben. 

Ich habe ihm daher eine Pause von drei Monaten vorgeschlagen. Ohne Nachrichten, ohne Kontakt – nichts. Danach schauen wir, wo und wie wir stehen. Er hat den Vorschlag mit Dank angenommen. 

Meine Frage ist jetzt – wie schaffe ich es, diese drei Monate zu überleben? Bzw. begehe ich hier den größten Fehler meines Lebens, in dem ich auf ihn warte?

In der Hoffnung auf eine Antwort Ihrerseits, viele Grüße!

Christiane B.


Liebe Christiane B.,

Ihre Situation ist alles andere als leicht. Sie haben sich in einen Mann verliebt, der Ihre Gefühle erwidert und mit dem sich - als Sie sich kennenlernten - eine wunderschöne Beziehung anbahnte. Auch wenn es nur wenige Tage waren, so haben Sie beide doch das Potenzial gespürt.

Dann hat sich von einem zum nächsten Moment die Situation um 180 Grad gedreht, durch eine Wendung seines privaten Umfeldes. Er ist nicht mehr der eigentlich freie Mann, der seine Kinder zu vorher festgesetzten Zeiten (jedes zweite Wochenende, in einigen Ferienwochen) sieht. Sondern er hat seine drei Kinder jetzt, wie es scheint, rund um die Uhr.

Diese Entscheidung seiner Ex-Frau scheint mir etwas aus heiterem Himmel zu kommen. In der Regel einigt sich ein Paar bei der Trennung, wie die Betreuung der Kinder in Zukunft gehandhabt werden soll. Meistens hält man sich dabei an das Modell, dass auch in der Vergangenheit praktiziert wurde. Wenn z.B. der Mann der Hauptverdiener war und Vollzeit gearbeitet hat, während seine Frau nicht erwerbstätig war oder in Teilzeit gearbeitet hat, dann wird das in der Regel auch so fortgesetzt. Ich bin etwas verwirrt davon, dass die Ex-Frau plötzlich, ohne das Einverständnis ihres Ex-Mannes, entscheidet, dass er sich ab sofort um die Kinder kümmern soll, obwohl er das eigentlich mit einer vollen Stelle und beruflichen Reisen nicht leisten kann. Ich denke, dass die beiden sich noch einmal zusammensetzen und nach einer vernünftigen Lösung suchen müssen, die auch langfristig für alle Seiten praktikabel ist.

Denn eines ist klar: So wie geplant wird das nichts.

Ihr neuer Partner spürt unbewusst, dass er nicht in der Lage ist, seine Arbeit und die drei Kinder unter einen Hut zu bringen. Deshalb ist er so überfordert und in einer Art Schockzustand. Es kann sehr gefährlich für seine Gesundheit sein (Burn-Out, Stress-Krankheiten, Bandscheibenvorfälle etc.), wenn er versuchen würde, dennoch langfristig diese Verantwortung zu schultern.

Noch weniger wäre es eine gute Lösung, wenn er Ihnen als neuer Partnerin einen erheblichen Teil der Versorgung der Kinder übergeben würde. Sie werden nach diesen wenigen Wochen noch keine tragfähige Beziehung mit den Kindern aufgebaut haben (geschweige denn sie überhaupt kennengelernt haben), und Sie haben ja auch eigene Lebensinhalte (Arbeit, Freizeitaktivitäten, Freunde…), die Sie auf keinen Fall aufgeben sollten. Ich kenne viele Geschichten, in denen jemand (oft eine Frau) in einem frühen Stadium der Beziehung in die Stiefmutterrolle gesprungen ist (d.h. die Kinder des neuen Partners umfassend versorgt hat) und sich nach einiger Zeit sehr unwohl damit gefühlt hat.

Drei Kinder rund um die Uhr zu betreuen, bedeutet Unmengen an Essen heranzuschaffen und zu kochen, Berge von Wäsche zu waschen, ständig aufzuräumen, Kinder mit Termindruck von A nach B zu fahren, Hausaufgaben zu betreuen und unendlich viel mehr. Eine Beziehung mit drei Kindern wird von ständigen organisatorischen Fragen beeinflusst: Wer kann wann ausgehen, wer bleibt bei den Kindern? Wer kauft ein, wer repariert schnell noch etwas?

