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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich war noch nie wirklich Single, sondern brauche immer einen Partner"

Maria braucht Beziehungen wie die Luft zum Atmen. Seit ihrer Jugend hatte sie immer einen Partner, Single war sie noch nie. Sie schafft es nicht allein - und hat Angst vor Einsamkeit. Wie kann sie das Muster durchbrechen?

Kein Single sein

Maria braucht immer Männer um sich und will flirten. Lange Single war sie noch nie

Liebe Frau Peirano,

vor einem Monat haben mein Freund und ich uns getrennt, weil er sich nicht genug eingelassen hat. Wir waren 5 Jahre zusammen. Auch wenn es albern klingt: Ich habe wirklich Angst davor, alleine zu sein und alleine zu bleiben. Ich hatte eigentlich immer eine Beziehung, seit ich 16 bin (jetzt bin ich 42). Ich habe mir vorgenommen, eine Zeit alleine zu sein, alle sagen mir, dass ich die Trennung erst mal verarbeiten muss. Doch ich komme wieder in mein altes Muster und lerne viele Männer kennen. Im Moment habe ich drei "Kandidaten", mit denen ich mich häufiger treffe. Aber ich glaube, dass ich mich eigentlich nur ablenke und dass keiner von den dreien so richtig in Frage kommt. Trotzdem gehe ich viel aus und lerne immer wieder neue Männer kennen. Ich zerbreche mir stundenlang den Kopf über Männer, bin ständig am Gucken und am Internet (Tinder). Ich weiß, dass das absurd ist, aber ich schaffe es einfach nicht, mal ohne Mann zu sein.

Woran liegt das und was raten Sie mir?

Maria S.


Liebe Maria S.,

wie gut, dass Sie schon erkannt haben, dass Sie ein Problem haben. Ihr Problem könnte man als eine Beziehungs-Sucht bezeichnen, da Sie damit aufhören wollen, aber es nicht schaffen. In Ihnen scheint es den tief verankerten Glaubenssatz zu geben, dass Sie immer in einer Beziehung zu einem Mann sein müssen. Das Denkmuster lautet zum Beispiel: "Ohne Beziehung kann ich nicht glücklich sein" oder "ohne Beziehung kann ich nicht existieren". Ihr Problem wurde dadurch verstärkt, dass Sie nie ohne Beziehung waren und deshalb nicht ausprobieren konnten, wie es Ihnen ohne einen Mann geht.

Was für Phantasien haben Sie von Ihrem Leben, wenn Sie einmal eine längere Zeit (ein Jahr oder mehrere) Single wären? Stellen Sie sich Ihr Leben zum Beispiel eintönig und langweilig vor – die Wochenenden allein auf dem Sofa? Kein Urlaub, weil Sie niemanden haben, mit dem Sie verreisen wollen und eh nicht wissen, wohin? Oder haben Sie das Gefühl, dass Sie sich nicht geliebt fühlen, wenn niemand Sie in den Arm nimmt oder Ihnen seine Liebe erklärt? Wenn Sie sich das genau anschauen, wissen Sie, was Ihnen fehlt und was Sie sich selbst in Zukunft geben müssten.

Was haben Ihre Eltern Ihnen vorgelebt und welchen Wert haben Sie Liebesbeziehungen beigemessen? War Ihre Mutter zum Beispiel alleinerziehend und oft überfordert und verzweifelt? Hat sie selbst immer nach Männern gesucht und Ihnen auf diese Art suggeriert, dass man einen Mann an der Seite haben muss, der hilft, beschützt und tröstet? Oder haben Ihre Eltern sich schon in jungen Jahren kennen gelernt und alles zusammen gemacht? Können Ihre Eltern sich gar nicht vorstellen, auf sich allein gestellt zu sein?

Sie haben große Angst davor, allein und verlassen zu sein. Was für Erfahrungen haben Sie als Kind damit gemacht, allein zu sein? Waren Sie nie allein (zu gut behütet) und konnten es nicht lernen? Oder hatten Sie oft Angst, von einem Elternteil verlassen zu werden? Ich denke zum Beispiel an das Kind von zwei Balletttänzern, das schon als kleines Kind abends alleine gelassen wurde, wenn die Eltern einen Auftritt hatten.

