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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich habe Schuld am Skiunfall meiner Frau. Unsere Beziehung hält das kaum aus"

Toni und seine Frau sind leidenschaftliche Bergsportler. Beim Skifahren hatte seine Frau einen Unfall - und Toni fühlt sich dafür verantwortlich. Seitdem ist die Beziehung schwierig, die Schuldfrage steht zwischen den beiden.

Skiunfall der Ehefrau

Skiunfall der Ehefrau - wie verhandelt man in einer Beziehung die Schuldfrage?

Getty Images

Hallo Frau Peirano,


vor drei Jahren hat sich das Leben von mir und meiner Frau durch einen schlagartig verändert und ich komme damit nicht klar. Wir, beide Mitte 40, waren immer leidenschaftliche Sportler: Bergwandern, Klettern, Skifahren, Tourenski, Schneewandern, Schwimmen, Radfahren und Segeln. Fast unsere gesamte Freizeit haben wir in der Natur verbracht. Wir sind absichtlich von Köln in die Berge gezogen, damit wir einfacher und öfter losgehen konnten.

Vor drei Jahren hatte meine Frau einen schlimmen Skiunfall (Tourenski), bei dem ihr Knie heftigst verletzt wurde. Noch schlimmer ist, dass ich eine Mitschuld an ihrem Unfall trage. Wir waren auf einer Skitour, die ich geplant habe. Ich habe einfach zu wenig Zeit eingeplant, und wir waren am späten Nachmittag immer noch weit von der Hütte entfernt. Meine Frau hatte mich mehrmals gefragt, ob wir die Tour nicht abkürzen können, aber ich habe auf der langen Route beharrt, weil sie viel schöner war. Und dann passierte es: Ich war schon vorgefahren und habe sie aus den Augen verloren, sie verkantete ihren Ski im Schnee und verdrehte sich ihr Knie. Sie konnte nicht weiter fahren. Ich wartete unten am Hang und nach einer langen Zeit dachte ich, dass sie mich überholt haben musste. Mein Handy-Akku war leer. Es war eine Verkettung von unglücklichen Umständen.

Ich ärgerte mich über meine Frau, die einfach verschwunden war und fuhr nach langem Warten zur Hütte vor. Wo sie natürlich nicht war. Denn sie lag alleine im Schnee und rief den Rettungsdienst an, der mich dann später auch informierte. Es muss eine Tortur für sie gewesen sein.

Meine Frau kam ins Krankenhaus und die Odyssee begann. Mittlerweile ist sie achtmal operiert worden, hat aber immer noch chronische Schmerzen im Knie, in der Hüfte und am Rücken. Mit Physiotherapie, Bandagen, Massagen etc etc etc.

An ist natürlich nicht zu denken. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich alleine losgehe (was ich manchmal dennoch mache). Immerhin bin ich mit Schuld an ihrem Unfall, und sie hat es erwischt. Sie ist depressiv geworden. Alles dreht sich nur noch um ihre Schmerzen, um ihr Knie, um den Unfall. Wir können kaum noch miteinander reden, geschweige denn über etwas anderes. Viele unserer Freunde haben sich abgewandt, vermutlich weil es ihnen zu belastend ist, mit meiner Frau zusammen zu sein. Lösungsvorschläge nimmt sie nicht an, ich habe natürlich unendlich viel vorgeschlagen, damit sie wieder auf bessere Gedanken kommt. Ehrlich gesagt denke ich öfters daran, ob nicht eine Trennung besser wäre. Aber ich kann ihr das nicht antun.

Aber ich weiß nicht mehr weiter. So habe ich mir unser Leben wirklich nicht vorgestellt, und ich würde so ein Schicksal auch niemandem wünschen.

Haben Sie einen Tipp für mich?

Viele Grüße,

Toni W.