Auch emotional ist die Betreuung von drei Kindern wirklich aufreibend: Welches Kind hat welche Sorgen? Bedenken Sie bitte, dass die Kinder den Wechsel zum Vater, die Abwesenheit der Mutter und deren Ursachen (Krankheit? Lebenskrise? Keine "Lust" mehr auf Kinder?) verarbeiten müssen. Das kann für alle Beteiligten schwierig werden! Auch werden die Kinder möglicherweise gegen Sie als Stiefmutter rebellieren - so dass Ihre Bemühungen um die Kinder oft entwertet werden. Alles in allem harter Tobak.

Und eine neue Beziehung braucht Zeit. Sie braucht verregnete Sonntage im Bett, lange Gespräche, spontane Unternehmungen, Zeit für Nähe und Zeit für Abstand, ein vorsichtiges Kennenlernen der Familien und des Freundeskreises.

Diese Zeit hätten Sie in der Krise, die sich gerade anbahnt, nicht. Sie würden sich eher so fühlen wie die beiden Klassenlehrer in einer explosiven Schulklasse auf Klassenfahrt: 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche im Einsatz, um alle Probleme zu lösen.

Überlegen Sie sich das gut! Mir kommt es so vor, als wenn Ihr Partner durch seine Erfahrung mit seiner Ex-Frau ganz genau weiß, wie eine Beziehung mit drei Kindern aussieht und wie sehr das die Partnerschaft belastet. Und er rechnet sich - aus meiner Sicht sehr begründet - geringe Chancen aus, dass das zarte Pflänzchen Ihrer Liebe es überlebt, wenn ständig drei Kinder darauf herumtrampeln… Er scheint Ihre Liebe sehr ernst zu nehmen, wenn er Sie aus Schutz nicht mit in die Probleme hineinziehen möchte.

Deshalb finde ich Ihre Idee mit der Auszeit sehr gut. Es wäre sinnvoll, wenn Ihr Partner die Zeit nutzt, um mit seiner Ex-Frau über dieses geplante Modell zu verhandeln. Das Jugendamt oder ein privater Mediator können dabei helfen. Denn wie oben aufgeführt, wird dieser Plan wahrscheinlich große Opfer auf seiner Seite und Seite der Kinder erfordern, unabhängig davon, ob Sie mit im Boot sind oder erst mal am Ufer warten.

Ich kann Ihnen nur raten, in den kommenden Monaten (es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, es auf drei Monate zu begrenzen - es kann viel schneller gehen, und es kann auch ewig dauern, bis alles geklärt ist) bei sich zu bleiben und sich zu stärken. Treffen Sie Freundinnen, treiben Sie Sport, machen Sie all das, was Ihnen gut tut. Sie können Tagebuch schreiben und so Ihre Gedanken ordnen.

Versuchen Sie, sich innerlich keine Geschichte von der Liebe Ihres Lebens zu erzählen, die nun zerbrochen ist. Das macht es nur unerträglich. Wenn Ihre Gefühle tragfähig sind und Sie miteinander leben können, dann wird es eine Lösung geben! Nur darum muss sich Ihr neuer Freund kümmern, Sie können nur abwarten. Und vielleicht wird es auch länger dauern, als Sie hoffen.

Am besten wäre es, wenn Sie erst einmal keine anderen Männer treffen, das wäre schädlich und würde Sie nur zusätzlich verwirren.

Es wäre sicher auch gut, wenn Sie etwas Abstand von Ihrem neuen Freund halten, um sich im Moment nicht ein seine Probleme zu stürzen. Er hat Ihnen signalisiert, dass er zur Zeit überfordert damit ist, eine Beziehung mit Ihnen zu führen, und es wäre sicher zum Schutz aller gut, respektvoll und liebevoll eine Pause einzulegen und zu warten, bis sich der Sturm gelegt hat. Das muss nicht bedeuten, dass Sie keinen Kontakt haben. Aber am besten wäre es, wenn Sie darum kämpfen, erst mal wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Ich wünsche Ihnen, Ihrem Partner und den Kinder alles Gute!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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