Es wäre sicher hilfreich, die prägenden Kindheitserfahrungen im Rahmen einer Therapie aufzuarbeiten. Als Einstieg empfehle ich Ihnen ein Buch zum Thema: Anne Wilson Schaef hat sich in ihrem Buch: "Die Flucht vor der Nähe. Warum Liebe, die süchtig macht, keine Liebe ist" intensiv mit den verschiedenen Formen der Liebessucht beschäftigt. Es gibt in vielen Städten Selbsthilfegruppen. Erste Informationen gibt die Seite www.Slaa.de. S.L.A.A. steht für Anonyme Sex- und Liebessüchtige.

Ich halte es für wichtig, dass Sie den Ursachen nachgehen und sich Unterstützung dabei holen, unabhängig zu werden und sich selbst zu lieben. Denn ansonsten wiederholen Sie Ihr Muster wieder und wieder. Und wenn Sie darauf angewiesen sind, sich schnell den Nächstbesten zu nehmen, dann hat die Beziehung wenig Aussicht auf Erfolg. Denn Sie sehen ja eigentlich nicht den Partner als Menschen, sondern Sie brauchen ihn, damit Sie nicht alleine sein müssen.

Bedürfnisse befriedigen - auch ohne Partner

Jetzt haben Sie die kostbare Chance, sich in Ihre eigene Balance zu begeben und Ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen – gerade ohne Partner. Nur wenn Sie bei sich selbst bleiben können und gelernt haben, Selbstfürsorge zu praktizieren, haben Sie bessere Chancen auf eine Beziehung, die nicht abhängig ist. Sie können Nein zu Partnern sagen, die nicht passen, weil Sie auch allein leben können. Und Sie können sich jemanden suchen, der auf eigenen Füßen stehen möchte, aber in Verbundenheit mit Ihnen leben möchte und kann.

Es wird sicher nicht einfach sein, Ihr Verhalten zu ändern und zum Beispiel nicht mehr "auf Männerfang" zu gehen oder sich nicht mehr zum Date zu treffen. Sie müssen sehr wachsam sein, damit sich nicht plötzlich doch ein Mann in Ihrem Leben befindet. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie Ihren eigenen Ängsten und Gefühlen auf die Spur kommen, indem Sie Tagebuch schreiben. Dadurch bauen Sie mehr Nähe zu sich auf, und das ist die beste Voraussetzung für partnerschaftliche Nähe.

Ich wünsche Ihnen alles Gute bei der Suche nach sich selbst!
Herzliche Grüße, Julia Peirano 


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Kommentare (1)

  • Holunder
    Holunder
    Liebe Maria,

    beim Lesen gingen mir verschiedene Fragen durch den Kopf: Was sind das wohl für Männer, und woran sind bisher Ihre Beziehungen gescheitert? Haben Sie die Initiative zur Trennung ergriffen, oder der Mann? Was war der Auslöser?

    Ich bin so ziemlich das Gegenteil von Ihnen. Ich hatte Beziehungen, konnte mich aber nie zum Zusammenleben durchringen. Manchmal signalisieren mir irgendwelche Leute, dass am meinem Leben etwas falsch ist, weil ich nicht mit einem Mann zusammenlebe. Meine Antwort: "Wieso, das muss man doch erstmal können. Alleine leben. Wenn ich mit jemandem zusammen bin, dann weil ich es wirklich möchte und nicht weil ich allein nicht klarkomme." Daraus ziehe ich eine sehr große Stärke daraus. Ich reise auch gern mal allein oder gehe aus. Mit der Zeit habe ich auch immer weniger Erwartungen daran, was andere für mich tun sollen. Andere sind nicht dazu da, meine Löcher zu stopfen. Auf wundersame Weise werden meine Beziehungen daher auch immer entspannter, und zwar nicht nur in Bezug auf Männer, sonder auf andere Menschen ganz allgemein. Es gibt Phasen, in denen ich mich etwas einsam fühle. Aber ob ein Partner mich dann wirklich retten könnte? Und Krisen haben Paare schließlich auch.

    Ich kann nur vermuten, dass Ihre Konflikte irgendwo in diesem Spannungsfeld liegen, kombiniert mit wenig Vertrauen in die eigenen Kräfte. Über die Vorschläge von Frau Peirano hinaus würde ich raten, sich einfach mal auszumalen, was schön daran sein könnte, mal ganz für sich allein zu sein. Sich vielleicht mal ein bisschen gehen lassen, nur die eigene Lieblingsmusik stundenlang hören, eine Ausstellung besuchen., mal keine Erwartungen erfüllen... Also, ich finde es herrlich, wenn mal keiner da ist. Nur Mut, und alles Gute!

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