Lieber Toni W.,

Sie haben Recht: Es ist wirklich ein harter Schicksalsschlag, der Ihnen und Ihrer Frau widerfahren ist. Ihrer beider Leben hat sich durch den Unfall um 180 Grad gedreht. Früher stand der Sport im Mittelpunkt, und Sie beide waren ein Team, das Touren geplant und gemeinsam durchgeführt hat. Das verbindet enorm, und es macht glücklich- jedenfalls Bergmenschen wie Sie beide.

Heute ist dieser Lebensmittelpunkt weggefallen, was einen schweren Verlust bedeutet. Die Wochenenden und Ferien haben kaum noch Sinn und Inhalt. Wahrscheinlich wissen Sie beide mit der Freizeit nicht viel anzufangen. Vor allem, da sich nun alles statt um Freude und Abenteuer um und Schmerzen dreht.

Noch schlimmer: Sie sind kein Team mehr, sondern Sie beide stehen sich wie Gegner gegenüber.

Ich denke, dass die Schuldfrage dabei eine große Rolle spielt. Ihre Frau sieht sich als die Leidtragende in Ihrer Beziehung. Sie ist körperlich versehrt, kann keinen Sport mehr treiben, ist zudem noch depressiv und für Sie und Freunde keine erfreuliche Gesellschaft mehr. Sie kann sich nicht trennen, denn wie stünde sie ohne Sie da? Ihre Chancen, in dieser Verfassung einen neuen Partner zu finden, sind recht gering. All das spürt Ihre Frau und hegt einen starken Groll gegen Sie, der unversehrt ist und jederzeit gehen könnte.

Es ist in Therapien sehr oft zu beobachten, dass Menschen, die von anderen geschädigt oder verletzt wurden, sehr viel Würdigung für ihr Leid brauchen. Sie müssen spüren, dass andere (insbesondere derjenige, der in ihren Augen das Leid verursacht hat) wieder und wieder betonen, wie sehr Ihnen Ihr Fehler leid tut und dass sie alles daran setzen, um den erlittenen Schaden so gut wie möglich auszugleichen.

Ein Beispiel: Ein BMW-Fahrer fährt zu schnell (ist vielleicht angetrunken) und rammt eine junge Frau auf einem Fahrrad. Wenn dieser BMW-Fahrer den Schaden leugnet oder ihn unbeteiligt über seine Versicherung abwickeln lässt (die ihrerseits mit harten Anwälten die Dinge so dreht, dass die Versicherung keinen Cent bezahlen muss), wird es jahrelang dauern, bis die junge Frau darüber hinweg kommt.

Wenn der BMW-Fahrer hingegen sich schon am Unfallort aufrichtig bestürzt über seinen Fehler zeigt, sich entschuldigt und die junge Frau im Krankenhaus besucht, wird es ihr erheblich leichter fallen, den Unfall zu verarbeiten.

Ich bin sicher, dass die Schuldfrage subjektiv noch zwischen Ihnen beiden steht. Ich möchte damit nicht sagen, dass Sie Schuld am Unfall Ihrer Frau haben. Aber es wäre im Rahmen einer Therapie zu klären, inwieweit Ihre Frau es so sieht und was Sie tun können, um die Schuld auszugleichen. Dabei gibt es ganz kreative und verschiedene Wege, die Sie beide für sich austarieren sollten. Das ist nicht ganz einfach, aber es wird sich auf jeden Fall lohnen.

Die Depression Ihrer Frau und ihre Weigerung, Lösungsvorschläge anzunehmen, sprechen eine deutliche Sprache. Sie sagen: "Ich bin noch nicht so weit, wieder gesund zu werden und Verantwortung für mein Wohlbefinden zu übernehmen. Ich möchte erst, dass alle (insbesondere du, Toni) mein Leid sehen und mich bemitleiden."

Ich hoffe, dass Sie beide sich an die Arbeit machen, die Schuldfrage aufzulösen, damit Sie dann anschließend neue Perspektiven für Ihr Leben entwickeln können. Ob das bedeutet, dass Sie auch mal alleine in die Berge gehen können oder ob Sie beide einen anderen Lebensinhalt finden, sei erst einmal dahin gestellt.


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Wissenscommunity